Von Ankunft bis Zukunft

Seit mehr als 30 Jahren unterstützt die NGO VluchtelingenWerk Asylsuchende. Ihre Arbeit basiert auf Freiwilligen. Die Anerkennung ist groß, doch die politischen Umstände werden schwieriger.

 

Es ist eines der ersten Worte in der Landessprache, die Asylsuchende in den Niederlanden zu hören bekommen: VluchtelingenWerk. Ob bei der Vorbereitung auf ihr Verfahren, der Vermittlung von Anwälten und psychologischer Betreuung oder um die ersten Schritte in der neuen Umgebung zu begleiten: ein Mitglied der Organisation steht immer bereit. Auch bereits anerkannten Flüchtlingen geht man zur Hand: vom Einrichten der Wohnung über Wegweiser im bürokratischen Dschungel bis zu praktischen Alltagstips, um ein neues Leben aufbauen zu können. Die Mission dahinter ist deutlich: “von Ankunft bis Zukunft” die Interessen von Flüchtlingen vertreten.”

 

Gegründet wurde VluchtelingenWerk 1979, als verschiedene Gruppen zur Unterstützung von Flüchlingen fusionierten. Einige hatten linksalternative Hintergründe, andere kirchlich – humanitär. In den Jahren zuvor hatten sie sich in Absprache mit der niederländischen Regierung für die Unterbringung von Chilenen und Vietnamesen eingesetzt, die damals zahlreich in die Niederlande kamen. Die Initiative war ein Spiegel ihrer Zeit: “Die Bereitschaft der Niederländer, Flüchtlinge auf zu nehmen, war enorm”, heißt es in einer Selbstdarstellung. “Es war überhaupt kein Problem, Freiwillige zu finden, um bei der Pionierarbeit zu helfen.”

 

Auf dem Einsatz von Freiwilligen basiert die Arbeit von VluchtelingenWerk bis heute. Insgesamt sind es rund 7.000. Mehr als 40 Ehrenamtliche aus der Umgebung engagieren sich im Aanmeldcentrum (AC) Zevenaar nahe der deutschen Grenze bei Arnhem. Es ist eines von vier Zentren, in denen die Anhörungen durch den Immigratie – en Naturalisatiedienst (IND) stattfinden. Die Mitarbeiter von VluchtelingenWerk unterhalten Kontakt mit Anwälten, Übersetzern oder Psychologen, geben Asylbewerbern Rechtsberatung und sind, soweit möglich, bei Anhörungen dabei.

 

“Wir sind eine Kontaktstelle”, sagt Marian van de Weerd (55), die als eine der zwei Honorarkräfte die lokalen Aktivitäten von VluchtelingenWerk leitet. Mitte der 1990er begann die ehemalige Sekretärin selbst als Freiwillige. Politik interessierte sie bis dahin nicht, “und mit Asylbewerbern hatte ich noch nie gesprochen”. Die Räume von VluchtelingenWerk liegen im selben Gebäude wie das Anmeldezentrum des IND. Die Beratung jedes Flüchtlings durch die Organisation ist inzwischen obligatorisch. “Anfangs war der IND sehr misstrauisch uns gegenüber”, so Marian van de Weerd. “Sie befürchteten, wir würden den Menschen ihre Fluchtgeschichten zurecht legen.”

 

Zentral ist die Anwesenheit von Freiwilligen bei den Asyl – Anhörungen. “Sie können dann z.B. den IND darauf hinweisen, dass die Kommunikation mit dem Übersetzer nicht gut funktioniert, oder dass ein Antragsteller in einem schlechten Zustand ist, was großen Einfluss auf das Gespräch haben kann”, sagt Marian van de Weerd. Zu ihrem Aufgabenbereich gehört auch, das Landesbüro in Amsterdam über den Stand der Dinge auf dem Laufenden zu halten.

 

Einen Schritt später setzt die Arbeit von Mieke Slingerland an, die schon als Lehrerin im Unterricht für Flüchtlingskinder beschäftigt war. Seit ihrer Pensionierung arbeitet sie einen Vormittag pro Woche im VluchtelingenWerk- Büro in Hardenberg im Nordosten der Niederlande. Zumindest offiziell. “Dann fing ich an, neue Freiwillige ein zu arbeiten und kam mit Familien in Kontakt, bei deren Betreuung ich involviert wurde”, lacht die 64jährige. “Im letzten Jahr war ich sicher 20 Stunden pro Woche im Büro. Und dann erledigt man zu Hause noch Telefonate.”

 

Nun steht Mieke Slingerland also nicht nur der einzigen hauptamtlichen Bürokraft zur Seite, sondern begleitet Flüchtlinge, die hier meist aus Somalia kommen, auf Behördengängen oder zum Arzt. Sie hilft bei der Schulauswahl für die Kinder, vermittelt Kontakte zu Therapeuten oder stellt sie den Nachbarn vor, kurzum: sie gibt ihnen “die Unterstützung, die sie so dringend brauchen”. Ihr Alltag ist die praktische Umsetzung dessen, was die Statuten der Organisation so beschreiben: “Schutz bedeutet mehr als die Möglichkeit Asyl zu bekommen.”

 

Mehr als 30 Freiwillige zwischen 18 und 73 sind in Hardenberg, einer Gemeinde von rund 60.000 Einwohnern, aktiv. Selbst einen Fahrradkurs gibt es dort. “Integrieren in den Niederlanden? Dann must du auch fietsen”, steht auf einem Flyer im Büro. Wie kommt es, dass sich so viele Menschen hier engagieren? Mieke Slingerland erzählt, die Ursprünge von VluchtelingenWerk in Hardenberg seien kirchlich. Sie selbst sieht eine humanistische Motivation, für die Mitmenschen da sein zu wollen. “Wir leben zusammen auf einem kleinen Stückchen Land, und viele Menschen hier verstehen, dass sie die Gesellschaft lebenswert halten sollten.” Dies äußert sich im Übrigen nicht nur im Flüchtlingsbereich: nach einer offiziellen Statistik leisten mehr als 40 Prozent der Niederländer ehrenamtliche Arbeit.

 

Gerade die Freiwilligen von VluchtelingenWerk sehen sich indes zunehmend in einer kniffligen Situation. Zwar die Wertschätzung für ihren Einsatz nach wie vor groß, doch die politischen Rahmenbedingungen haben sich deutlich geändert. “Die Regeln sind viel strenger geworden”, so Mieke Slingerland. “Das gilt für die Zahl der Anerkennungen, und ganz besonders für den Familiennachzug”. In praktischer Hinsicht kommt hinzu, dass zuletzt die Stundenzahl der hauptamtlichen Koordinatorin rapide gekürzt wurde

 

Allgemein haben sich die Niederlande vom Ideal einer “Gesellschaft, in der Flüchtlinge willkommen sind” (so das ´Visison 2015´ genannte Konzeptpapier von VluchtelingenWerk) eher weiter entfernt. So leiden Asylbewerber unter den zunehmenden Vorurteilen gegen Migranten und den gesetzlichen Verschärfungen der letzten Jahre, etwa der Pflicht zur Einbürgerung, für die sie nun die alleinige Verantwortung tragen. Der Kontrast zum Ansatz von VluchtelingenWerk, das die gesamte Gesellschaft hier in der Pflicht sieht, wächst.

 

Strategisch wird die Arbeit der Organisation ohnehin nicht leichter. Der neue asylpolitische Kurs in Den Haag, offiziell gerne als “streng, aber gerecht” beschrieben, zielt im Einklang mit den EU- Richtlinien vor allem auf Abwehr von Flüchtlingen. Einerseits ist VluchtelingenWerk neben den Zuwendungen einer karitativen Großlotterie auf staatliche Subventionen angewiesen, andereseits will man sich die Unabhängigkeit erhalten – auch, wie es im just erwähnten Konzeptpapier heiß, um die staatliche Asylpolitik kritisieren zu können.

 

Diese Konstellation entwirft eine durchaus pikante Zukunftsperspektive. VluchtelingenWerk, das sich ausdrücklich auf politische Flüchtlinge im Sinn der UNHCR – Definition beschränkt, hielt sich von weiter reichenden Forderungen à la No Border und Kein Mensch Ist Illegal immer fern. Just deshalb konnte ein so breites Spektrum mobilisiert werden. Vor dem Hintergrund verändernden Rahmenbedingungen jedoch stellt sich die Frage, ob selbst dieser realpolitische Ansatz künftig zur Utopie wird.

 

Érschienen in Wochenzeitung, 17. Januar 2013

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