Polyglotte Peripherie

 

Hinter den Hügeln, zwischen den Grenzen, und in allen Sprachen zu Hause: unterwegs in Eupen, der Hauptstadt des deutschsprachigen Belgiens.

Der ganze Mann ist Belgien! Die Mütze geringelt in den Landesfarben, rote Jacke, gelbe Hose, schwarz- gelb- rote Turnschuhe, und gleich zwei Fanschals um den Hals. Alain Brock hat sich in Schale geworfen, schliesslich steht eine Premiere an in Eupen: zum ersten Mal wird in dem Städtchen zwischen Aachen und Lüttich ein WM- Spiel öffentlich übertragen. Für Brock, 46, bedeutet das Pauken und Trompeten, jedes Mal, wenn sein Handy klingelt und ein Orchester die Brabançonne intoniert, die belgische Hymne. Und weil er das Public Viewing organisiert, geschieht das alle paar Minuten.

Man könnte sagen, Alain Brock, beschäftigt im Stadtmarketing Eupens, vormals Bankdirektor und Karnevalsprinz, habe einen Hang zur Symbolpolitik. Was daran liegen könnte, dass er den lokalen Fanclub der “Roten Teufel”, der belgischen Nationalmannschaft, leitet. Oder auch daran, dass Symbole und Identität in dieser Gegend schon immer eine eigene Rolle spielten. Man gehörte zu Burgund, Habsburg, Frankreich und Preussen, und nach dem Versailler Vertrag zu Belgien. Wurde annektiert von Nazi- Deutschland, befreit von den Alliierten, dann ging es zurück nach Belgien.

Heute spricht man vor allem deutsch, schaltet bei Bedarf um auf französisch, manchmal auch niederländisch. Und fühlt sich? “Belgisch”, sagt Alain Brock ohne Zögern. Die Leinwand ist aufgebaut, die Lautsprecher getestet. Während die ersten Fans durch die Eupener Innenstadt flanieren, begibt er sich auf ein Starkbier ins nahe Café Columbus. An der Wand hängt ein Portrait der belgischen Königsfamilie, gleich daneben ein Poster der Roten Teufel. Sport- Bild und Grenz- Echo, das Leitmedium des deutschsprachigen Ostbelgiens, liegen am Tresen. Im Radio läuft Sweet Home Alabama.

Alain Brock hat sein ganzes Leben in Eupen verbracht. Lebende Stadtgeschichte ist dieser Mann, das eingelöste Versprechen von Bürgermeister Hugo Zimmermann, der 1945 versicherte, die Eupener seien von jetzt an loyale Belgier. Zu jener Zeit rollte eine Internierungswelle durch die Region, wo weite Teile der Bevölkerung mit den Nazis kollaboriert hatten. Auch durch Familie Brock verlief eine Front: Alains Grossväter wurden für Deutschland eingezogen, auf Seiten einer Grossmutter gab es Partisanen. Eine Generation später bekamen die Kinder bewusst französische Vornamen: René, Charles, Jeanine und Alain.

Draussen auf dem Platz ist längst kein Durchkommen mehr. Menschen stauen sich zwischen den pittoresken Häusern, die an ein Playmobil- Städtchen erinnern. Freilich eins, dass kurz vor der Eruption steht, als Alain Brock zum Mikrofon greift. “Dieses Public Viewing hat neun Monate Planung gekostet”, sagt er. “Eine ganze Schwangerschaft”. Offensichtlich macht der rheinische Hang zum Kalauern nicht Halt an der Grenze, die gerade zehn Kilometer entfernt liegt. “Und jetzt ein dreifaches Zickezacke!”-  “Heiheihei”, schreit die Menge zurück. Allez les belges, scheppert es aus den Lautsprechern. Dann übernimmt der Kommentator, auch auf französisch.

Eupen ist ein Flickenteppich. Eupen ist eklektisch. Es gibt das Restaurant Aux Sans Souci und die Pension Zum Goldenen Anker, deren 24 Stunden- Bar wahrlich ein Anker der kleinstädtischen Nachtfauna ist. Bistros wie Le Palais, und Konditoreien wie in Rentners’ Paradise, wo das Kännchen Kaffee regiert. Das Kulturbüro im Zentrum preist die Nikolauskirmes an, eine ACDC- Party draussen am Campingplatz, aber auch Klassik- Konzerte. Und kündigt die Litfass- Säule dort tatsächlich einen Auftritt der Bläck Fööss an?

Auch beim Fussball, sagt Alain Brock, steht man den Clubs aus dem benachbarten NRW näher als dem örtlichen Zweitligisten AS Eupen. Doch wenn es ums Nationalteam geht, feuert man nicht nur frenetisch die Roten Teufel an, sondert oft auch den deutschen Gegner. Warum? “Zuerstmal sind wir Belgier. Und dann ist da die deutsche Arroganz, nicht nur im Fussball. Diese Überheblichkeit gegenüber anderen Ländern. Das bekommen wir mit, weil wir deutsches Fernsehen schauen und die gleiche Sprache sprechen.” Dass diese Einschätzung mit dem Selbstbild zu tun hat, gibt er unumwunden zu. “Wir sehen uns als kleine Belgier, die von der Geschichte ein paarmal überrannt wurden.”

In den letzten Jahren ist Bewegung gekommen in die Eupener Fussball- Fronten. Ohnehin ziehen die Spiele der Deutschen mehr Zuschauer in die Kneipen als die anderer Teams, denn irgendwie sind die DFB- Kicker ja auch die Stars der eigenen Lieblingsclubs. Den Rest besorgt die Zeit. “Bei der jüngeren Generation sieht man weniger Resentiments gegen Deutschland”, so Alain Brock. Inzwischen gebe es sogar Menschen, die den grossen Nachbarn die Daumen drückten.

Wie wahr: drei Wochen später, das WM- Abenteuer der Roten Teufel ist soeben zu Ende gegangen, werden sogar seine beiden Kinder zu Deutschland halten. Vorläufig entlockt es Alain Brock ein Grinsen, dass just die deutsche Eventform des Public Viewing der Euphorie um die Roten Teufel ein passendes Gefäss bietet. Ironisch? Ja, das ist es.

Zuerst fällt sie gar nicht auf, die deutsche Flagge, die sich zwei Stunden später aus einem Aachener Auto hängend in den Korso einreiht, der durch die Innenstadt rast. Die Farben sind ja auch die gleichen wie jene, die aus den anderen Fahrzeugen und vor den Fassaden der Häuser wehen. Belgien hat sein erstes WM- Spiel seit zwölf Jahren gewonnen, egal wie mühsam das war. Die Freude darüber breitet sich hupend in die Hügel aus. Allez les belges, schallt es den Autos aus der Stadt hinterher.

Wer dieses eigenartige Kaleidoskop namens Eupen dechiffrieren will, landet schnell bei Karl- Heinz Lambertz. Ein Mann mit Symbolkraft, seit 15 Jahren Ministerpräsident der 77.000 deutschspachigen Belgier – bis Ende Juni, dann wird er abgelöst. Lambertz, 62, ist eine Galionsfigur von massiver Gestalt, von der es scheint, als sei sie schon immer dagewesen. Sein Amtssitz, eine prächtige Tuchmachervilla zwischen Bahnhof und Zentrum, erinnert an die Textil- Tradition des Städtchens im 17. Jahrhundert. Sie hebt sich ab von den schmucken, niedrigen Häusern, die sie umgeben.

Das Kleine, Unscheinbare seiner Gemeinschaft: das ist das Leitmotiv im politischen Leben des Karl- Heinz Lambertz. Der Ministerpräsident  betont die Rolle des deutschsprachigen Belgier als Spielball der Geschichte, noch dazu mit Randlage, egal zu wem sie gerade gehörten. Ihre heutige Autonomie verdanken sie dem Zwist der Flamen und Wallonen: in dessen Rahmen wurden in den letzten 50 Jahren immer mehr Befugnisse auf Regionen und Sprachgruppen verlagert. So bekam auch die “Deutschsprachige Gemeinschaft”, wie sie offiziell heisst, ein Parlament, eine vierköpfige Regierung und weitreichende Rechte.

Lambertz hat diese Entwicklung entscheidend mitgeprägt, und ist doch, wie die meisten hier, Belgier durch und durch. Diese Kombination unterscheidet die Deutschsprachigen auch von den Südtirolern. Man schimpft hier nicht auf die Regierung in der fernen Hauptstadt, sondern schätzt den belgischen Föderalismus als Quelle der eigenen Autonomie. Deswegen hatte der Ministerpräsident auch nichts mit der “Partei deutschsprachiger Belgier” am Hut, die in den 1970ern an vermeintlich deutsche Wurzeln appellierte. Der Jurastudent Karl- Heinz Lambertz ging damals zu den Sozialisten. “Regionale Einheitsparteien” mag er nicht –  “weil Einsatz für die kulturelle Besonderheit die Ideologie nicht ausschliesst”.

Die volkstümliche Seite des Ministerpräsienten zeigt sich auf einem Bummel zum Wochenmarkt. Die halbe Stadt scheint auf den Beinen, ständig wird er begrüsst, nicht wie eine Honoration, eher wie ein Bekannter. Lambertz bleibt bereitwillig stehen, “wie jeht et, jut? “,und redet ein paar Takte. Als was sehen sie sich denn nun, die Eupener? “Die Menschen hierrr”, beginnt Karl- Heinz Lambertz, und sein Akzent klingt jetzt fast französisch, “wissen vor allem, was sie nicht sind: sie wollen keine Deutschen sein, aber auch keine Wallonen. Eigentlich sind wir nur deutschsprachige Belgier.”

Als Bekenntnis zu “einem Land mit verschiedenen Volksgruppen” will der Ministerpräsident das verstanden wissen. Von deren Reibereien hat man zweifellos profitiert, doch die latente flämisch- wallonische Krise der letzten Jahre sorgt in Eupen für Besorgnis. Wiewohl man Teil der Wallonie ist, positioniert man sich nicht, ähnlich wie ein Kind, das zwischen den streitenden Eltern keine Seite wählen will. Darum sagt ein Sprichwort auch, die “letzten echten Belgier” seien ganz am Rande des Landes zu finden.

Beim Wochenmarkt auf dem Werthplatz sieht man Belgien in einer Nussschale – ohne Streit, versteht sich. Vorne stehen Blumenverkäufer aus dem flämischen Bilzen, zwischen Maastricht und Hasselt gelegen. Die Töpfe sind mit Aufklebern versehen, auf denen “au choix” steht oder “3 pour 10”. Der Obststand ist frankofon, der mit Fleisch und Wurst aus der DG, auch aus Deutschland sind Händler und Kunden angereist. Bei den Delikatessen wird jede Vorliebe bedient. “Was Scharfes, was Wildes, was Süsses”, flötet der Verkäufer, während sich zwei Passanten mit bonne weekend verabschieden.

Ein paar Minuten ausserhalb der Stadt lässt sich kaum noch erkennen, wo Belgien aufhört und Deutschland anfängt. Am Grenzübergang “Köpfchen” liegen die alten Zollstationen verwaist an der Landstrasse, niemand, der ihretwegen die Fahrt mindern oder gar anhalten würde. Schranken gibt es schon seit 30 Jahren keine mehr, mit Schengen verschwanden die Grenzanlagen. Dort, wo die Grenze verlaufen muss, springt ein Erdbeerstand ins Auge.

Eingeweihte legen hier, auf dem grünen Plateau mit seinen Hinweistafeln für Möbelhäuser, gerne aus anderen Gründen einen Boxenstop ein: Pommes und Champagner, dies ist der programmatische Untertitel des Café de Frites. Eine kleine, grau geflieste Gaststube mit Wänden in grellem Lila. Bunte Kronleuchter hängen an der Decke, über der offenen Küche sind ein paar Weine an die Wand geschrieben. Neue Gäste bekommen einen Tisch angewiesen und bald darauf ein mariniertes Läppchen Rinderfilet als Vorspeise – fürwahr, eine Luxus- Frittenbude, auf belgischem Grundgebiet, betrieben von Deutschen .

Valentine Lilien, 24, ist ein Kind des Grenzlands. Aufgewachsen in Eupen, ihre frankofonen Eltern schickten sie zu den Pfadfindern, um Deutsch zu lernen, die Schule absolvierte sie zweisprachig, wie das hier üblich ist. Und doch bleibt ihr manches fremd:  “Fritten und Champagner, das geht nicht zusammen”, findet sie und verzieht das Gesicht. Das erinnert sie an morgendliche Sektempfänge, die ihr einfallen, wenn man sie nach typisch deutschen Eigenschaften der Gegend fragt. Und was ist hier belgisch? “Beim Feiern geht es nicht so geordnet zu, da sind die Leute hier relaxter.”

Die Kellnerin schenkt hausgemachte Limonade nach. Durch die offene Terassentür weht ein Aroma von Kuhstall und Wiesen herein. Früher war das Gebäude eine Scheune. Dann, nach dem Krieg, als entlang der Grenze viel geschmuggelt wurde, ein Kaffeegeschäft. Valentine Lilien riecht die Landluft jetzt nur noch am Wochenende, wenn sie ihre Eltern in Eupen besucht. Seit letztem Jahr wohnt sie in Brüssel. Doch sie kommt oft und gerne hierher, mag die Natur und die Ruhe, und wird irgendwann vielleicht zurückzukehren. Vorläufig aber geht sie den Weg der meisten Jungen hier: raus, nach Liège, Brüssel, oder nach Deutschland.

Die Provinz und die Hauptstadt, auf diesen beiden Beinen steht sie auch in ihrem Job: als Karikaturistin kommentiert Valentine Lilien den Alltag für die frankofone Wirtschaftszeitung L’Echo und für die Website des deutschsprachigen Rundfunksenders BRF. Zwei Welten sind das. “Das erste ist zwar ein sehr seriöses Blatt, aber was schwarzen Humor angeht, kann ich dort deutlich weiter gehen. Beim BRF mögen sie das nicht so.” In der grossen Welt, sagt sie, nimmt man die Kleine kaum wahr. Weder zeigten die Brüsseler Interesse an den Deutschsprachigen, noch wüssten sie irgendetwas über sie.

Ihr ganzes Leben schon bewegt sich Valentine Lilien in diesem hochnuancierten Kuriosum. Die Grenze hat sie “10.000 Mal überquert”. Jenseits davon sind die Thermalbäder besser, sie geht gerne Sushi essen in Aachen, für arabische Küche bietet sich eher Lüttich an. Auf welcher Seite sie lieber ist? “Auf der belgischen”, sagt sie ohne Zögern. Schliesslich liegt da Eupen, ihre Stadt, zwischen den grünen Hügeln, und zwischen den Stühlen: “In Aachen halten die Fussgänger an einer roten Ampel an. In Liège nicht.” Und in Eupen? Sie grinst: “Bleiben sie stehen.”

Ein wildes Crossover entfaltet sich entlang des Weg zurück in die Stadt:  frei stehende Steinhäuser, die an Frankreich erinnern, ambitioniert gestutzte Rasenflächen, die Deutschland zur Ehre gereichten, und Fassaden in bräunlich- belgischem Klinkergewand. Die Strassenbeläge sind ein asphaltiertes laissez faire mit Mut zur Lücke. Und in der letzten Kurve unter der Bahnbrücke hat jemand “1.FC Köln” auf den grauen Stein gesprüht, zwei Mal.

Erschienen in Tagesspiegel, 13. Juli 2014

 

 

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