Zion liegt in Äthiopien

Lion of Judah, Davidstern, Israelites. Rastafarians verwenden reichlich jüdische Symbolik. Neben überraschenden Kontinuitäten prägen jedoch auch deutliche Brüche das Verhältnis. Eine Spurensuche auf dem größten Reggaefestival Europas.Jeden Sommer wird der Löwe von Juda zum Schutzpatron des Fühlinger Sees bei Köln. Ein Wochenende lang schmückt seine zottelige gekrönte Mähne T- Shirts und Jacken, Fahnen und Aufnäher. Auf Plastikbechern, Plattencovern und sogar auf dem offiziellen Festivallogo ragt sein Zepter in die Luft. Es ist, als hätten sich Hunderttausend Menschen in seinem Zeichen versammelt. Das Wahrzeichen des israelitischen Stammes ist bei weitem nicht das einzige jüdische Symbol auf dem Summer Jam- Festival, eine der größten Reggae- Veranstaltungen Europas. Regelmäßig ziehen die Sänger auf den beiden Bühnen gegen ´Babylon´ vom Leder, wo die Jah people, die Kinder Gottes, geknechtet werden, und immer wieder taucht Zion in den Refrains auf, das gelobte Land ihrer Verheißung. Dazu dürfte es schwer fallen, irgendwo in Europa eine größere Anzahl an Davidsternen zu finden, die öffentlich zur Schau gestellt werden. Ihr Hintergrund ist allerdings nicht blau- weiß, sondern rot, gold und grün.

Für Menschen, die noch nie mit Rastafarians zu tun hatten, ist das verwirrend. Man weiss, dass sie Reggae hören, Dreadlocks tragen und zum Philosophieren kiffen, weswegen sich manch einer mit ihnen verbunden fühlt. Auch auf Lieder wie Iron Lion Zion haben so Einige schon getanzt und sich vielleicht über den seltsam anmutenden Reim gewundert. Haben diese schwarzen Jamaicaner, Nachfahren afrikanischer Sklaven, die einst in die Karibik verschleppt wurden, etwas mit Juden zu tun? Dass diese Frage so klar nicht zu beantworten ist, deutet Pablo Moses an. Pablito Henry, so sein Geburtsname, ist ein in Reggaekreisen hoch angesehener betagter Herr von Anfang 60, der eben seinen Auftritt mit einem Appell an die Zion people hinter sich gebracht hat. “Wir halten uns selbst für Juden”, sagt er wenig darauf verschwitzt in seinem engen Backstageraum, “aber nicht im heutigen Sinn für jüdisch.”

Pablo Moses redet gerne über seinen Glauben. Seine Stimme hat etwas ernstes, er klingt wie ein Prediger, als er ausholt: “Natürlich haben wir deutliche Parallelen. Den Zionismus, das Bild der zwölf Stämme Israels, das gibt es auch bei uns. Nicht umsonst ist eine der bedeutendsten Rastaorganisationen (The Twelve Tribes of Israel, T. M.) nach diesen benannt.” Der Stamm Juda allerdings hat unter Rastafarians eine besondere  Bedeutung, denn auf diesen führen sie Haile Selassie zurück, zwischen 1930 und 1974 äthiopischer Kaiser und von ihnen als Reinkarnation Gottes verehrt. Der Kaiser gilt ihnen als direkter Nachkomme von König Salomon und der Königin von Saba, aus dessen Verhältnis vor 3.000 Jahren der erste äthiopische Kaiser Menelik I. hervor gegangen sein soll.

Um diesen Mythos kreist das Buch Kebra Nagast (Ruhm der Könige), gehandelt als die ´verlorene Bibel der Rastafarians´. Es überliefert auch, dass Menelik als junger Mann an den Hof seines Vaters nach Israel zurück kehrte, jemand aus seinem Gefolge die Bundeslade entwendete und nach Äthiopien brachte. Dies gilt als Ursprung des dortigen Judentums. Darum, so Pablo Moses, gelten Rastas Löwe und Davidstern ebenfalls als heilige Symbole. Doch ausgerechnet bei Zion, dem Land der Verheißung, endet wie so oft der gemeinsame Weg. “Die Schrift”, sagt Pablo Moses, der seinen Namen auf Jamaica in der Schule bekam, weil er als Friedensstifter galt, “erzählt uns vom neuen Jerusalem. Dieses aber liegt in Äthiopien. Als Rastafaris wissen wir, dass der Begriff Israel in der Bibel Äthiopien bedeutet.”

Weit weg erscheinen mit einem Mal die Stände mit karibischem Essen und die mobilen Plattenläden, der grünliche See hinter den Zelten bekommt etwas unwirkliches. Tief und erdig rollen die Bässe aus dem Soundteppich.heraus. Das geographische Koordinatensystem beginnt sich zu drehen. Man muss eine neue Achse einfügen, ohne den politischen Hintergrund lassen sich diese Materie nicht sortieren. Rastafari ist eine junge Religion. Oder ein “innewohnendes Konzept”, wie Pablo Moses das nennt. Sie beginnt 1928 auf Jamaica mit Marcus Garvey. Der Prediger und Panafrikanist fordert schwarze Menschen auf, den Blick nach Afrika zu richten. Wenn dort ein schwarzer Herrscher gekrönt werde, sei die Zeit ihrer Befreiung nahe. Frühen Rastafaripredigern wie Leonard Howell gilt dies als messianische Prophezeiung, obwohl Ras (ein alter amharischer Herrschertitel) Tafari Makonnen zu diesem Zeitpunkt bereits König von Äthiopien ist.

Seine Krönung zum Kaiser zwei Jahre erfahren die Nachfahren der Sklaven daher als Erfüllung dieses Versprechens. Seit man sie für würdig erklärte, christianisiert zu werden, haben sie die Bibel  auf der Suche nach ihren Wurzeln interpretiert. Die ersten Juden waren demnach schwarz. ´Israel were all black men´, heißt es bei der Reggae- Band Steel Pulse. Das Neue Testament gilt Rastas als eine Verzerrung der Geschichte und ein Versuch, die historische Rolle schwarzer Menschen zu verleugnen. Haile Selassie passt perfekt in diesen Kontext: Äthiopien wurde als einziges Land Afrikas nie kolonisiert. Prediger wie Leonard Howell vergleichen die Schwarzen mit den biblischen Israeliten im Exil in  Babylon. Noch heute essen Teile der Bewegung kein Salz, weil dies das Rote Meer beim Auszug der Israeliten symbolisiert. Während Prediger die Rückkehr nach Afrika beschwören, gibt Haile Selassie dem gelobten Land ein Gesicht. Der biblische Verweis indes bleibt. 1969 singt Desmond Dekker von dem entbehrungsreichen Leben in der Knechtschaft. Die Nummer wird der erste weltweite Reggaehit. Sie heisst The Israelites. Auch für Pablo Moses sind die Israeliten von Gott erwählt. Sein Konzept von Israeliten ist allerdings ein weites. “Alle, die die zehn Gebote befolgen, gehören dazu.”

Jah Robby gibt sich dazu die größte Mühe. Im Gegensatz zu vielen Altersgenossen, die in den letzten Jahren auf den immer populäreren Reggaezug aufsprangen, nimmt der 31jährige die Inhalte ernst. Robbys Vater ist Deutscher, die Mutter stammt aus Zimbabwe, der Dreadlockträger wirkt wie ein schwäbelnder Bob Marley. Er kommt aus Tengen am Bodensee und ist selbst Sänger der Treeshakers, die seit neun Jahren dem ländlichen Baden- Württemberg von der Korruption und moralischen Verfall Babylons erzählen, wie bei der Generation Pablo Moses´ ein Codewort für die verkommene westliche Gesellschaft. Seine Idee von Zion ist hingegen deutlich anders. Wie vielen jüngeren westlichen Reggaeliebhabern erscheint Robby eher Jamaica als das gelobte Land, als Ursprungsort von Musik und Kultur, auch wenn deren Wurzeln woanders liegen. Robby träumt davon, die Rastakolonie am Mount Zion auf Jamaica zu besuchen. Dass es nahe Jerusalem ebenfalls einen Mount Zion gibt, weiß er natürlich, lässt ihn aber eher kalt. Zu Israel, sagt Robby, habe er keine besondere Beziehung, zumal er auch Zion eher für einen imaginären Ort hält.

Wassila Sadou hingegen lebt von Zion. Auf dem Platz zwischen den Bühnen verbringt sie das Festival- Wochenende am Stand ihrer Firma. Diese stellt Klamotten her, die auf der Rastafari- Ideologie eines  Lebens in Einklang mit der Natur basieren. “Aus organischem Material, ohne Schadstoffe, ohne Metalle”, preist Wassila ihre Ware an. Auf den Markt kommt sie unter dem Label Zion Clothing. Seit 2002 werden die Klamotten unter fairen Bedingungen produziert. “Was Umwelt und Ethik betrifft, machen wir keine Kompromisse”, heißt es in der Firmenphilosophie. Zion Clothing stammt aus der schwedischen Stadt Örebro und reist wie die restlichen Devotionalienhändler dem Festivaltross hinterher. Wassilas Familie kommt aus Westafrika. Auch viele andere Verkäufer haben afrikanische Wurzeln, leben aber inzwischen in Frankreich, Deutschland oder England.  Selbstverständlich ziert das Löwenlogo auch den Stand von Zion Clothing. Was sieht Wassila in den vier Buchstaben? Das Paradies, sagt sie. Erleuchtung, aber auch eine Marke. Mit dem heutigen Israel habe es dagegen nichts zu tun.

Vielleicht braucht es eine spezielle Biographie, um beide Enden doch noch zu verknüpfen. Harrison Stafford, Sänger der gefeierten kalifornischen Band Groundation, unterrichtete nicht nur vor zehn Jahren an der Sonoma State University den ersten Kurs in ´History of Reggae Music´. Er wuchs auch in einer jüdischen Familie auf. “Ich ging zur Hebräischstunde und wurde Bar Mitswa. Mein Vater war ein Cohen und meine Mutter eine Levi”, erzählt der bärtige Charismatiker. Sein eigener Hintergrund ist es, der Stafford offener für die Verbindung zwischen Judentum und Rastafari macht. Seine Identität beschreibt er als Mischung aus jüdischem Erbe und Liebe zur Rastakultur. “Wir alle bestehen aus verschiedenen Teilen, die wir auf unserem Weg zusammen fügen. Viele Wege auf diesem Planeten führen schlussendlich zum selben Pfad. Ich lebe im grundlegenden Sinn nach den Prinzipien von Rastafari, dass wir einander lieben und nach gleichen Rechten und Gerechtigkeit auf dem gesamten Planeten streben sollen. Wie es in der Tora heißt, wenn eine Person leidet, leidet das ganze Haus Israel.” Verblüffend, wie genau Stafford  an dieser Schnittstelle sitzt. Seine Worte klingen im Ohr, als Groundation, die eine der letzten Shows des Festivals spielen, unter großem Jubel noch einmal auf die Bühne kommen und eine Zugabe spielen. Da steht er nun, ein schmaler, bärtiger jüdischer Rasta mit Brille, und singt: “Exodus. Movement of Jah People. Send us another brother Moses from across the Red Sea.”

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 13. August 2009

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