Tiefes Bedauern, flacher Effekt

Der postkoloniale Diskurs in den Niederlanden

Passanten und Bewohner der Palmgracht im Amsterdamer Quartier Jordaan wunderten sich, als sie eines Tages im September 2015 eine neue Reklame an einer Hauswand vorfanden. Nicht nur, weil es an dieser Kreuzung in der Mitte der Straße bis dato keine Werbe- Fläche gegeben hatte. Auch der Inhalt machte stutzig:  “Indische Armee” stand dort in fetten Blockbuchstaben, und etwas kleiner darunter eine Adresse, wo Interessierte sich informieren und annehmen lassen könnten. Es folgte die Mitteilung: “Reisekosten werden erstattet”.

Verantwortlich für das handgemalte Plakat in Rot und Blau auf Weiß war die “Arbeitsgruppe Historische Wandreklame Amsterdam”, die in der niederländischen Hauptstadt alte Werbeflächen im Original- Design neu anbringt. In diesem Fall ging es um einen Aufruf der Regierung aus dem Jahr 1920, um, so die lokale Tageszeitung Het Parool, “junge und chancenlose Männer” aus dem früheren Arbeiterviertel Jordaan zum Dienst in der Kolonial- Armee in Niederländisch- Indien, dem heutigen Indonesien, zu werben.  

Hinterher räumte die Arbeitsgruppe, die aus Freiwilligen besteht, ein, die Öffentlichkeitsarbeit vernachlässigt zu haben. Nach der Zustimmung der Hausbesitzerin, einer Wohnungsbaugesellschaft, habe man nicht alle Umwohnenden vorab informiert. Het Parool zitiert einen empörten Nachbarn, der nun “jeden Tag mit einem Aufruf zu einer Unterdrückungs- Armee zu gehen, konfrontiert ist.” Die Arbeitsgruppe reagierte lapidar: neben einigen negativen habe man auch viele positive Reaktionen empfangen. Womit die Aktion zu einem “Aufhänger für gute Gespräche über dieses sensible Thema” geworden sei.

Mehr als drei Jahre später ist das eigenwillige murial noch immer zu sehen. Das mit den “guten Gesprächen” hingegen hält sich in überschaubaren Grenzen. Was symptomatisch ist, denn ein intensiver öffentlicher Diskurs zur kolonialen Vergangenheit sowie der Rolle im Sklavenhandel findet in den Niederlanden meist nur begrenzt statt. Aus internationalem Blickwinkel springt nur der Konflikt um den rassistischen Gehalt des Sinterklaas- Helfers Zwarte Piet ins Auge, der dann gemeinhin als ein Stück grotesker Folklore dargestellt wird.

Festzuhalten ist zunächst, dass die Niederlande im transatlantischen Sklavenhandel eine bedeutende Rolle spielten. Im 17. und 18. Jahrhundert verschifften sie mehr als eine halbe Million Menschen aus Afrika nach Amerika, wofür sowohl die West- Indische Compagnie (WIC) als auch die Middelburgsche Commercie Compagnie (MCC) verantwortlich waren. Dabei ging es nicht nur um Arbeitskräfte, die auf den Plantagen der Kolonie Surinam zwangsausgebeutet wurden, sondern auch um den Sklavenmarkt auf  Curaçao, einer weiteren Kolonie, welcher der wichtigste der karibischen Region war.

Auch die koloniale Ökonomie im späteren Indonesien basierte zu weiten Teilen auf der Ausbeutung von Leibeigenen. Dadurch ist auch der Name der Verenigde Oostindische Compagnie (VOC)  schwer belastet, wie etwa der Historiker Reggie Baay betont. 2015 veröffentlichte er darüber ein Buch mit dem Titel Daar werd wat gruwelijks verricht (deutsch: ´Dort wurde etwas grässliches verrichtet´): slavernij in Nederlands- Indië. Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass der damalige Premier Jan- Peter Balkenende sich noch 2006 positiv auf eine vermeintliche “VOC- Mentalität” berief und deren Dynamik und Einstellung des “Über- Grenzen- Hinwegschauens” als Vorbild rühmte.

Eine Aussage, die tief blicken lässt. Nicht etwa, weil der damalige Regierungschef Zwangsarbeit und koloniale Gewalt gutgeheißen hätte. Vielmehr, weil er sie in diesem Fall schlicht nicht sah und somit einen selektiven Blick auf die eigene Geschichte offenbarte –just  in einer Zeit, in der antirassistische Arbeitsgruppen und Aktivisten erstmals so etwas wie ein breiteres öffentliches Echo erzielten, wenn sie Diskussionen zu Fragen der Vergangenheitspolitik in Form von Gedenkveranstaltungen und Sklaverei- Monumenten (siehe iz3w Nr.296/ 2006) anstießen.

Im gleichen Jahr übrigens präsentierte eine Spezialistenkommission im Auftrag der Regierung einen verbindlichen historischen Kanon für den niederländischen Geschichtsunterricht. Unter den 50 ausgewählten Themen finden sich auch “Sklaverei”, “Indonesien” (was vor allem auf den dortigen Unabhängigkeitskampf kurz nach Ende des weiten Weltkriegs abzielt) sowie das kolonialkritische Buch “Max Havelaar” des Schriftstellers Multatuli, das die Zustände im Niederländisch- Indien des 19. Jahrhundert anprangert.

Diese Ambivalenz hat sich bis heute gehalten. Zum einen hat sich gerade in den letzten Jahren einiges getan in den Niederlanden, was das Verhältnis zur Vergangenheit angeht – im Sinne dessen, dieser ins Auge zu blicken und einen Platz im öffentlichen Leben zu geben. Davon zeugen diverse Monumente oder die jährliche Live- Ausstrahlung der Keti Koti (´Zerbrochene Ketten´)- Feiern im Öffentlich- Rechtlichen TV. Der Gedenktag am ersten Juli erinnert an die Abschaffung der Sklaverei in Surinam und auf den niederländischen Antillen im Jahr 1863. 

Regelmäßig taucht zu diesem Anlass ein umstrittener Punkt auf: die Frage nach einer offiziellen Entschuldigung seitens der niederländischen Regierung. Um diese laviert man in Den Haag schon seit langem herum. Bereits 2001 erklärte der damalige Minister Roger van Boxtel bei der UN- Antirassismus- Konferenz in Südafrka, die Niederlande erkannten ihr “großes Unrecht” an. 2013, zur 150- Jahr Feier des Sklaverei- Endes, äußerte Vizepremier Lodewijk Asscher im Namen der Regierung “Bedauern und tiefe Reue”.

Es war am Vorabend des letzten Keti Koti- Gedenkens, als Ahmed Aboutaleb Konsequenzen forderte. Bei einer Veranstaltung in Rotterdam sagte der Bürgermeister der Hafenmetropole: “Asscher hat tiefes Bedauern bezeugt. Der nächste Schritt sind Entschuldigungen. Dazu rufe ich das Kabinett auf.” In einer Stellungnahme der Regierung heißt es dagegen in hölzernen Worten: “Das heutige Kabinett bedauert, genau wie die vorigen, die Geschehnisse zu Zeiten der Sklavereivergangenheit sehr. Es ist eine schwarze Seite unserer Geschichte. Wir dürfen nie vergessen, was geschehen ist.”

Was hinter dem rhetorischen Eiertanz steckt, ist kein Geheimnis: ähnlich wie die deutsche Regierung im Fall der kolonialen Gewalt- Exzesse in Namibia, fürchtet auch Den Haag im Fall einer Entschuldigung mit Reparationsansprüchen konfrontiert zu werden. Die Kuppel- Organisation Landelijk Platform Slavernijverleden, ein Verband verschiedener Gruppen, die sich mit der niederländischen Sklaverei- Geschichte beschäftigen, sieht das so:  “Erst wenn Entschädigungen (was mehr ist als nur Geld) einschließlich des Anbietens von Entschuldigungen … realisiert sind, kann davon die Rede sein, das Thema niederländische Sklaverei abzuschließen.”

Die Ambivalenz hat noch eine weitere Dimension: einerseits sieht man in den letzten Jahren eine zunehmende Anerkennung der Vergangenheit, etwa durch mehr dezentrale Keti Koti- Gedenkfeiern in verschiedenen Städten. Auch publizistisch ist einiges in Bewegung geraten. So erschien 2018 die zweite Auflage des Stadtführers Amsterdam Slavery Heritage Guide, der in der Hauptstadt zahlreiche Verbindungen mit dem Sklavenhandel aufzeigt. Die Intitiative Mapping Slavery NL veröffentlichte in diesem Herbst die fünfteilige Video- Serie “Spuren der Sklaverei”, die sich dem gleichen Ziel auf Landesebene widmet.

Geht man einen Schritt weiter und schaut, wer hinter diesen Initiativen steht, stößt man jedoch  recht schnell auf die gleichen Namen. Der Befund ist deutlich: die Protagonisten auf dem Gebiet sind sind noch immer eine aktivistische oder akademische Vorhut, die dem allgemeinen Diskurs in Gesellschaft und Politik sehr weit voraus sind –  und es sieht nicht danach aus, als sollte diese Kluft in absehbarer Zeit geringer werden.

Wie weit die Realitäten auseinanderliegen, machte just die letzte Live- Übertragung der 1.Juli- Gedenkfeiern deutlich. Ein junger, dunkelhäutiger Mann in Surinam- Trikot sagte dem Rundfunksender NOS ins Mikrofon, der Tag bedeute ihm “Freiheit – nicht nur für die Surinamer, sondern für alle”. In emotionaler Hinsicht verglich er das Gedenken mit dem 5. Mai, dem Befreiungstag der Niederlande von der deutschen Besatzung. Die Forderung aus Keti Koti einen nationalen Feiertag zu machen, ist aber nicht sehr verbreitet, und weiße Niederländer im Publikum fallen immer noch auf.

Daraus auf direkte Ablehnung in der weißen Bevölkerungsmehrheit zu schließen, macht die Sache dennoch zu einfach. Nicht, dass es die nicht gebe – aber im Gros überwiegt eine Perspektive, die dem unbedarften VOC- Abfeiern von Ex- Premier Balkenende gar nicht unähnlich ist. Es geht um ein jahrzehntelang gepflegtes Selbstverständnis als multikulturelle Gesellschaft, in deren Supermärkten indonesische Artikel zum Standardsortiment gehören, und wo die Snackbars neben frikandel selbstverständlich “bami”, “nasi” oder surinamesisches  roti mit Huhn servieren.

Mit den Schattenseiten der Geschichte setzte man sich dagegen kaum auseinander. Ebensowenig scheinen sich Teile der Bevölkerung bis heute daran zu stoßen, dass Schulen entsprechend der Herkunft ihrer Kinder als witte school oder zwarte school bezeichnet werden. Das auch international und zumal in Deutschland verbreitete Bild der vermeintlich ultra- liberalen Niederlande, wo alles möglich und toleriert ist, war immer ein Mythos – allerdings einer, den auch viele hier Wohnende verinnerlicht haben. So sehr, dass interessierte Ausländer zuletzt oft einen Satz zu hören bekommen, der zwar unsinnig ist, nichtsdestotrotz aber eine populäre Erklärung des Rechtsrucks der letzten zwanzig Jahre: ´maybe we have been too tolerant´.

All diese Entwicklungen helfen die  seltsame Gemengelage zu verstehen, die im jährlich wiederkehrenden Streit um Zwarte Piet, den überaus beliebten Sidekick des niederländischen Nikolaus Sinterklaas, entstanden ist. “Piet”, wie er kurz und durchaus liebevoll genannt wird, ist als traditionelle Figur zwar älter als die koloniale Ära, entwickelte währenddessen aber deutlich Züge eines dunkelhäutigen Untergebenen im Dienst des weißen Kinderfreunds “Sint”. Der Blackfacing- Gehalt ist unbestreitbar, sodass bei den großen Straßenfesten inzwischen optische Korrekturen Standard sind – etwa rußige Streifen im Gesicht der “Pieten”, da die Figur einer alten Überlieferung zu Folge durch den Schornstein in die Häuser kommt um Geschenke abzuliefern.

Unterdessen können weite Teile der Bevölkerung mit diesen Veränderungen ebensowenig anfangen wie mit der vehementen Kritik antirassistischer Aktivisten. Zum einen, weil es sich “nur um ein Kinderfest” handelt. Hinzu kommt, dass der sentimental stark besetzten Figur des Zwarte Piet ebenso wie seinem bärtigen Weisungsbefugten nichts entgegenschlägt als kindliche Zuneigung. Letzteres gilt übrigens auch für Eltern und andere Erwachsene, die damit ihre eigenen Erinnerungen pflegen. Und, so folgert man vielfach: wie kann soviel Liebe denn rassistisch sein, erst recht, wenn wir keinerlei derartigen Absichten verfolgen?

Daneben gibt es eine wachsende Zahl von Niederländern, die die optischen Eingriffe in Piets Äußeres nicht nur als politisch korrekte Bevormundung empfehlen, sondern auch auf Angriff auf die vermeintlich eigene Kultur. Und so hat sich aus dem Streit um Zwarte Piet eine tiefere politische Auseinandersetzung entwickelt, die nicht nur in Gerichtssälen ausgetragen wird – bei der Frage nach dem rassistischen Gehalt der Figur – sondern auch auf den Straßen: mit massiven Polizeiaufgeboten beim jährlichen Sinterklaas- Einzug, Demonstrationsverboten und einer symbolisch turmhoch überfrachteten Solidarisierung mit Zwarte Piet vom Boulevardblatt Telegraaf bis hin zur identitären radikalen Rechten.

Das Klima hat sich in den letzten Jahren merklich aufgeheizt. Insofern ist die Personalie Piet ein Gradmesser für die allgemeine Tendenz zur Polarisierung. Beigetragen dazu haben jedoch nicht allein die rechtspopulistischen Parteien wie die einstige Lijst Pim Fortuyn, die Partij voor de Vrijheid von Geert Wilders und das neu aufgekommene Forum voor Democratie (FvD). Auch die in den letzten Jahren entstandenen und vielfach vereinfachend “Migrantenparteien” genannten DENK oder NIDA neigen zur Identitätspolitik.

DENK hat seine Anhänger vor allem im Milieu der türkischstämmigen Niederländer und fällt neben Multikulti- Rhetorik durch eine latente Nähe zu AKP und Grauen Wölfen auf. NIDA, als Rotterdamer Stadtpartei begonnen, versteht sich als links und “islamisch inspiriert” und zeichnet sich mehrfach durch ihre Verbindung zu Anti- Israel- Initiativen auf. Beide haben inzwischen Themen wie den niederländischen Kolonialismus und Sklavereivergangenheit entdeckt.

Für progressive antirassistische Kräfte macht das den postkolonialen Diskurs nicht einfacher. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Beschluss des Rotterdamer Gemeinderats, die eigene Sklaverei- Vergangenheit untersuchen zu lassen. Als erste niederländische Stadt entschied man sich im Spätsommer 2018 dazu. 2020 sollen Ergebnisse vorliegen. Die Fraktion der wirtschaftsliberalen Partei VVD, die auch die Den Haager Regierung leitet, bangt jetzt davor, dass in der Folge Straßennamen verändert und “mehr Spannungen zwischen den diversen ethnischen Gruppen in der Stadt”, so die konservative Wochenzeitung Elsevier.

In diesem Kontext spielt sich auch die Disukssion um ein niederländisches Sklavereimuseum ab. In der Hauptstadt Amsterdam laufen derzeit vorbereitende Untersuchungen, nachdem der Gemeinderat 2017 einen entsprechenden Antrag angenommen hatte. Die Dezernentin für Diversität, Simone Kukenheim, kommentierte in Het Parool: “Der Anteil der Niederlande am Sklavenhandel hat sichtbare und unsichtbare Spuren hinterlassen und ist mehr als eine schwarze Seite in den Geschichtsbüchern.” Die Stadtregierung sei sich daher bewusst, wie wichtig es sei, die Vergangenheit anzuerkennen.

Simion Blom an, der für GroenLinks im Stadtrat sitzt und 2017 die Initiative für das Museum nahm, beschreibt seine Motivation so: “ Es geht darum einander zu begreifen und zu sehen, wie verwoben wir miteinander sind. Ein solches Museum ist ein Zeichen einer erwachsenen Gesellschaft.” Auf dem Weg dorthin gilt es gleichwohl noch einige Klippen zu umschiffen. Denn einerseits, so der in Surinams Hauptstadt Paramaribo geborene Politiker, gebe es “ immer mehr Menschen, Journalisten, Studenten und Regierungen, die sich informieren wollen, was die Sklavereivergangenheit beinhaltete und was das für die heutige Gesellschaft bedeutet. ”

Andererseits aber sieht Blom vor allem in der Politik Revanchismus, gerade bei konservativen Parteien wie dem christdemokratischen CDA und der VVD,  “ und Niederländern, die denken, ihnen sollte ein Schuldgefühl angehängt werden. Doch genau darum geht es nicht. Ich denke, dass gerade Schuldgefühle eine solche Entwicklung bislang verhinderten.“

Erschienen in iz3w, Januar/ Februar 2019

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