Vom Zyniker zum Hoffnungsträger

 

Die Rechte dominiert den Wahlkampf, auf Links bläst man Trauer? Nicht mit Zihni Özdil, einem neuen Kandidaten der aufstrebenden Partei GroenLinks. Szenen einer optimistischen Kampagne.

 

Was er von GroenLinks hält? Das Gesicht des Mannes nimmt einen irritierten Ausdruck an. Spöttisch beäugt er aus dem Tür- Rahmen heraus die beiden Wahlkämpfer vor seinem Einfamilienhaus. Nur drei Worte braucht er um seine Abneigung auszudrücken: “Misplaatste Robin Hoods”, antwortet er. Robin Hoods also, die fehl am Platz sind, überflüssig gar. Der Mann wohnt in einem der ersten Häuser, die das GroenLinks- Team an diesem kalten Samstag ansteuert. Welgelegen, ein Viertel in der ostniederländischen Stadt Apeldoorn, gilt als progressive Wohn- Gegend. Es gibt Ausnahmen, offensichtlich.

 

Zihni Özdil ficht das nicht an. Austeilen und Einstecken, das kennt er als Kolumnist und streitbarer Diskutant, und an einer eloquenten Abfuhr kann er sich sogar freuen. Ohnehin hat er glänzende Laune, denn vor den Parlamentswahlen am 15. März liegt GroenLinks gut im Rennen, als einzige progressive Partei. Özdil, der sich eben im Vorgarten einer lokalen Parteifreundin zwischen Krokussen und Schneeglöckchen in die knallgrüne Jacke warf, liegt als Neuling auf Listen- Platz 8.

 

Lachende Gesichter sieht man auch im Rest des Teams: Ariane van Burg, die Vorsitzende der Apeldoorner Stadtrat- Fraktion, Kathalijne Buitenweg, die Zweite auf der Kandidatenliste, und nicht zuletzt: Freiwillige, wie sie dieser Tage in Scharen zu GroenLinks strömen. “Mehr als 6.000 haben wir davon, und jeden Tag kommen im Schnitt 50 neue dazu”, so Leon Boelens, ein Kampagne- Stratege, der auch nach Apeldoorn gekommen ist. Erstmals, sagt er, klappert die Partei dieses Jahr in 50 Städten die Haustüren ab. “Die Niederlande sind sehr polarisiert. So zeigen wir, dass wir mit allen ins Gespräch kommen wollen.”

 

Polarisiert ist das Land tatsächlich. Wobei die rechten Parteien – die Austeritäts- und Law-and-Order – orientierten Liberalen und die kulturkämpfenden Patrioten um Geert Wilders – den Wahlkampf bestimmen. Den Sozialdemokraten hängt nach, dass sie an der Spar- Regierung mit den Liberalen teilnahmen, meint Jean Tillie, ein Amsterdamer Politologe. Die Sozialisten gelten als zu aktivistisch, wodurch viele ihnen nicht zutrauen zu regieren. “GroenLinks dagegen zieht die an, die sozial- ökonomisch links, für Europa und eine kulante Flüchtlingspolitik sind.”

 

Konkret erklärt sich der Aufwind von GroenLinks an Kandidat Özdil. Am Morgen des gleichen Tagskommt er voll Tatendrang am Bahnhof seines Wohnorts Amsterdam an. Eigentlich müsste er erschöpft sein, denn eine Woche Dozieren an der Uni liegt hinter ihm, plus abendliche Diskussionen. Das Gegenteil ist der Fall: “Ich bekomme Energie davon!” Was er sogleich unter Beweis stellt, denn der Zug nach Apeldoorn ist gerade abgefahren. Im Handumdrehen organisiert Özdil ein Taxi. “Morgen Chef, das wird eine schöne Fahrt für dich”, grüßt er den Fahrer.” Dann ruft er die Kollegen an. Es könnte später werden.

 

Auf der linken Spur der Autobahn erzählt Özdil seine Geschichte. Der Enkel eines türkischen Gastarbeiters war mit Anfang 30 schon ein bekannter Publizist, der sich mit Verve in die Debatten mengt. Und so freundlich er im Umgang ist, so scharf formuliert er seine Ansichten. Er nimmt sich den Rassismus der alteingesessenen Niederländer zur Brust, aber auch konservative Migrantenvereinigungen in ihren monokulturellen Nischen.

 

“’Scheißtürke’ ist für mich fast Nostalgie” – das ist ein typischer Özdil- Satz über seine Jugend in Rotterdam. Bei vielen niederländischen Türken wiederum steht er nicht hoch im Kurs, weil er als Erdogan- Kritiker bekannt ist und in Talkshows Bier trinkt. Sein Wort bekam in den letzten Jahren zunehmend Gewicht. Manchmal luden Parteien ihn zum Austausch ein. Özdil selbst aber, der als Student GroenLinks nahestand, war längst zum Zyniker geworden. “Ich fand, dass die progressiven Parteien in die falsche Richtung gingen: die Sozialdemokraten in den 1990ern mit ihrem Dritten Weg, und dann auch GroenLinks.”

 

Ende 2014 wurde Özdil aus seiner abgeklärten Desillusioniertheit gerissen. Er sah im TV, wie Thomas Piketty mit dem niederländischen Parlament diskutierte. Eingeladen hatte ihn dorthin “so ein junger Typ von GroenLinks”. Was Özdil von diesem hörte, überzeugte ihn: “Endlich war da jemand, der nicht mehr mitlaufen wollte mit diesem Diskurs der Rechten. Jemand, der sagte: es geht nicht um Identität und Moscheen, sondern um ökonomische Ungleichheit. Das war der erste Moment, als mein Zynismus zu schwinden begann.”

 

Der “junge Typ” heißt Jesse Klaver und ist heute Spitzenkandidat von GroenLinks. Inzwischen ist er 30 Jahre alt, hat ein Charisma, das dem Justin Trudeaus ähnelt und ist bekannt für seinen Einsatz gegen steuersparende Multinationals. Eine Analyse der Tageszeitung “Trouw” nennt Klaver als wesentlichen Faktor des Aufstiegs seiner Partei. Hinzu kommt eine Kampagne, die stark auf Online- Medien setzt und sich an denjenigen von Obama, Bernie Sanders und Podemos orientiert. Und eine Botschaft der Hoffnung in dunklen Zeiten, als Kontrast zu den Schreckens- Szenarios anderer Parteien.

 

Zihni Özdil sagt, dieser Ansatz habe ihn “in einen Optimisten” verwandelt. Mutlos ist er angesichts des bevorstehenden rechten Wahlsiegs nicht, im Gegenteil. Während er in Apeldoorn durch kalten Wind von einem freistehenden Einfamilienhaus zum nächsten geht, auf erfreute GroenLinks- Wähler, knurrige Konservative und vor allem viele Unentschlossene trifft, versucht Özdil, den eigenen Aufschwung einzuordnen. Eine nationale Angelegenheit ist dieser nicht, da ist er sich sicher: “Der Sanders- Effekt ist nicht zu unterschätzen, der die Demokraten nach links gebracht hat. Vor Piketty sprach Occupy die soziale Ungleichheit an. Und Trumps Sieg bringt jetzt die schweigende Mehrheit auf die Beine.”

 

Zwischen zwei Hausbesuchen taucht das Kamerateam eines lokalen TV- Senders auf. Ein Interview auf dem Bordstein. Wofür stehen Sie persönlich? – Chancengleichheit für alle in unserem Land. – Was bedeutet das Wahlkampf-Motto ‘Zeit für Veränderung’ ? – Es geht um die Frage, wie wir unser Land einrichten. Die Wirtschaft soll der Gesellschaft dienen, nicht umgekehrt! – Und mit wem würde GroenLinks am liebsten regieren? “Mit einem progressiven Kabinett. Eine Partei haben wir ausgeschlossen: die PVV, weil sie dermaßen weit von uns entfernt liegt.”

 

An halboffenen Türen politische Inhalte zu verwandeln, ist selbst für einen ausgebufften Rhetoriker von Özdils Kaliber kein Selbstläufer. Immerhin entsteht durch seine Standard- Frage, welche Themen die Apeldoorner wichtig finden, eine ziemlich treffende Skizze: wer Sicherheit nennt, wählt VVD, wer Unterricht höher ansiedelt, die liberalen Democraten66. GroenLinks- Sympathisanten nennen vor allem Umweltgründe. Was naheliegt, hat die Partei doch gemeinsam mit den Sozialdemokraten einen Entwurf für ein ambitioniertes Klima- Gesetz ausgearbeitet.

 

Als alle Flugblätter verteilt sind, zieht der Kandidat ein gemischtes Fazit: Spaß mache ihm diese Arbeit immer, doch am Wochenende zuvor, im Norden des Landes, sei die Zustimmung größer gewesen. Im Zug zurück nach Amsterdam läuft es dagegen uneingeschränkt gut für Zihni Özdil. Eine junge Frau mit Kopftuch, die von einem Besuch bei ihren Eltern zurückkehrt, wünscht ihm Glück, und ein Hipster kündigt an, er wolle GroenLinks wählen.

 

Zwei Tage später muss Özdil auf seinem Weg ins Parlament eine Pause einlegen. Eigentlich sollte er am Abend an der Universität in Leiden mit Studenten diskutieren. Doch eine schwere Erkältung hält ihn zu Hause: “Gestern hatte ich TV- Aufnahmen ohne Winterjacke”, smst er. Ein wenig Ruhe kann nicht schaden. Am Wochenende steht die nächste Debatte an, mit anderen Jungpolitikern zum Thema “Millenials und Politik”. Und dann kann man die Tage bis zur Wahl an einer Hand herunterzählen. Zihni Özdil, einst Zyniker und heute Optimist, ist bereit.

 

 

Zihni Özdil und Groen Links

 

Die Partei: GroenLinks entstand 1990 aus einer Fusion von vier kleineren linken Parteien: Kommunisten (CPN), Pazifistische Sozialisten (PSP) sowie die progressiv- christlichen Parteien PPR und EVP. Bestes Ergebnis bislang waren elf der 150 Parlaments- Sitze (1998). Bei den letzten Wahlen stürzte GroenLinks von zehn auf vier Sitze ab. Nun winkt mit 17 Sitzen ein Rekord.

 

Das Klientel: GroenLinks- Wähler sind vergleichbar mit denen der Grünen: Aktivisten und Kosmopoliten, Europäer und Progressive, Liberale und Salonsozialisten, mit deutlich urbanem Einschlag und häufig besser verdienend. Am sozialen Profil hat man zuletzt deutlich gefeilt.

 

Der Kandidat: Zihni Özdil, 35, geboren in der Türkei, kam als Kleinkind in die Niederlande. Aufgewachsen in Rotterdam, Global History- Dozent an der Erasmus- Universität, Kolumnist des NRC Handelsblad. In seinen Publikationen kritisiert er den Rassismus der Mehrheits- Gesellschaft ebenso wie konservative Migrantenvertretungen.

 

Erschienen in taz, 7. März 2017

 

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