“Wir verdienen den Nobelpreis, keine Fatwa”

Yashar Khameneh aus Teheran kam als Student nach Europa. Aus Spaß postete er auf einer satirischen Facebook- Seite über einen schiitischen Imam. Jetzt steht sein Leben auf dem Kopf.

Als Imam Naghi verbirgt Yashar Khameneh sich hinter einer Maske. Dass sie das Gesicht von Charles Manson zeigt, ist purer Zufall. Ein Mitglied der Community erfand dies einst als Logo der Facebook- Seite, und weil das so schön griffig war, übernahmen es die Anderen einfach. Yashar Khameneh druckte das Bild aus, bastelte sich eine Maske, und zog, ausgestattet mit Videokamera und Stativ, wie ein wahrhaftiger Prophet in die Wüste – oder das, was eben gerade in der Nähe war: ein Naturschutzgebiet irgendwo in den Niederlanden, mit Sanddünen und so wenig Vegetation, dass es den Zweck erfüllte.

Vor dieser Kulisse also legt Khameneh, oder eben Imam Naghi, etwas in den Sand, das wie ein Gebetsteppich aussieht. Dann greift er in seinen Kaftan und holt zwei Plüschtiere heraus, mit der Linken einen Esel, mit der Rechten ein Kamel. Beiden setzt er ein kleines Glas vor, zieht eine Flasche Rotwein aus dem Kaftan und schenkt seinen Gefährten ein, bevor er selbst das Glas hebt. Später wird er Champagner durchs Bild spritzen und mit Karten um Geld spielen, ohne sich daran zu stören, dass der Islam dies verbietet. Zum Gebet, wen überrascht das, kommt es nicht.

Zwei Monate, nachdem Yashar Khameneh, 25, sein selbst produziertes Video postete, auf einer Facebook- Seite, die dem schiitischen Imam Alī an- Naqī (kurz: Naghi) ein satirisches Denkmal gesetzt hat, könnte er selber auch eine Maske gebrauchen: weil das Regime in Teheran die Seite als Gotteslästerung sieht, steht sein Leben plötzlich auf dem Kopf. In Teheran wurde sein Vater verhaftet, kurz nachdem das Video online ging. Das Gefängnis, in dem er seither einsitzt, ist berüchtigt für Folterungen.

Yashar Khameneh ist inzwischen Asylant. In den Niederlanden, wohin er vor drei Jahren zum Studieren kam, wurde sein Antrag unlängst anerkannt. Doch Sicherheit verschafft ihm das nicht. Gegen ein Mitglied der Facebook- Seite wurde eine Fatwa ausgesprochen. Yashar Khamenehs Adresse ist geheim. Treffen kann man ihn nur im Zentrum der Stadt, in der er lebt, und deren Namen er lieber nicht in der Zeitung sehen will. An unverfänglichen, anonymen Orten inmitten Hunderter von Passanten, gerne mit WIFI- Zugang. Khameneh, legeres Auftreten und höflich im Umgang, hat seinen Laptop bei sich, ganz so, als studiere er noch International Business Management an der örtlichen Hochschule. Doch weil er sich als Asylbewerber exmatrikulieren musste, dient der Laptop vor allem dazu, seinen Fall zu erläutern.

“Kampagne, um die Schiiten an Imam Naghi zu erinnern” – so heißt die farsi- sprachige Facebook- Seite. Man sieht den Iman mit seiner Maske, daneben eine Weinflasche, das Kamel mit Sonnenbrille, den Esel und eine Moscheekuppel, auf der oben ein weiblicher Nippel thront. Übermütiger Highschool- Humor, der Khameneh trotz allem ein Grinsen über die stoppeligen Wangen treibt. Und dann folgt ein Kopfschütteln, wie er es zwischendurch immer wieder macht: so viel Aufhebens um eine solche Lappalie.

Im Mai 2011 wurde die Seite gegründet. Wie er darauf aufmerksam wurde, weiß Khameneh nicht mehr. “Wahrscheinlich hörte ich es von Freunden”, sagt er. Die Idee sprach ihn an. “Es ging darum, Imam Naghi auf satirische Weise eine neue Identität zu geben.” Naghi, der im neunten Jahrhundert lebte, ist einer der zwölf Imams, die im schiitischen Islam als unfehlbar gelten und im Iran gesetzlich vor Beleidigung geschützt sind. Zum ironischen Helden einer Facebookseite mit mehr als 22.000 Likes wurde er rein zufällig: “man weiß wenig über ihn, er ist etwas in Vergessenheit geraten”. Eins der spärlichen biographischen Details aber war eine Steilvorlage für die Community. “Es heißt, Imam Naghi starb an vergiftetem Traubensaft”, so Khameneh. “Damit ist natürlich Wein gemeint.”

Ernst nahm das Ganze am Anfang niemand. Natürlich war da dieser Anspruch: “den Aberglauben aus der Religion holen”, wie Khameneh das nennt, oder: “nichts ist zu heilig, um darüber Witze zu machen.” Deren Charakter aber war so harmlos, dass die Mitglieder Klarnamen gebrauchten. “Niemand dachte, dass das ernsthaft oder gar gefährlich werden könnte”. Doch nach einigen Wochen tauchten auf schiitischen Websites Screenshots auf, von Usern, die Beiträge der Naghi- Seite geliket hatten. Den betreffenden Personen wurde vorgeworfen, für die Naghi- Seite verantwortlich zu sein. Man drohte, sie zu identifizieren und bei den iranischen Behörden bekannt zu machen.

Hier, das weiß Yashar Khameneh nun, hätte er gewarnt sein müssen. Denn das Regime in Teheran verfolgt als einer der restriktivsten Zensoren des World Wide Web nicht nur das Ziel eines sogenannten “Halal- Internet” – es unterhält auch eine sogenannte Cyber Army, die auf Online- Medien gegen die Opposition vorgeht. Die Maßnahmen, die Khameneh ergriff, sprechen dafür, dass er nicht an eine wirkliche Bedrohung glaubte: “Sie wollten den Leuten nur Angst machen. Also wählte ich einen Nickname und einen Avatar. Der Fehler war, dass ich meinen Vornamen nicht veränderte. Dann setzten wir unsere Aktivitäten fort. Die Seite wurde unterdessen populärer.”

Zweifellos kann man Yashar Khameneh naiv finden. Bevor der ironische Hype um den Imam erst zu einem Schneeball wurde und dann zu einer Lawine, hatte er keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet. “Weder mit Bloggen noch mit Satire oder Videos machen”. Auch einen politischen Hintergrund sucht man vergeblich. Aktivist? “Nein, ein Aktivist war ich nie!” Kein Rebell, wohl aber ein nachdenklicher, kritischer Geist. Sein Ingenieursstudium in Teheran brach Khameneh nach drei Jahren ab, denn es interessierte ihn nicht. Nach Europa kam er, weil er im Iran keine Zukunft sah.

Und die Familie? Was für ein Gefüge ist es, über das mit der Verhaftung seines Vaters unvermittelt der heilige Zorn des iranischen Regimes herein brach ? Yashar Khamenehs Hintergrund ist bürgerlich- konservativ. Beide Eltern sind Akademiker, die Mutter Chemikerin, der Vater Computer- Ingenieur. Von seinen Aktivitäten wussten sie nichts, gut geheißen hätten sie sie andernfalls erst recht nicht. Im Gegenteil: “Meine Mutter versuchte immer, mir die Religion näher zu bringen.” Woran ihr Sohn spätestens seit der Schulzeit mit dem obligatorischen religiösen Lektüreprogramm kein Interesse mehr hatte.

Dass der Spott, den er zehn Jahre später mit dem heiligen Naghi treiben sollte, zum Bumerang würde, hatte mit einem anderen Spielfeld des gleichen Konflikts zu tun: dem Fall des Polit- Rappers Shahin Najafi, über den die religiösen Autoritäten der Islamischen Republik das Todesurteil sprachen (siehe Kasten). In Interviews erklärte Najafi, die besagte Facebookseite habe ihn zu seinem Song über Imam Naghi inspiriert – wodurch die Bekanntheit der Seite in die Höhe schnellte. Das war im Mai, und Yashar Khameneh arbeitete zu diesem Zeitpunkt am oben beschriebenen Videoclip, dem letzten von fünf, die er postete. “Zum ersten Geburtstag der Naghi- Kampagne am 11. Mai ging es online. In zehn Tagen wurde es 60.000 Mal angeschaut.”

Zwei Wochen später erhielt er einen Anruf. Sein Vater teilte ihm mit, der Geheimdienst sei im elterlichen Haus und erwarte seine Kooperation. Binnen einer Stunde verlangten sie Passwörter zu Yashar Khamenehs E-mail-Account, seinem Webblog sowie seiner persönlichen Facebookseite, auf die er Inhalte der Naghi- Kampagne verlinkt hatte. Für jemand mit vergleichbar wenig Erfahrung blieb Khameneh bemerkenswert gelassen. Er entschied sich, die Passwörter nicht heraus zu rücken. “Das hätte andere Menschen in Probleme bringen können.” Stattdessen löschte er Accounts und Blog. Nicht genug – wie angedroht, wurde sein Vater eine Stunde darauf verhaftet.

Was folgte, war ein Alptraum. Die ältere Schwester erzählte am Telefon sagte, der Geheimdienst halte Yashar für den Administrator der Facebook- Seite. Solange er sie nicht schließe, bleibe sein Vater in Haft. Auch hätte man heraus gefunden, er habe in den Niederlanden gar nicht studiert, sondern nur “antireligiöse Aktivitäten” betrieben. Khameneh tat, was er konnte: er schickte seiner Schwester die Einschreibebescheinigungen. Er mailte dem Administrator der Seite und bat ihn, sie offline zu schalten. Eine Antwort bekam er nicht. Als seine Schwester ihn fragte, ein Entschuldigungsvideo auf zu nehmen, tat er auch das. Doch sein Vater blieb im Gefängnis.

Nach wenigen Wochen wurde es Yashar Khameneh zu viel. Das Weinen seiner Mutter am Telefon, die Vorwürfe, die Schuldzuweisungen. Das Unverständnis für seine Ansichten, was ist schon Meinungsfreiheit, wenn der Mann und Vater dafür im Gefängnis sitzt? Von dort hinterließ Abbas Khameneh eines Tages eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter seiner Familie: wenn sein Sohn die Seite nicht schließe, wisse er nicht, ob er am nächsten Tag noch lebe. Kurz danach brach Yashar Khameneh den Kontakt zu seiner Familie ab.

Die Art, wie er über die letzten Monate spricht, muss man wohl gefasst nennen. “Es ist eine Geiselnahme, was sonst?”, fragt er, mit durchdringenden Augen. “Sie haben kein Wort über sein Verbrechen verloren. Er hat keinen Anwalt, bekommt keinen Besuch. Und es gibt keinen rechtlichen Weg, ihm zu helfen.” Was Yashar Khameneh bleibt, ist der Gang an die Öffentlichkeit, während er sich eigentlich bedeckt halten will. In iranischen Exilmedien fand der Fall viel Beachtung, BBC und Guardian berichteten ebenso wie CNN. Darüber zu sprechen, findet er “ärgerlich.” Was das Ganze sonst noch mit ihm macht, verbirgt er. Wovor Yashar Khameneh Angst hat? “Dass der Geheindienst meinen Vater zwingt, etwas zu gestehen, das er nicht getan hat.”

Noch immer fällt es Khameneh schwer, die Dimension zu begreifen, die die Dinge angenommen haben. Das einzige Ziel der Kampagne, beteuert er, war Meinungsfreiheit. Muslime sollen das Recht haben, ihre Bücher zu publizieren. Und Ungläubige das Recht, sie zu kritisieren. Nicht mehr, nicht weniger. “Wir wollen nicht den Islam zerstören. Wir bedrohen niemand, wir beleidigen niemand, wir wollen niemanden verletzen.” Darum ist der Charakter, den sie Imam Naghi gegeben haben, auch ein freundlicher. “Eigentlich verdienen wir den Nobelpreis, keine Fatwa.”

Als wollten sie diese Einschätzung unterstreichen, springen die Avatare mit ihren Imam- Manson- Masken humpenschwingend über den Bildschirm. Dann erscheint Manneken Pis, auch er mit der Naghi- Maske ausgestattet. Der Imam, wie seine neuzeitliche Gefolgschaft ihn sieht, ist entspannt und trinkt, er frönt dem Glücksspiel, und hat, so Khameneh, “zu viele sexuelle Begierden”. Spezifischer will er darüber nicht werden. Da ist er wieder, dieser seltsamee Zwiespalt. Einerseits muss er grinsen, andererseits, weiß er, wie brisant das alles ist. Und dass in Teheran sein Vater dafür büßen kann.

Shahin Najafi: Kopfgeld auf einen Rapper

Wie gefährlich missliebige Töne über einen vemeintlich heiligen Imam sind, zeigt in diesem Sommer der Fall des Rappers Shahin Najafi. Der Iraner, der seit 2005 in Deutschland lebt, veröffentlichte im Mai den satirischen Song “Naghi”. Darin wimmelt es von sexuellen Anspielungen und sozialkritischen Verweisen auf die Situation im Iran.

Wenig später sprachen mehrere Großayatollahs wegen Abtrünnigkeit Todesfatwas gegen Najafi aus. Die schiitische Website Shia Online setzte ein Kopfgeld von 100.000 $ auf Najafi aus. Auch eine Facebook- Kampagne ruft zur Ermordung des Rappers, auf der seit Jahren international als Kritker des Regimes in Erscheinung tritt. Ihre mehr als 800 Mitglieder erklärten sich dazu bereit.

Shahin Najafi verließ einst den Iran, nachdem er für ein Lied zu 100 Peitschenhieben und drei Jahren Haft verurteilt wurde. Die Fatwas sorgen dafür, dass er auch im Exil nicht sicher ist. Nach Bekanntwerden der Todesdrohungen tauchte er unter. Unterstützt wird er von Günter Wallraff. Nicht nur deswegen werden vielfach Parallelen gezogen zwischen Najafi und Salman Rushdie.

Erschienen in Der Freitag, 2. August 2012

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