“Es geht um Ethik, nicht nur um Ästhetik”

Interview mit Daniel Libeskind über sein Kongresszentrum in der europäischen Kulturhauptstadt Mons, Arbeiten in der Peripherie und Verantwortung der Architektur.

Wir kennen Ihre Werke aus San Franciso und Kopenhagen, Berlin und Tel Aviv. Wie war es für Sie, nun in Mons in der Provinz zu arbeiten?

Die schöne Stadt Mons liegt im Zentrum Europas, man ist schnell in Köln, Paris oder London. Man sollte also eher von Europa sprechen als von der alten Sichtweise einer Provinz- Stadt. Wissen Sie, Zahlen beeindrucken mich nicht. Nur weil eine Stadt Millionen Einwohner hat, ist sie nicht besser als eine Stadt von Hunderttausend. Wir haben zu viel darauf geachtet, wer den größten Gewinn erzielt, wer das höchste Gebäude hat oder das größte Bruttoinlandsprodukt. Es geht nicht darum, wie groß etwas ist, sondern welche Qualität es hat und was es uns sagt.

Hat eine eher provinzielle Umgebung denn Einfluss auf Ihre Arbeit?

Man muss jede Umgebung als wichtig ansehen. Jeder Punkt auf dem Globus ist einzigartig. Besonders weil wir heute  ein globales Bewusstsein haben, können wir wiederentdecken, dass Orte nicht austauschbar sind und wichtiger werden. Dieses Vermächtnis müssen wir wertschätzen und an folgende Generationen übertragen. Was Mons betrifft, mir reicht es, zu wissen dass Van Gogh hier entschied Künstler zu werden, dass Verlaine hier war oder dass Orlando di Lasso hier Musik komponierte.

Ihr Kongresszentrum weist einige charakteristische Elemente auf. Ihr Stil wurde einmal beschrieben als “extreme Geometrie und der Schwerkraft trotzenden Formen”…

(Lacht) Das ist ein wenig übertrieben! Es geht nicht darum extrem zu sein, ich benutze Formen die ich im jeweiligen Fall für adäquat halte. Ich mochte noch nie farblose Architektur, die die Öffentlichkeit anästhesiert. Ich will der Öffentlichkeit kein Haustier geben. Architektur ist eine kulturelle Disziplin, nicht nur Wiederholung, nicht nur Konformität, nicht einfach Mehr vom Selben.

Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, Sie würden jedes Mal das gleiche Gebäude errichten?

Das hat man über Mies van der Rohe auch gesagt, über Le Corbusier, über Palladio. Das ist eine übliche Kritik. Wissen Sie, Kritiker haben ihre Funktion. Aber man muss das machen, woran man glaubt.

Sie sagten einmal, Architektur sei Sprache. Was erzählt uns Ihr Werk in Mons?

Die Sprache des Kongresszentrums ist: dies ist nicht der Rand einer alten Stadt, es ist ein Zentrum öffentlicher Aktivitäten, nicht nur innerhalb des Gebäudes, sondern um das Gebäude herum. Der Fluss, der Bahnhof, die Bewegung von Menschen. Es ist wirklich ein öffentliches Gebäude, errichtet mit einem sehr strengen Budget, nicht einfach noch ein glamouröses Gebäude, das mit viel Geld errichtet wurde. Ich denke, das Gebäude spricht über Kultur, und natürlich hat es ein besonderes Programm: es ist ein Kongresszentrum für Hunderte von Menschen, mit Auditorien, Restaurants, Veranstaltungsorten und große, frei zugängliche Plattformen.

Die Gegend um Mons gehörte im 19. Jahrhundert zur industriellen Avantgarde Europas. Später wurde sie im Strukturwandel abgehängt. Kann Ihre Arbeit hier, können die Veranstaltungen als europäische Kulturhauptstadt der Region einen neuen Impuls geben?

Absolut! Ich denke , die Veränderung der Region hat schon begonnen. Mehrere High Tech- Betriebe haben sich angesiedelt, man fördert Kultur und Künste und will die Stadt von ihrem früheren ökonomischen Verfall wegbringen. Das transformiert nicht nur die Ökonomie der Stadt, sondern auch das soziale und kulturelle Leben. Ein Teil dieses Spirit ist es so zu bauen, dass es nicht nur zum Grau- Sein dieser Städte beiträgt, was oft der Fall ist, sondern Gebäude zu schaffen, die Menschen anziehen, die etwas Neues zu sagen haben.

Ihr Gebäude gilt nun als ein Markenzeichen der europäischen Kulturhauptstadt Mons. Wie blicken Sie, als in Europa geborener Jude, in diesen Tagen auf jüdisches Leben in Europa?

Nun, mit der gleichen Besorgnis wie andere das auch tun. Wir leben in einer Zeit, in der die Überlebenden des Holocaust sterben oder nicht mehr da sind. Wir können uns nicht nur auf alte Geschichten verlassen, weil es Menschen gibt, die keine Verbindung damit haben. Also müssen wir die Erinnerung erneuern, zeigen, dass bigotte Vorurteile nach wie vor lebendig sind. Und sicherlich sind die antisemitischen Vorfälle, die Europa sicher in den letzten Jahren geplagt haben, sehr beunruhigend. Es ist kein Zufall, dass Juden ermordet wurden, erst in Frankreich, dann in Belgien. Und wenn Juden ermordet werden, ist es nicht so überraschend zu sehen, dass danach Journalisten und Künstler ermordet werden, und dann Andere. Daher müssen wir das nicht nur als ein anti- jüdisches Phänomen sehen, sondern seine Bedeutung in Europa als Ganzem.

Sie spielen auf das Bild der europäischen Juden als Kanarienvögel in der Mine an?

Nun, ich würde es nicht ganz so sehen, es ist nicht 1933. Wir haben aufgeklärte europäische Regierungen, und Kanzlerin Merkel hielt als eine der europäischen Führungsfiguren eine sehr deutliche Rede. Aber es zeigt, dass es nicht genug ist, nur zu sagen: “wir erinnern uns.” Wir Wir sind bedroht von Fundamentalismen von allen Seiten. Darum muss die demokratische Welt resolut für Gerechtigkeit kämpfen, für Freiheit, für Gleichheit, für Toleranz.

Es gibt einen bemerkenswerten Ausspruch von Ihnen: Sie sagten, sie seien nicht an “glänzenden Türmen” interessiert, wenn diese “moralisch zweifelhaft” seien, sprich an einem Ort, an dem Sie nicht vertreten können, zu arbeiten.

Sehen Sie, es geht nicht nur um Ästhetik. Es geht um Ethik. Und um die Frage für wen etwas etwas gebaut wird, wofür und warum. Und es ist nicht zufällig, das eines meiner Projekte in China die Unterbringung von Arbeitern betrifft. Billige Unterbringung. Keine riesigen Shoppingcenter, nicht der höchste Turm von Peking, sondern die billigste Unterbringung, die jemals in China gebaut wurde. Für Leute die in Restaurants arbeiten, die die Strasse saubermachen, und auf Baustellen arbeiten. Ein herausfordernder Prototyp, der durch viele Prozesse geht und von dem ich hoffe dass er gebaut wird. Dieses Beispiel zeigt, dass man selbst mit einem sehr begrenzten Budget, mit Räumen, in denen vier Personen leben, eine würdige, schöne, nicht baracken- ähnliche Umgebung für Menschen kreieren kann.

Gibt es Orte, an denen Sie, auf diese Ideale basierend, nicht wirken wollten?

Schauen Sie sich mein Portfolio an. An bestimmten Orten arbeite ich nicht.

 

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 29. Januar 2015

 

 

 

 

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