Der Baum des Lebens wird digital

Jahrhundertealte Manuskripte, neue Technik: in der ältesten jüdischen Bibliothek der Welt weht ein frischer Wind.

Die Vergangenheit steht in Ets Haim unter der Wendeltreppe zur Galerie: ein schmaler Holz- Kasten mit Schubladen. Darin finden sich Karteikarten, vergilbt und handbeschrieben mit strengen, steilen Buchstaben. Ein Bibliothekar muss sie vor langer Zeit angefertigt haben, denn sie erschliessen sich nicht gleich. Dabei sind sie bisher der einzige Wegweiser in einer wahren Schatzkammer: der ältesten noch funktionierenden jüdischen Bibliothek der Welt.

Ets Haim, Hebräisch für “Baum des Lebens”, befindet sich in Amsterdam, in unmittelbarer Nachbarschaft der Portugiesischen Synagoge und des Jüdisch- Historischen Museums. Das Archiv erinnert noch an alte Zeiten: ein Stück Kulturerbe von einzigartigem Wert, mit dem man bis vor kurzem bemerkenswert unprätentiös umging. Vielleicht auch, weil die mehr als 25.000 Werke, vor allem auf Hebräisch, Spanisch und Portugiesisch, für sich sprechen.

Seit man sich gemeinsam mit Museum und Synagoge den Besuchern Amsterdams als “Jüdisches Kultur- Quartier” präsentiert,  weht ein frischer Wind durch Ets Haim. Zwei ambitionierte Projekte sollen die Bücher in ihren dunkelgrünen Regalen weithin zugänglich machen. Zunächst wird der Bestand katalogisiert. “Wir wissen nämlich nicht genau, wie viele Bücher wir eigentlich haben”, erklärt Hetty Berg, im Jüdisch- Historischen Museum als Manager für alle Kollektionen zuständig ist. “Durch die Zusammenarbeit mit dem Museum können wir das jetzt ändern. Wir wollen alles öffentlich machen und ins Internet stellen.”

Ein ambitioniertes Projekt, denn zunächst musste ein Katalogsystem gefunden werden, das lateinisches wie hebräisches Alfabet umfassen kann. Unterstützung gab es von Emile Schrijver, Kurator der jüdischen Bibliotheca Rosenthaliana an der Universiteit van Amsterdam. Von dort kam 2012 auch die Bibliothekarin, Heide Warncke, die einst als Studentin ihre “Liebe zum hebräischen Buch” entdeckte und nun genau am richtigen Ort ist: “ich kann mir keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen. Es gibt hier so unglaublich viel Wissen!”

Spektakulär ist das zweite Projekt, das zur Zeit in Ets Haim stattfindet. Zur Kollektion nämlich gehören neben den gedruckten Büchern auch 600  Manuskripte, von denen die Ältesten aus dem 13. Jahrhundert stammen. In einem aufwändigen Verfahren werden sie nach und nach digitalisiert. Zuständig dafür ist der israelische Fotograf Ardon Bar- Hama, der in diesem Fach Weltruhm geniesst. Er digitalisierte bereits die Schriftrollen vom Toten Meer sowie Privat- Archive von Albert Einstein, Sigmund Freud und Theodor Herzl.

Die “bestmögliche Replika” machen – nicht weniger ist der Anspruch Bar- Hamas, wenn er den Bibliotheksraum in ein Fotostudio verwandelt. Er setzt Speziallinsen ein und verwendet einen Blitz mit UV- Schutz, der die empfindlichen Manuskripte nicht angreift. Eine Doppelseite nach der anderen fotografiert er so ab, ohne dass die Bücher wie beim Scannen besonders weit geöffnet werden müssen. Platten setzt er nur in Ausnahmefällen ein, um die Objekte zu schützen.

Regelmässig kommt Ardon Bar- Hama nach Amsterdam. Dann lichtet er in vier Tagen 5.000 Doppelseiten ab, bevor er zum Shabbat zurück nach Israel fliegt. Ein Drittel der Manuskripte hat er in diesem Pensum schon digitalisiert. Der Rest soll in den nächsten zwei Jahren folgen. Ein arbeitsintensives und teures Unterfangen, das Ets Haim nur mit der Hilfe externer Sponsoren bewerkstelligen kann. Gut 15.000 Abbildungen auf der Website etshaimmanuscripts.nl geben schon heute einen Überblick über Werke aus Halacha, Talmud, Musik, Medizin oder Astronomie.

Die inhaltliche Breite hat ihren Grund:  Hervorgegangen nämlich ist Ets Haim aus einer jüdischen Bildungseinrichtung, nachdem sich Ende des 16. Jahrhunderts die ersten sephardischen Juden in Amsterdam niedergelassen hatten. Diese waren auf der iberischen Halbinsel zwangsweise konvertiert. “Es gab darum grosse Wissenslücken und einen entsprechenden Bedarf, Dinge über das Judentum zu lernen und eine gemeinsame Identität entwickeln”, so Bibiothekarin Warncke.

Ab 1616 belegen Quellen, das in der Gemeinde Bet Ya`akov unterrichtet wurde. Um Studenten von Grundschule bis Universitätsniveau finanziell zu unterstützen, rief man 1639 die Gebroederschap Ets Haim ins Leben. Seit 1675 befindet sich die Bibliothek in den gleichen Räumen. Der heutige Bestand ist also die damalige Lehrbücherei, ergänzt um die Sammlung David Montezinos, der Ende des 19. Jahrhunderts Bibliothekar von Ets Haim war.

Nicht zuletzt die Manuskripte reflektieren durchaus die Lage der jüdischen Pioniere Amsterdams. “Einige sind sehr üppig dekoriert”, erzählt Heide Warncke. Ähnliche Zeugnisse der  christlichen Einflüsse in Identität und Bräuchen der Sefardim sieht man auch auf dem Friedhof der portugiesisch- jüdischen Gemeinde im nahen Ouderkerk, dessen Grabsteine auffällige Verzierungen haben, wie sie im iberischen Raum üblich waren.

Zu den besonderen Schätzen der Manuskript- Sammlung zählt das älteste Stück: eine Abschrift der Mishneh Torah von Maimonides von 1282. Auf der digitalen Abbildung ist zu erkennen, dass einige Passagen mit brauner Farbe unkenntlich gemacht sind. “Es sind messianische Stellen”, sagt Heide Warncke: “Man kann die Signatur der Zensoren sehen. Einer war der Bischof von Bolognia.”

À propos Messias: in der Bibliothek stösst man auch auf einen Brief, den die Amsterdamer Sefardische Gemeinde an Shabtai Zwi schrieb, den “Pseudo- Messias” des 17. Jahrhunderts. Alle wichtigen Gemeindemitglieder unterzeichneten, oben rechts prangt ein rotes Siegel. Ein seltenes Stück, da die Gemeinde nach der Enttarnung Shabtai Zwis eigentlich alles entsorgte, was an ihn erinnerte. Der Brief steht bereits auf der Website. Wenn der Rest des Digitalisierungs- Projekts abgeschlossen ist, wird Ets Haim über eine der grössten Online- Sammlungen jüdischer Schriften verfügen.

Erschienen in tachles, 7. Februar 2014

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