Fischen, hart arbeiten, Wilders wählen

Bei den Europawahlen im Frühjahr könnten die niederländischen Populisten stärkste Partei werden. Aber wer sind eigentlich ihre Wähler? Eine Spurensuche. 

Es gibt Dinge, für die man kaum Worte braucht: warum Volendam Geert Wilders mag, zum Beispiel. Eine Szene im Herbst 2011, zwei Kontrahenten, und ein einziger Satz, der alles auf den Punkt bringt: doe eens normaal man, pampt Wilders, der so gerne den Rebellen im Politbetrieb gibt, den Premierminister im Parlament an. “Ey mach mal normal.” Worauf dieser die Fassung verliert und mit sich überschlagender Stimme antwortet, Wilders solle “selbst normal” machen, “jungejunge”. Und wie das so ist mit Wilders: doe eens normaal man wurde kurz darauf ein geflügeltes Wort.

Volendam, das ist normaal. Ein Städtchen am Markermeer in Nordholland, 20.000 Menschen, früher vor allem Fischer, heute meist Handwerker. Morgens schwirren ihre Kleinbusse zu Baustellen im ganzen Land aus, abends verstopfen sie die Autobahn nördlich von Amsterdam. Man rackert sich ab, um mit Mitte 20 ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen. Wo, wenn nicht hier, sollen “Henk und Ingrid” wohnen, das fiktive  Muster- Paar “hart arbeitender Niederländer”, die Wilders’ Partij voor de Vrijheid so gerne adressiert? Henk und Ingrid sind weiss, Untere Mittelschicht und, so Wilders einst, “bekommen nichts geschenkt.”

Theo Koning könnte Henk sein. Mit seinen beiden Hunden läuft er an einem eiskalten Dezember- Vormittag am Deich entlang, wo sich sonst um diese Zeit nur Touristen herumtreiben, die für einen Tag aus Amsterdam kommen. Henk, also Theo Koning, ist 57 und Frührentner, und mehr Volendam passt nicht in eine Arbeitsbiographie: als Teenager heuerte er auf einem Boot an. Später, als es mit der Fischerei bergab ging, machte er sich als Gipser selbstständig. Seine vier Betriebsbusse kreuzten quer durch die Niederlande, nach Deutschland und Belgien, oft sieben Tage in der Woche.

Kräftig ist Theo Koning, er hat volles dunkles Haar und ein kerniges Gesicht. Man sieht es nicht gleich, aber die Plackerei hat ihn geschafft. “Alles verschlissen”, sagt er fatalistisch, doch er lamentiert nicht. Nicht über die Arbeit, jedenfalls. Wohl darüber, dass sein Sohn, der den Betrieb übernahm, jetzt Billig- Konkurrenz aus dem Osten hat. “Er gipst einen Quadratmeter für 3,40 Euro. Ein Pole oder Rumäne macht das für 2,25. Und er bezahlt keine Steuern, während bei uns die Hälfte abgeht.” So einfach die Rechnung, so klar das Fazit: “Der Pole hat mehr.”

Unter dem Strich bleibt: eine Stimme für Wilders, der schon lange warnt, dass Niederländer ihre Jobs an Osteuropäer verlieren. Eine von vielen, in Volendam. Die Partij voor de Vrijheid erzielte hier bei den Europawahlen 2009 das beste Ergebnis im ganzen Land: 49,9 %. Seither gilt Wilders als Schutzpatron des Städtchens. Als er im Frühjahr zu Besuch kam, nannten niederländische Medien das ein “Heimspiel”. Offene Türen rannte er ein mit seinem Aufruf  zum “Widerstand” gegen die Sparpolitik der Regierung. Volltreffer. Regierungen misstrauen sie hier, und zwar , so Theo Koning voll Überzeugung, “absolut”.

Dass die PVV im kommenden EU- Wahlkampf auf die Karte Anti- Europa setzt, gefällt Theo Koning. “Du kannst doch nicht einfach die Grenzen öffnen”, sagt er anklagend, während sein Hund an der Leine zieht. “Und all diese europäischen Gesetze, was für ein Bullshit.” Natürlich wird er im Mai wieder PVV wählen. Dabei ist Europa nicht der erste Adressat der Volendamer Botschaft, die da lautet:  keine Enmischung von aussen. Manche sagen, “Aussen” beginne im Nachbardorf Edam. “Wir helfen uns selbst”, nennt Theo Koning das. “So läuft das hier.”

Wovon man wenig hört in diesem Bullerbü der Selbstgenügsamkeit, ist die Sache mit dem Islam. Was nicht überrascht, denn es gibt hier kaum Migranten. Im Ausland sieht man Geert Wilders vor allem als rüden Fundamentalkritiker von Koran und Prophet. Lange stand das Thema ganz oben auf der Agenda seiner Partei. Doch obwohl es Wilders’ persönliches Steckenpferd bleibt, bestimmen inzwischen andere Aspekte den rechtspopulistischen Diskurs im Land.

One Issue, das war die PVV ohnehin nie. Auch nicht im Herbst 2006, als sie, frisch gegründet, erstmals an Parlamentswahlen teilnahm. Entstanden war sie aus der Groep Wilders, ein missverständlicher Name, denn es handelte sich um eine Einmannfraktion. Zuvor hatte Wilders im Streit die marktliberale Partei VVD verlassen, die heute an der Regierung ist. Das Wahlprogramm war hart und zart zugleich. “Mehr Blau auf den Strassen” für die Sicherheit, “mehr Hände am Bett” für den Pflegebereich.

Die Wahlen waren gleichzeitig eine Stellenausschreibung. Einen bedeutenden Posten galt es zu besetzen: die Nachfolge des ermordeten Volkstribuns Pim Fortuyn. Mehrere neue Parteien gingen ins Rennen. Die PVV gewann. Wegen ihres Programms, und wegen ihres Gladiators und Gründers. Wilders war “in de lift”, wie man hier Politiker im aufsteigenden Zustand nennt. 2005, als die Niederlande den EU- Vertrag ablehnten, war er einer der Haupt- Agitatoren.

Praxistest an der Fischbude auf der Volendamer Ufer- Promenade, wo zwischen Trachtenläden und Souvenirkitsch Geert Wilders im Frühjahr ein Bad in der Menge nahm. Warum sind die Menschen hier der PVV gewogen?  “Nicht aus Rassismus”, sagt Jan Snoek, der Inhaber, “sondern wegen der Arbeit.” Und aus sozialen Gründen: die Entwicklungshilfe streichen und in die Pflege “unserer Alten” stecken, solche Ideen. Fischhändler Snoek denkt nun selbst darüber nach, doch einmal Wilders zu wählen. “Sie fragen doch danach”, meint er schulterzuckend.

Da ist es. Dieses “Sie”, die Essenz des niederländischen Rechtspopulismus. Ein anklagender Zeigefinger, der seit den Tagen des ikonischen Pim Fortuyn auf alle weist, die sich vermeintlich entfernt haben vom Volk. Von denen, die Geert Wilders später Henk und Ingrid taufte. Das politische Establishment. Die kosmopolitische kulturelle Elite. In Volendam sagen Viele, man wollte ein Gegengewicht bilden, zu den “linken Medien”. Und eine ältere Dame, die selbst nicht PVV wählt, weiss, dass auch an der Uni im nahen Amsterdam, wo ihre Tochter studiert, “alles links” ist.

Es sind andere Zeiten in den Niederlanden, und Volendam, ausgerechnet Volendam, belächelt ob seiner Provinzialität und seiner “Aalsound” genannten Volksmusik, wurde 2009 zur Avantgarde der Trendwende. Später gewann die PVV auch die Kommunalwahlen in Almere und die Provinzwahlen in Limburg. Volendam aber wurde zu einem Symbol. Vielleicht auch, weil in Wilders’ Auftritten etwas Plakatives steckt, ebenso wie in Volendam. Immer auffälliger werden die niederländischen Flaggen bei seinen Wahlkampf- Auftritten. Und dann dieser Stadionrock- Gestus, wenn er zu Eye of the Tiger das Podium betritt.

Wenn dieses Städtchen das Herz des Protests von Henk und Ingrid ist, dann ist sein Marktplatz das Epizentrum ihres Unbehagens. So zumindest sah das Ronald Plasterk, ein früherer sozialdemokratischer Minister. Nach dem Desaster seiner Partei 2009 kündigte er an, “auf dem Markt von Volendam” zu fragen, “was wir anders machen müssen”. Plasterk kam, sprach mit ein paar Menschen, ging wieder, und alles blieb beim Alten. Ein halbes Jahr vor den nächsten Europawahlen liegt die PVV in den Umfragen konstant vorne.

Fast schon ironisch, dass dieser Markt ausgerechnet auf dem “Europaplatz” stattfindet. Ein vorweihnachtlicher Samstag Mittag, Senioren halten einen Schnack zwischen Sirupwaffeln  und Obststand, die Jungen zieht es rüber zur Shopping Mall, Fischbrötchen und Energydrink in der Hand, das Volendamer Szene- Menu. Und Ingrid sputet sich, beladen mit zahlreichen Einkaufstüten, zu einer Geburtstagsfeier. “Ich heisse wirklich so”, lacht die blonde Frau, die im Zentrum in einem Schuhgeschäft arbeitet. Ingrid Tol ist 40, trägt einen eleganten schwarzen Ledermantel, grosse Ohrringe und einen Nasenstecker. Und auch sie hat PVV gewählt.

Warum? Ingrid ist vor allem über Kriminalität besorgt. Die Diebstähle, “man kann kein Fahrrad mehr draussen stehen lassen”, und dann erst die Einbrüche in letzter Zeit. Neulich, sagt sie, ging ihr Mann abends für eine Zigarette vor die Tür. “Und stand Auge in Auge mit einem, nun ja, osteuropäischen Mann, der ein Foto vom Bus des Nachbarn machte.” Ingrid Tol rief die Polizei. Die berüchtigte “Meldestelle” der PVV, wo Niederländer einst angehalten waren, “Belästigung” durch Osteuropäer zu denunzieren, hätte sie nicht benachrichtigen wollen. “Es geht mir nicht um Diskriminierung. Alle Menschen sind doch gleich!”.

Es ist auch dieses Spannungsfeld, in dem die PVV weiter wächst. Ingrid Tol gibt zu, sich über “negative Seiten” der PVV noch nicht informiert zu haben. Ebenso wenig kennt sie das ganze Programm der Partei. Und sie ist nicht genug Wilders- Fan, dass sie ihm zugejubelt hätte, als er durch Volendam lief. Und doch: das soziale Profil der Partei spricht sie an. Und der Standpunkt gegen offene Grenzen, die doch nur “Elend” verursachen: “Polnische Handwerker, brauchen wir das wirklich, wenn Volendamer dadurch ihre Arbeit verlieren?”

Ingrids Stimme hat Wilders jedenfalls. Die von Volendam auch, ist sie sich sicher. “Und ich denke, im ganzen Land wird er einen grossen Sieg landen.”

 

Erschienen in taz, 28. Dezember 2013

 

 

 

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