Ins Aus gespielt

Judenfeindlichkeit im italienischen Fußball ist ein altbekanntes Problem. Jetzt will sich die UEFA den jüngsten Vorfällen widmen. Doch auch in anderen Ländern gehört Antisemitismus in den Kurven zum Alltag.

Wenn der Disziplinarausschuss des Europäischen Fußballverbands Ende Januar zusammen kommt, steht ein ernsthaftes Thema auf dem Programm: wegen dem antisemitischen Verhalten seiner Fans will die UEFA ein Disziplinarverfahren gegen den italienischen Spitzenclub Lazio Rom einleiten.

Anlass sind die Vorfälle rund um ein Spiel der EuroLeague Ende November gegen Tottenham Hotspur aus London. Lazio – Fans entrollten dort ein “Free Palestine” – Banner und skandierten “Juden Tottenham”. Der Londoner Verein hat einen großen jüdischen Anhang. Auch nichtjüdische Supporters nennen sich “Yid Army”. Am Vorabend des Spiels waren Gäste – Fans in einer römischen Bar von Hooligans angegriffen worden. Auch dabei kam es Augenzeugen zu Folge antisemitische Beleidigungen.

“Ich hoffe, die UEFA schließt Lazio aus”, kommentiert Vittorio Pavoncello, Präsident von Maccabi Italia zur Jüdischen Allgemeinen. Nur harte sportliche und wirtschaftliche Konsequenzen eines solchen Schritts könnten genügend Druck auf den Club ausüben, um den faschistischen Teil seiner Fans aus dem Stadion zu halten. Als akute Maßnahme forderte er einen sofortigen Spielabbruch.

Gleichwohl sieht Pavoncello “ein altes Problem mit dem immer gleichen antisemitischen Niveau”. Bereits 2005 forderte er den Club auf, gegen den damaligen Kapitän Paolo Di Canio vor zu gehen, der die Fans mit dem gestreckten Arm der italienischen Faschisten zu grüßen pflegte. Als Lazio 1993 den schwarzen jüdischen Star Aron Winter aus den Niederlanden verpflichtete, fanden sich an römischen Wänden antisemitische und rassistische Graffiti.

Fabrizio della Rocca, Direktor des römischen Maccabi – Zweigs sagte, die Vorfälle hätten die jüdische Gemeinschaft der Hauptstadt “sehr erschüttert”. Es sei wichtig zu realisieren, dass die betreffenden Lazio- Fans wirklich hinter ihren rassistischen Slogans ständen. Della Rocca weist aber auch auf zahlreiche Solidaritätsbekundungen hin, die das Ausmaß der “gewalttätigen Episode” übersteige.

In der Jüdischen Gemeinde der Stadt ist man über die jüngsten Ereignisse “entrüstet”, so Fabio Perugia, Sprecher der Comunità Ebraica di Roma. Er fordert eine Verschärfung des italienischen Rechts und den Einsatz technologischer Mittel, die Verantwortlichen für rassistische Gesänge zu ermitteln. “In einer zivilisierten Nation kann so etwas nicht toleriert werden.” Perugia stimmt Lazio – Präsident Lotito zu, der die Rechtsextremen unter den Fans eine Minderheit nennt. “Doch nicht ein einziger rassistischer Fan sollte das Stadion betreten.” Die Ermittlungen der UEFA begrüßt der Gemeinde – Sprecher.

Italien ist nicht das einzige europäische Land mit einem massiven Antisemitismus – Problem im Fußball. Nach einem Beschluss des Weltverbands FIFA muss die Auswahlmannschaft Ungarns ihr nächstes WM – Qualifikationsspiel gegen Rumänien im März unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen. Grund dafür waren anti – jüdische Ausfälle in einem Freundschaftsspiel gegen Israel im August letzten Jahres. Große Teile des Publikums hatten die Israelis als “stinkende Juden” beleidigt und, während die Hatikvah gespielt wurde, iranische Flaggen geschwenkt sowie “Mussolini” und “Buchenwald” gebrüllt. Der ungarische Fußballverband kündigte zuletzt an, gegen die Maßnahme in Berufung zu gehen.

Wegen solcher Berichte erwähnt übrigens auch das Simon Wiesenthal Center in seiner jüngst veröffentlichten Liste antisemitischer Beleidigungen “Anti – Semitic Soccer”. Die Gesamtheit ihres anti – jüdischen Gruselkabinetts brachte den vage umrissenen “europäischen Fußball – Fans” Platz vier ein – kurz hinter den Muslimbrüdern und dem iranischen Regime, und weit vor einem gewissen Jakob Augstein. SWC – Direktor Shimon Samuels betonte gegenüber der Berliner Fußball – Zeitschrit 11 Freunde, die Vorfälle beträfen nicht allein Osteuropa. In der Begründung werden namentlich Beschimpfungen gegen Tottenham Hotspur – Fans genannt.

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 24. Januar 2013

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