Alles auf die Acht !

 

Der neueste Clou im Land der kreativen Struktur- Reformen: mehr als die Hälfte der Zweitligisten müssen nächste Saison bei den Amateuren antreten. Mittendrin im Kampf um die letzten Plätze sind die Ex- Meister Lierse SK und Union St Gilloise.

 

Auf ihrer Website preist die belgische Zweite Liga den eigenen Ausnahmezustand in diesem Frühjahr an wie ein begehrtes Verkaufs- Schnäppchen: “In der wichtigsten Saison aller Zeiten ist Profifußball das Ziel Nummer Eins. Lange nicht jedes Team mit Profi- Ambitionen wird effektiv Profi bleiben.” Wie wahr: was bislang als Tweede Klasse oder Divison 2 bekannt war, wird im Sommer von 17 auf acht Clubs geschrumpft. Diese bilden ab der neuen Saison dann das “1B” genannte Anhängsel der 16 “1A”- Erstligisten. Der Rest verschwindet in die Amateurklasse.

 

Neu sind die Pläne, die Zahl der Proficlubs zu reduzieren, nicht. Zu viele von ihnen stehen finanziell auf chronisch wackeligen Beinen, zu viele geraten angesichts der Lizenz- Bedingungen ins Strudeln. Doch der Beschluss vom Sommer 2015 ist ein so drastischer Einschnitt, dass sich im Städtchen Lier schon Mitte Februar Grabesstimmung breitmacht. Neun Runden vor Saison- Schluss beträgt der Abstand auf den achten Platz fünf Punkte. 110 Jahre nach der Gründung, knapp 20 nach der Stipvisite in der Champions League droht dem Absteiger und Altmeister ein tiefer Fall.

 

Ben Bruynseels, Pressesprecher des Koninklijke Lierse Sportkring, kann die Folgen noch gar nicht abschätzen. “Dramatisch” wäre das für den Club, sagt er am Telefon. Zerknirscht entschuldigt er sich, dass man nach den jüngsten Ergebnissen keine Journalisten willkommen heißen wolle, die über die kuriose Strukturreform der diesbezüglich nicht armen Ligen Belgiens berichten – und über ihre möglichen Leidtragenden. Danach aber stabilisiert sich “Lierse”: drei Spiele ohne Niederlage, der Rückstand ist um einen Punkt geschmolzen, und an einem Samstag Abend Mitte März kommen die Kellerkinder aus dem benachbarten Heist zu Besuch. Ben Bruynseels legt immerhin eine Pressekarte bereit.

 

Eine Stunde vor Anpfiff füllt sich das “Thema- Café”, ein niedriges Gewölbe mit hellen Fliesen und einem verschnörkelten, leuchtendgelben Schriftzug an der Wand, der Lierse den “größten kleinen Club des Lands” nennt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Annie Van Dingenen, eine freundliche Rentnerin, die an einem Tisch Getränkebons verkauft. “Hoffnung gibt es immer”, lächelt sie. Was passt, denn in diesem Moment steht Freddy Leys vor ihr, Mitglied des Fanclubs Nooit Wanhopen, was “Nicht Verzweifeln” bedeutet. Seine Ansage: “Solange Lierse besteht, kommen wir, egal in welcher Liga!” Ein Treueschwur an einem trübkalten Abend im Spätwinter.

 

Freddy Leys, zuständig für Auswärtsfahrten, und seine Freunde Rudy Vets und René Van Hoof sind alle schon einige Jahrzehnte dabei und wissen, wie spät es ist: “Wir dürfen ab jetzt einfach nicht mehr verlieren”, sagt Rudy, der Vorsitzende. René Van Hoof, zuständig für Feste, holt erst einmal aus: nach dem Abstieg ist Lierse in einer Übergangsphase. Auf dem Platz stehen vor allem junge Absolventen der Akademie des ägyptischen Investors Maged Samy, hoch talentiert, aber kaum erfahren. “Der Vorstand muss einsehen, dass es nur mit Akademie- Spielern nicht läuft”, so Marc De Noël (“wie der Weihnachtsmann”), der gemeinschaftliche Präsident aller Lierse- Fanclubs, der sich dazugesellt.

 

Die Abhängigkeit von einem Investor, zumal einem mit angeschlossenen Ausbildungs- und Scoutingsprojekten, ist im belgischen Profifussball ein immer gängigeres Muster. Unumstritten sind die Geldbeschaffer allerdings selten, und auch Lier bildet hier keine Ausnahme. “Wir sind ihm dankbar, dass er den Club gerettet hat”, sagt Freddy Leys. René van Hoof, dem es “weh tut”, Lierse nach 50 Jahren so zu sehen, verzieht dabei etwas gequält das Gesicht. Immerhin: “Nach dem Auswärtssieg letzte Woche hat Maged Samy angekündigt, dass er in jedem Fall bleibt.”

 

Wenig Diskussion gibt es dagegen über die Reformpläne: darüber verliert hier niemand ein gutes Wort. Vor allem, dass der Umbruch mit neun Absteigern zu abrupt ist, kritisieren alle. “Und danach spielen alle Clubs viermal gegeneinander. Was soll das sein, Beschäftigungstherapie?”, fragt Marc de Noël launisch. “Es macht den Fussball kaputt”, so Rudy Vets knapp. René Van Hoof sähe es ohnehin am liebsten, wenn man ganz auf das “unfaire” Play- Off- System verzichten würde, dessen kreative Komplexität in Belgien seinesgleichen sucht. Gibt es keine Lierse- Supporter, die dem etwas abgewinnen können? “Ich habe noch keinen getroffen”, so Freddy Leys.

 

Um bei winterlichen Temperaturen warm zu bleiben, bearbeitet man im Stadion “t Lisp” traditionell gerne den blechernen Boden der Stehtribünen mit dem Schuhwerk. Der dröhnende Klang hallt dann durch das Rund, und an diesem Abend geschieht das mit einiger Frequenz und so laut, dass einige Ordner das Gesicht verziehen. Mit 4:0 schickt Lierse die Gäste zurück ins nur 12 Kilometer entfernte Heist. Der Qualitätsunterschied ist derart, dass von Rivalität keine Rede sein kann, und man versteht Freddy Leys, der vorhin eben sagte: “Wenn diese Mannschaft zusammen bliebe, können wir in zwei, drei Jahren wieder erstklassig sein.”

 

Nach der Pressekonferenz zeichnet auch Trainer Eric Van Meir, als Verteidiger mit Lierse in den 1990ern Meister und Pokalsieger, bein positive Bild. “Wir haben das jüngste Team der zweiten Liga. Am Anfang der Saison rutschten wir tief unten rein, aber jetzt kommen wir auf Touren.” Ganz normale Worte für den Verlauf einer Saison, die alles andere als das ist. Wie ist das für einen Trainer, in einer solchen Situation ein Team zu leiten? Der Druck, meint Van Meir, wirke sich nicht negativ aus. Und dann, mit einem angedeuteten Lächeln: “Dies ist Belgien, da sind wir einiges gewöhnt. Die beiden Letzten aus der Ersten Liga haben von März bis August keine Pflichtspiele mehr.” Sein Fazit des Abends ist positiv: “Wir sind Achter, jedenfalls für einen Tag.”

 

50 Kilometer südwestlich hat der Druck damit zugenommen. Etwas mehr als zwölf Stunden später bereitet man sich rund um das Joseph Marien- Stadion von Union Saint Gilloise, nicht unpittoresk in den Hängen von Forest oberhalb Brüssels gelegen, auf das Match gegen den Lokalrivalen und Aufstiegs- Aspiranten White Star vor. Draußen scharen sich Fans in der Mittagssonne um Bar- Tische auf dem Bordstein, drinnen verteilt die weiß gekleidete Promo- Kolonne von Ligasponsor Proximus Werbegeschenke. Eine Handvoll Soldaten in Camouflage kommen in einem Armeejeep an und beziehen irgendwo Stellung, denn dies ist Belgien in Zeiten der Terror- Drohung.

 

Was den achten Platz angeht, ist Frank Louwrier, ein Fan von Ende 20, “leicht besorgt, aber nicht in Panik”. Anders als in Lier weist die Kurve von Union nach unten, nachdem man zwischenzeitlich mal vom Aufstieg geträumt hatte. “Aber wir sind froh, dass Union überhaupt wieder lebt, nach all den Jahren Vor- Sich- Hin- Schimmeln in der dritten Liga.” Saint Gilloise ist mit elf Titeln einer der erfolgreichsten belgischen Vereine, allerdings datiert der letzte davon aus den 1930ern. Sollte man nun zweitklassig bleiben, sagt Frank Louwrier, müsse Union für eine Weile ins Heysel- Stadion ausweichen, denn die Profi- Auflagen, die für “1A” und “1B” gelten, verlangen neue Tribünen.

 

In dieser ungewissen Situation zeigt sich Union Saint Gilloise in ihrer typischen, unaufgeregten Mischung aus Ambition und Selbstbewusstsein. “Wieder- Aufsteigen, das ist ein Traum”, sagt Dominique Depretre, einst Sportdirektor, heute zuständig für PR. Ein Schild am Revers seines schwarzen Sakkos weist ihn als Offiziellen aus, seinen Namen hat er dort handschriftlich eingetragen. Er trägt Baskenmütze, Jeans und eine Brille mit bernsteinfarbenem Rand. Natürlich will man zweitklassig bleiben, denn nach der Reform schafft nur noch ein Amateurteam den Sprung nach oben. “C’est maintenant ou jamais. It’s now orr nevörrr!”

 

Doch in Hektik verfallen, das liegt ihm, das liegt dem Club, 1897 gegründet, fremd. Man plant eben zweigleisig, sagt Depretre, zieht ins Heysel um wenn nötig, Geld für den erforderten Tribünen- Ausbau gibt es vom deutschen Investor und Präsidenten Jürgen Baatzsch und der Kommune. Und wenn nicht? “Dann bleiben wir halt hier”, und er weist auf das Stadion, in dem sich “so gut wie nichts verändert habe, seit 1926”. Auf den Rängen um Dominique Depretre herum werden Wangenküsse zur Begrüssung getauscht.

 

Kurz vor dem Anpfiff gesellt sich Vorstandsmitglied Jean- Marie Philips dazu. Der Jurist war einst Präsident der Pro League (so der offizielle Name der Ersten Liga) und bis 2010 Generaldirektor des belgischen Fussballbunds. Innerhalb dieser Kreise war er freilich immer ein Skeptiker gegenüber den lange gehegten Reformplänen – auch die aktullen. “Wir haben keine Zeit, uns an die neue Liga zu gewöhnen. Es gibt keinen Übergang!”, kritisiert er aus Sicht seines Clubs. Im weiteren Kontext beklagt Philips, die Clubs hätten sich übezeugen lassen, dass es ihnen in der Amateur- Liga besser ginge, angetrieben durch jeweils 50.000 Euro, die man letzten Sommer für eine positive Abstimmung erhalten habe. Drastisches Fazit: “Für ein bisschen Geld begehen die Vereine Selbstmord!”

 

Union Saint Gilles indes sendet an diesem Nachmittag ein deutliches Lebenszeichen an die Konkurrenz. Unter Dauer- Gesängen der Stehtribüne ringt man den Spitzenclub White Star in einer epischen Abwehrorgie nieder. Damit springt man wieder über den magischen Strich ind er Tabelle, mitten unter die Profi- Kandidaten, bis auf den sechsten Platz. Lierse bleibt Neuter, doch der Abstand ist nun auf zwei Punkte geschmolzen. Jean- Marie Philips, der in seiner langen Funktionärs- Laufbahn so Einiges erlebte, hat ein deutliches Vorgefühl: “Das Rennen wird erst am letzten Spieltag gelaufen sein. Bis zum 30. April bleibt es spannend.”

 

Erschienen in Ballesterer, April 2016

 

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