Die gleichen Davidsterne

Seit jeher bedienen sich Rastafarians jüdischer Symbolik. Harrison Stafford sitzt an der Schnittstelle: er ist Jude und Sänger von Groundation, einer der wichtigsten heutigen Reggaebands.

Das Iron Lion Zion- Erlebnis ist an Harrison Stafford vorbei gegangen. Dieser Moment des Innehaltens, vielleicht auf der Tanzfläche, in dem man sich fragt, was Bob Marley eigentlich mit Zionismus am Hut habe. Und wieso zu alledem auch noch der Löwe von Juda, denn um den geht es hier, in einem Reggae- Stück auftaucht? Wer dann ein wenig zu graben beginnt, könnte sich noch mehr wundern: Zion ist nämlich nicht nur manchen Juden das gelobte Land, sondern auch für Rastafarians, diesen Nachkommen westafrikanischer Sklaven in der Karibik und vor allem auf Jamaica. Als Gegenentwurf dazu fungiert Babylon, ein Symbol für Unterdrückung, Korruption, moralischen Verfall, und der Verweis auf das babylonische Exil der Israeliten ist alles andere als zufällig. Der Gott, der seine Kinder aus der Gefangenschaft retten soll, heißt hier Jah und dort Jahwe.

Harrison Stafford hat sich darüber eigentlich nie gewundert. Er kennt diese Parallelen seit seiner Kindheit. “Ich war acht Jahre alt, lernte Hebräisch und studierte die Thora, als ich erstmals Reggae hörte”, erinnert er sich. “Natürlich sprach mich das an. In den Liedern ging es um Exodus, um Moses und Abraham, ich spürte eine Nähe und dachte, das ist unsere Kultur.” Stafford wuchs in einer liberalen jüdischen Familie in der San Francisco Bay Area auf. Sein Vater brachte ihn früh mit den verschiedensten Musikstilen in Kontakt.

Seine Familie war es auch, mit der er in den späten 1980ern – “kurz nach dem Tod von Peter Tosh” – erstmals nach Jamaica reiste und mit leibhaftigen Rastafarians in Kontakt kam. Und sah, dass sie “die gleichen Davidsterne tragen”. Ihre Botschaft, gleiche Rechte für alle Menschen und ein Leben im Einklang mit Natur und Schöpfung, erzählt der schmale, bärtige Charismatiker, inspirierten ihn und lösten den Wunsch aus, Teil dieser Bewegung zu sein. Als Religion, wie sie oft von außen stehenden genannt wird, will Stafford Rastafari nicht bezeichnen.

Zehn Jahre später rief er mit zwei Freunden, die er im Jazz- Theorie- Kurs seines Musikstudiums traf, Groundation ins Leben, die heute eine der einflussreichsten Reggaebands sind. Auch sie bewegen sich in dem branchentypischen Bezugsrahmen, der von Verweisen auf die biblischen Israeliten wimmelt: Remember Mount Zion heißt es da, vom paradiesischen Garten Helam ist die Rede, von der jüdischen Festung Masada, von der alten Hauptstadt Hebron und dem Jordan. Was für Rastafarians und zahlreiche Reggaebands Gewohnheit ist, wurzelt in einem Mythos: einer Liebesaffäre Salomons, des legendären Königs von Juda, mit Makeda, der Königin von Saba, aus der vor 3.000 Jahren der erste äthiopische Kaiser Menelik I. hervor gegangen sein soll. So steht es im Buch Kebra Nagast (Ruhm der Könige), gehandelt als die ´verlorene Bibel der Rastafarians´, und wo auch immer Davidstern und Löwe von Juda in den äthiopischen Farben Grün, Gelb und Rot auftauchen, gehen sie darauf zurück.

Kebra Nagast überliefert auch, dass Menelik als junger Mann an den Hof seines Vaters nach Israel zurück kehrte, jemand aus seinem Gefolge die Bundeslade mit den zehn Geboten entwendete und nach Äthiopien brachte, was als Ursprung des dortigen Judentums gilt. Der legendäre Kaiser Haile Selassie, der Äthiopien zwischen 1930 und 1936 und dann von 1941 bis 1974 regierte, soll ein direkter Nachfahre Meneliks gewesen sein. Ras (Fürst) Tafari Makonnen, so sein ursprünglicher Titel und Name, gilt Rastafarians nicht nur als Wiedergeburt Jahs, sondern gab der Bewegung auch gleich ihren Namen. Seine Krönung 1930 war ihre Geburtsstunde, schien sich damit doch die Prophezeiung Marcus Garveys zu bewahrheiten. Der Gründer der ´Universal Negro Improvement Association´ hatte schon 1916 verkündet, dass in Afrika ein schwarzer König den Thron besteigen werde, der der Erlöser sei.”

Rastafari ist demnach ein “jüdisch- christliches Erbe vor dem Hintergrund einer anderen Geographie und Mentalität”, wie Harrison Stafford das formuliert. Eine Mischung aus Mythen, alten Schriften, der historischen Episode der Sklaverei, die vollständige Kolonisierung Afrikas, mit Ausnahme Äthiopiens, das entsprechend verklärt wird, black consciousness und der Kampf um Befreiung. Aufschlüsseln lässt sich dieser Schleuderwaschgang der Ideen kaum – auch nicht von Stafford, der 1999 an der kalifornischen Sonoma State University über die Geschichte von Rastafari dozierte. “Wer weiß schon, wann und wo das alles begann.”

Immerhin weiß er, dass am Anfang eine Leere stand, und zwar in Bezug auf “jegliche Quelle über die Abstammung schwarzer Menschen” auf Jamaica. In den Schriften der hebräischen Bibel fanden die Sklaven Hoffnung. Das Volk Israel und seine Rettung aus der Sklaverei eigneten sich vortrefflich zur Identifikation. Harrison Stafford indes sieht darin eher Pragmatismus als Bestimmung. Nachdem man die Sklaven der Christianisierung für würdig befunden hatte, sei der Stamm Juda war eben die nächst liegende Option gewesen.

Vor allem auf Jamaika sei diese Verbindung jedoch tief im Bewusstsein verankert. Der Groundation- Sänger berichtet von enthusiastischen Reaktionen von Rastafaris, die ihn mit den Worten “let the Jewish boy sit down here” willkommen hießen. Nicht zuletzt seine Abstammung machte Eindruck. “Meine Mutter ist eine Levi von den 12 Stämmen Israels, und mein Vater ein Kohen” (eine besonders angesehene Kaste, aus der sich die Priester rekrutierten, T.M.). Umgekehrt seien sich Juden zwar bewusst, dass Rastafarians sich der israelitischen Symbole bedienen. Besonderes Interesse oder gar Respekt brächte ihnen dies aber nicht ein.

Wer, wie Stafford, Purismus und Dogmen fern steht, kann Judentum und Rastafari problemlos kombiniere, da beiden “das Prinzip der Liebe” und die zehn Gebote zu Grunde lägen. Der 31jährige praktiziert beides in seiner eigenen Mischung, wie er überhaupt der Meinung ist, dass ” sieben Milliarden Menschen sieben Millionen verschiedene Wege haben.” Lange reiste er mit einem Talmud, bis dieser ihm vor einigen Monaten gestohlen wurde. Wenn er nach der aktuellen Europatour der Band Israel besucht, will er sich dort einen neuen kaufen. Sein Blickwinkel geht allerdings sowohl über beide Ansätze hinaus – und zwar bei weitem: “Ich würde mich selbst weder einen Juden noch einen Rasta nennen, denn all diese Geschichten, wie Moses vom Berg Sinai kommt, sagen uns eigentlich immer wieder das Gleiche: die ganze Welt sind die Kinder Israels.” Bibelfest, wie er ist, hat Stafford gleich noch eine Thora- Stelle, um dies zu belegen: “Wenn eine Person leidet, egal ob Jude oder Nicht- Jude, leidet das ganze Haus Israel.”

Eben dies ist es, was Groundation in ihren Texten verkünden. Liebe, Einigkeit, die Zukunft des Planeten, diese hippieske Message ist nicht untypisch für das Genre. Harrison Staffords Stimme erinnert nicht nur gelegentlich an Devon Tyson, den Sänger der Londoner Legende Misty in Roots, doch kommen Groundation ungleich positiver daher als die düsteren Endzeitprediger – ohne jemals in mainstreamkompatible Palmenstrand- Unity- Plattitüden ab zu rutschen. Der jüdische Kontext dient dabei in Form des Israel- Palästina- Konflikts durchaus als Vorlage. “From Golan to Galilee” heißt ein Lied auf dem neuen Album ´Here I Am´ – und dahinter steht nichts anderes als dies: Frieden und Liebe überall, das fordert Stafford, “von den Golan- Höhen über Galiläa bis nach Jerusalem!”

Wenn Harrison Stafford in zahlreichen Liedern über Zion singt, ist damit für ihn eher ein spiritueller Ort gemeint. Orthodoxere Rastafarians wie der mit Groundation befreundete Sänger Pablo Moses sind überzeugt, der biblische Begriff ´Israel´ stehe eigentlich für Äthiopien. Der politische Zionismus sieht den Staat Israel an dieser Stelle. Stafford sieht sich in keiner dieser Traditionen. Zum letzteren hat er eher ein ambivalentes Verhältnis: er berichtet von einer tiefen Verbindung mit Jerusalem, wenn er alte Steine sieht, die vielleicht schon in den Händen seiner Vorfahren gelegen hätten. Andererseits löse Israel “diese Traurigkeit in meinem Herzen” aus, da nur Gott einen Ort mit diesem Namen bauen könne. “Ein Nationalstaat Israel ist dagegen anmaßend.”

Einmal im Jahr spielen Groundation in Israel – und sie legen Wert darauf. Stafford berichtet von überwältigender Freundlichkeit, die man dort erfahren habe – aber auch von einer schockierenden Konfrontation der “bewussten und liberalen Band ” mit rechter politischer Kultur und Medien. Dann hebt sich der lange Bart Staffords, er muss noch immer grinsen, als er an diesen alten Plan denkt, den er als Teenager hatte. Ein riesiges jamaikanisches Soundsystem nach Jerusalem bringen, ganz oben auf dem Ölberg in Ostjerusalem abstellen und die ganze Gegend beschallen – “und nicht eher ausschalten, bevor Gleichheit kommt. Eigentlich will ich das immer noch.”

Erschienen in WOXX, 6. November 2009

Kürzere Fassung erschienen in Der Freitag, 17. November 2009

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