Strohfeuer statt Morgenrot

 

Kurz vor der Bundestagswahl steckt die SPD in ihrem alten Dilemma. Eine Bestandsaufnahme zwischen Spitzenkandidat und Basis.

 

Kurz vor Ende des Wahlkampfs ist Oliver Kacmarek mit seinem Latein am Ende. Nicht, dass er keine Motivation mehr verspürt – im Gegenteil. “Selbstbewusst weiterkämpfen” will er, noch bleiben zwei Wochen. “Eine Frage der Körperhaltung” ist das für ihn, Spross einer Bergmannsfamilie aus dem östlichen Ruhrgebiet. Verzagen? Nicht mit ihm. Aber was er sich einfach nicht erklären kann, ist dies: was ist passiert mit seinem Kanzlerkandidaten? Zu Jahresbeginn der hellste Stern seit langem am sozialdemokratischen Firmament, droht er nun im Rekordtempo zu verglühen “Wie”, fragt Oliver Kaczmarek, “kann man innerhalb von wenigen Wochen so hochschießen und dann genauso schnell wieder so runtergehen?”

 

Was Gegensätze rund um seine Partei betrifft, ist Kaczmarek Experte. Seit 2009 vertritt er den Wahlkreis Unna im Bundestag. Dort gehörte er Fraktionen an, die zu den kleinsten der SPD- Geschichte zählen. Er selbst wurde zuletzt mit absoluter Mehrheit nach Berlin gewählt, wie überhaupt die SPD hier in den letzten Jahrzehnten fast immer mehr als die Hälfte der Stimmen geholt hat. Die Mitgliederzahlen sind zwar rückläufig, doch noch immer weit höher als anderswo. In allen Vereinen sind Sozialdemokraten vertreten, man steht nah bei Gewerkschaften und Bürgern, und soziale Themen prägen seit jeher die Agenda. Ein Stück heile, sozialdemokratische Welt, könnte man meinen.

 

Zwei Wochen und zwei Tage vor der Bundestagswahl fällt westfälischer Dauerregen auf das Städtchen Kamen, und darum wird der geplante Info- Stand gar nicht erst aufgebaut. Was Oliver Kaczmarek und ein paar der Genossen des Ortsvereins Zeit gibt die Lage zu erörtern. Zu viert sitzen sie in der Bäckerei eines Supermarkts, der Vorsitzende Michael Krause, sein Stellvertreter Daniel Heidler, und Joachim Eckardt, der fast ein halbes Jahrhundert SPD auf dem Buckel hat und im nahen Dortmund Hauptschul- Rektor war. “Auch ‘n Pott Kaffee?”, fragt Kaczmarek in die Runde. Nicken. Kamens Mann in Berlin stellt stattliche Tassen auf den Tisch.

 

Verzagt ist keiner von ihnen, im Gegenteil. Nur weiß man eben, dass die Bundestagswahl eine ganz andere Sache ist als so ein Heimspiel im Ruhrpott. In den letzten Umfragen liegt man bei 21 Prozent. Selbst das Herzland NRW verlor die SPD im Mai. “Das hat uns tief getroffen”, sagt Kaczmarek. “Die europäische Krise der Sozialdemokratie wirkt auch bei uns”, nennt er einen der Gründe. “Dazu kommt Pragmatismus, statt ambitionierter Projekte wie “Mehr Demokratie wagen”, Friedenspolitk oder der Vision einer besseren Gesellschaft.” Michael Krause, der Vorsitzende, fügt an: “Früher gab es auch charismatische Figuren wie Brandt, Schmidt und Wehner. Das fehlt uns heute.”

 

Wie aber ist das, wenn einem dann noch die Identitären die Wähler abspenstig machen, mit einer Agenda, die zunehmend sozial eingefärbt ist? Joachim Eckardt, der Routinier, erzählt von seiner eigenen Wahl- O- Mat- Erfahrung, die ihn schockierte. “Da hatte ich auch einiges an Übereinstimmung mit der AfD.” Seine Konsequenz ist die eines wettergegerbten Schiffers auf dem sozialdemokratischen Ozean: “Das ist gerade Motiation die eigene Arbeit weiterzumachen. Man kann doch nicht nach 49 Jahren hinschmeißen und denen das Feld überlassen!”

 

Was sie eint: die Überzeugung, dass an sozialdemokratischen Kernwerten kein Weg vorbeiführt. Geprägt sind sie alle davon, auch Daniel Heidler, mit Mitte 30 der jüngste in der Runde, der 1998 in die SPD eintrat, weil er die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erhalten wollte. “Mein Vater arbeitete in einer Fanrik. Ich fragte mich: wenn er krank wird, ist das doch nicht seine Schuld?” Heidler selbst. heute Studienrat am Berufskolleg, sagt: “Meinen eigenen sozialen Aufstieg verdanke ich der Gesamtschule. Meine Eltern hätten sich nicht getraut mich aufs Gymnasium zu schicken.”

 

Womit das alte Dilemma ins Bild kommt, das die SPD seit Jahrzehnten prägt und quält: mit einem Bein bleibt man verwurzelt auf altem Terrain, mit dem anderen versucht man, mit Hilfe von Reformen neues zu erschließen. Das Pendel schwingt hin und her. Oliver Kacmarek sagt, man wolle die Große Koalition lieber nicht fortsetzen. Wobei, da spricht er aus Erfahrung, man dann auch “weniger Hebel in Berlin in den Händen” hätte. Einstweilen setzt die SPD verstärkt auf ihre DNA. Warum sonst ist der Kanzlerkandidat seit Wochen unterwegs durch die Republik, zwei Orts- Termine am Tag, und verkündet, es sei “Zeit für mehr Gerechtigkeit”?

 

Das vorletzte Wochenende vor der Wahl beginnt für den Kanzlerkandidaten in Saarlouis. Was ganz gut passt, denn Martin Schulz verbindet durchaus einiges mit diesem Industriestädtchen von 35.000 Bewohnern. Die Randlage im alten Westdeutschland, zum Beispiel: Schulz kommt von der belgischen Grenze, Saarlouis, liegt an der französischen. Der Bahnhof ist unscheinbar und wirkt an diesem Samstagmittag noch ein wenig unausgeschlafen. Über Schulz’ vermeintlich durchschnittliches Äußeres wird in diesen Wochen viel geschrieben, und müde ist er sicher, in dieser Ochsentour von einem Wahlkampf.

 

Als er die Bühne betritt, ist von Müdigkeit nichts zu merken. Schulz, 61, muss zweifellos angreifen, wenn er bei der Wahl noch etwas bewirken will. Er tut es mit Leidenschaft. Das linke Bein angewinkelt, die rechte Hand als Taktstock in der Luft, verkündet er hinter seinem roten Pult: “Das Land kann mehr erreichen, wenn ein Sozialdemokrat Kanzler ist. Das strebe ich an.” Dann kommt sein Thema, soziale Gerechtigkeit. Er klagt die Ausbeutung von Leiharbeitern an, die schlechtere Bezahlung von Frauen, die er sogleich an diejenige der Männer anpassen werde, die sinkenden Rentenerträge bei höheren Bezügen. Und, was ihm als Quereinsteiger in Richtung Berlin natürlich leichter fällt, die bisherige Koalitionspartnerin CDU, die mehr Gerechtigkeit verhindert habe.

 

Das Amalgam, mit dem Martin Schulz die Inhalte seiner Rede verbindet, ist ein volksnaher Plauderton, der durchaus gekonnt die Balance hält zwischen Jovialität und Anbiedern. Im rheinischen Singsang nimmt er Fahrt auf, skizziert lautmalerisch die sozialen Gegensätze zwischen “hachtem Pflaster” und “schönem Vichtel”, er sagt “wenn de” statt “wenn du”, und streut häufig ein “Sie kennen dat doch auch” ein. Was an populäre Comedians erinnert, nur kommt statt der Pointe eine Anklage der “Zwei- Klassen- Medizin”. Dass der Kanzlerkandidat auf die Seite der gesetzlichen Krankenversicherung gehört, ist klar.

 

Die Masche zieht, nicht nur im Saarland. Es ist genau das, was Martin Schulz seit Beginn des Wahlkampfs sagt, und was die Menschen von ihm hören wollen. Jetzt, am Ende der Kampagne, drängt sich der Eindruck auf, es sei auch sein letzter verbliebener Trumpf: die Wahrnehmung, der Kanzler- Kandidat sei “einer von uns”, die immerhin an der Basis des sogenannten Schulz- Effekts stand. Etwas, das die SPD aus der Schusslinie jener rücken könnte, die sie als politische Elite, als entfremdet von der Basis bezeichnen.

 

Ehrenretter der Unterschätzten und Belächelten – diese Rolle muss Schulz nicht erst lernen. “Ich hab auch kein Abitur”, hebt er an, verweisend auf Journalisten, die sich darüber lustig machten. Kaum weiß man noch, wer ihm eigentlich diese Attribute auf den Leib schrieb, das Aussehen eines Sparkassen- Mitarbeiters, den Charme eines Eisenbahners. Klar aber ist: es sind Steilvorlagen für Martin Schulz. Die Stimme schnellt zwei Gänge empor. “Was für eine Verachtung”, und er klingt wirklich empört. Luft holen muss er, bevor er einfordert: “ich will, dass diese Menschen respektiert werden.” Auch dass er Anzüge von der Stange und Kassengestelle auf der Nase trage, habe man ihm vorgeworfen. Schulz deutet das zu Insignien seiner Bodenhaftung um. Und genau an diesem Punkt brandet ihm tatsächlich ein tosender Applaus entgegen.

 

Nun nimmt Schulz Kurs auf Angela Merkel. “Sie will die Vergangenheit verwalten, ich die Zukunft gestalten”, reimt er. Eloquenz kann man ihm nicht absprechen. Doch eigentlich kommen einem andere Fragen in den Sinn: stände er bereit, mit seinem Kurs einen langfristigen Neuaufbau der SPD zu betreiben? Würde die Partei ihm, dem EU- Politiker, nicht doch aus der fehlenden Hausmacht einen Strick drehen und ihn bei den anderen gescheiterten Kandidaten einreihen? So oft er auch betont, was er nach dem 24. September alles tun möchte – die Wahrscheinlichkeit, dass er die Chance dazu bekommt, ist nicht hoch.

 

Am Ende wird der Kandidat aus dem katholischen Rheinland dann noch zum roten Rufer in der schwarzen Wüste – oder gar zum Missionar? “Sagt, was ihr gehört habt”, schickt er seine Zuhörer hinaus in die Welt. Für ihn selbst geht der Marathon weiter: am späten Nachmittag steht noch Mainz auf dem Programm. Eigentlich schade, dass Schulz im Dienstwagen dorthin gebracht wird. Hätte er den Zug genommen, er hätte hinter Mannheim einen Kontrolleur treffen können, der ihm tatsächlich auffällig gleicht.

 

 

Erschienen in WOXX, 15. September 2017

 

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