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Auf Tour

Von Balkanträumen und Bolero

Benelux- Texte geht auf Tour und tauscht Nordwest- gegen Südost- Europa. Teil III aus Rumänien und Bulgarien: egal, ob Ressort oder Künstlerfleck – kurz nach dem EU- Beitritt hat der touristische Konkurrenzkampf längst begonnen. Und ohne Saisonarbeiter geht ohnehin gar nichts mehr.

Es riecht nach Sommerfrische, als der Zug aus der staubigen Steppe Zentralbulgariens, in der es seit Wochen nicht geregnet hat, in Burgas einläuft. Urlauber in kurzen Hosen, bunten T-Shirts, Hüten und getönten Brillen säumen die Bahnsteige. Der Soundtrack eines langen Schwarzmeersommers schallt aus den mitgebrachten Ghettoblastern, und wer schon wieder abfahren muss, stellt noch schnell den gebräunten Oberkörper als Versprechen für die Neuankömmlinge zur Schau. Willkommen an der Hedonistenküste Bulgariens. Die farbenfrohe Leichtigkeit verweist das geräuschlos Gedämpfte der Bahnhöfe im Landesinneren in einen längst abgelaufenen Stummfilm. Alte Frauen gehen mit Schildern die Gleise auf und ab, die in kyrillischer Schrift Zimmer anpreisen. Burgas jedoch ist nicht das Ziel der meisten Reisenden. Draußen vor dem Bahnhof verteilen sie sich auf die Busse, die in kurzen Abständen die Urlaubsressorts der südlichen Rivierea bedienen. Dazwischen tarnen Taxifahrer ihre Abzocke als Angebote. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Tage als Geheimtip gezählt sind.

Die Fahrt nach Sozopol ist eine schweisstreibende Sache. Alles, was für Luftzufuhr sorgen kann, ist da willkommen. Die meisten Passagiere fächern mit bunten Flugblättern, die zur wöchentlichen Besichtigung von Immobilien in Sozopol und Slanchev Brjag, Szenename unter Neckermännern: Sonnenstrand, einladen. Die zweisprachig beschilderte Schnellstraße bietet vereinzelte Blicke auf die Wildcamper und Angler an den Seen um Burgas. Kurz vor der Ortseinfahrt von Sozopol ist jedoch Schluss mit der Idylle: Royal Beach Hotel, Residential Village Santa Marina und Eigentumsangebote, so weit das Auge reicht. Es scheint, als solle der ganze Ort unter den Hammer. Dabei gilt Sozopol, die älteste Stadt an der bulgarischen Küste, als Beispiel eines Tourismus mit Handbremse: die letzten Jahre haben sie zwar zum Zentrum der südlichen Riviera gemacht, was jedoch nicht auf Kosten ihrer Identität ging. Noch immer bilden im alten Ortsteil die klassischen Steinhäuser mit hölzernen Aufbauten die pittoreske Kulisse für die flanierenden Urlauber, und auch das alternative Flair des Künstlerorts flackert hier und da noch auf. Zudem ist Sozopol im Vergleich zu anderen Küstenstädtchen erschwinglich geblieben. Genau darum, sagt Heather Price, „kommen hierher noch viele Bulgaren. Dies ist ein verborgener Schatz“. Die englische Immobilienmaklerin hat sich daran gemacht, ihn zu bergen, zusammen mit, wie sie sagt, „tausenden anderen solcher Agenturen“. Einen Preisanstieg, wie ihn Viele in Bulgarien nach dem EU-Beitritt fürchten, sieht sie noch nicht, allerdings investierten gerade ihre russischen Kunden eine Menge Geld an der bulgarischen Küste – neben Engländern, Iren und Norwegern. Die Kluft zu Menschen wie Sonia ist vorgezeichnet. Die dreifache Mutter ist eigentlich Gemüseverkäuferin im Rhodopenstädtchen Smolian. Zum zweiten Mal verbringt sie den Sommer in Sozopol – um in einem Hotel zu putzen. So wie die 27- jährige hoffen die meisten der Saisonkräfte aus ganz Bulgarien, dass vom Kuchen des Wachstums irgendwann ein Stück für sie abfällt. Sonia jedenfalls will später selbst ein Hotel haben.

„Balkan dream. The detail makes the difference“ ist nur ein Slogan unter vielen, die die Küstenstraße Richtung Norden säumen. Woraus die Schwarzmeerträume im Sommer 2007 gemacht sind, steht außer Frage: ein Wald von Schildern propagiert den großflächigen Ausverkauf. Die Landpreise in Bulgarien sind für Ausländer deutlich günstiger als in Rumänien, und der Bedarf an Ressorts wirkt ungebrochen. Schafft zwei, drei viele Slanchev Brjag, scheint die Devise. Sonnenstrand im mittleren Teil der Küste und Goldstrand (Slatni Pjasazi) im Norden sind die Klassiker unter den grellen Plastikhochburgen, die in den 1950ern und 60ern im Ödland errichtet wurden. Dazwischen bietet ein Gebirgsausläufer Erleichterung. Nicht allein für die Augen, sondern auch für Urlauber, die sich an einem der einmündenden Waldwege noch eben eine Roma- Prostituierte ins Auto holen möchten. Als es in Haarnadelkurven wieder zur Küste hinabgeht, fordert ein Hinweisschild auf Deutsch auf, in einen niedrigen Gang zu schalten. Doch dafür scheint an diesem Teil der Küste alles zu spät.

Erst nördlich von Varna verlieren sich die Ressorts in den Weiten der Dobrudscha. Stattdessen säumen verlassene Strände die Steilküste, deren Namen vertraulich in potentiellen Wildschläferkreisen weiter gegeben werden. Fast schlucken Sonnenblumenfelder die wenigen Weiler im geschichtsträchtigen Grenzgebiet von Bulgarien und Rumänien. Der gleichzeitige EU- Beitritt im Januar hat dessen Status als Nebenschauplatz auf absehbare Zeit zementiert, und so verweilt auch Durankulak ungestört in einem Dornröschenschlaf. Träge ducken sich die Häuser unter der Mittagshitze in die üppigen Gärten, rings um den Dorfplatz eine Schule, ein Verwaltungsgebäude, eine Gaststätte und schließlich das mächtige graue Standbild eines Arbeiters, aus der Zeit, als diese noch Plansolle zu erfüllen hatten. Links davon, wie überall in Bulgarien in diesem Sommer, die Landesfahne, rechts gibt das Sternenbanner der EU der Szenerie eine bizarre Note. Wer es in Durankulak eilig hat, ist auf Taxis angewiesen. Unter den 300 Einwohnern des winzigen Grenzdörfchens sind daher Einige, die in dieser Branche ihren Lebensunterhalt bestreiten. So wie Wasil und Stojan, die am Zoll auf Kundschaft warten. Stojan blinzelt sorgenvoll in die Sonne. Das Geschäft läuft nicht, oft hat er nur zwei oder drei Fahrgäste am Tag, an anderen überhaupt keine. Wo sollen sie auch herkommen an dieser verlassenen Grenze? Verfallene Gebäude auf bulgarischer Seite, die Beamten winken höchstens alle paar Minuten ein Auto durch. Auf einer Tafel überrascht die äußerst höfliche Aufforderung, Kritik und Anmerkungen an der Arbeit der bulgarischen Grenzbehörden schriftlich einzureichen – mit Namen und Adresse versehen, um sodann über die ergriffenen Maßnahmen informiert werden zu können. Wenige Meter dahinter begrüßt Rumänien die Einreisenden mit frisch getünchten Anlagen und gepflegten Blumen. Weiter windet sich die trockene Landstraße durch Felder, immer in Sichtweite des tiefen Blaus im Osten. Wer es nicht besser weiß, wähnt sich im Niemandsland.

Weit gefehlt. Gerade drei Kilometer hinter dem Grenzposten liegt der nach ihm benannte Mythos. Vama Veche bedeutet „Alter Zoll“, und mehr gab es in dem winzigen Dorf mit seinen 33 Häusern nicht, bis die Freaks es entdeckten. Jahrzehntelang sorgten Gratiszelten am Strand, Nacktbaden und Rock für einen Hauch kultureller Subversion. Gleichwohl blieb Vama ein Geheimtip unter wenigen Hunderten rumänischen Künstlern, Musikern, Hippies und Intellektuellen. Erst vor knapp zehn Jahren setzte eine Entwicklung ein, die bis heute rund 20 meist hölzerne Strandbars entstehen ließ, flankiert von Imbissbuden und Marktständen mit Schmuck und Klamotten. „Vama“, wie der Ort liebevoll abgekürzt wird, ist von Juni bis September ein permanentes Festival. Der hohe Symbolfaktor liegt im gewohnten Bereich zwischen Che, Roten Sternen und – natürlich- St.Pauli- Pullovern, garniert mit der Prise roher Punk- und Metalenergie, die der Westen irgendwann in den 1980ern abgelegt hat. Hier dagegen werden die zahlreichen Manowar- T-Shirts aus Überzeugung getragen. An den Sommerwochenende quillt der Strand über vor Zelten. Im Norden die subkulturell inspirierte Jugend, weiter südlich, in Rufweite Bulgariens, die in die Jahre gekommenen Veteranen mit ihren Kindern. Eine Tradition wird gepflegt, etwas wird weiter gegeben von einer Generation von Stammgästen zur nächsten. „Dies ist ein freier Ort“, versucht Carmen eine Erklärung. „Hier ist es egal, wie du aussiehst, egal, wie du riechst. Wir haben Ärzte hier, die sich eine Woche lang nicht gewaschen haben.“ Die Mittvierzigerin aus Bukarest betreibt eine Bar, die inzwischen selbst zur Legende geworden ist. Stuf heißt der Laden, benannt nach dem Schilf, aus dem er gebaut ist. Nacht für Nacht tanzen Hunderte Menschen davor im Sand, und wenn es hell wird, schwärmt Raymond, der seit neun Jahren kommt, folgt die Krönung: während die Sonne aus dem Schwarzen Meer steigt, lauscht die versammelte Gemeinde andächtig dem Bolero. Jeden Morgen wiederholt sich das Ritual, und mit jedem Mal offenbart sich ein Stück von dem, was die Menschen hierhin zurückkommen lässt. Licht, Klang und Rausch gehen eine unwahrscheinliche Melange ein, und wie in einer Inszenierung füllen die Wellen die Orchesterpausen aus. In einem kleinen Café ein paar Meter weiter beobachtet das Dutzend Polizisten, die in dieser eigentümlichen Oase die Flagge des rumänischen Staates hochhalten sollen, das Schauspiel, und es scheint, als seien auch sie benommen.

Nun erschöpft sich aber selbst Vama Veche nicht in späthippiesker Romantik: Vielmehr beruht auch dieser Ort auf dem System prekärer Saisonarbeit, das sich aus Hunderten Menschen aus allen Landesteilen zusammensetzt. Liv repräsentiert nicht weniger als die Schnittmenge von alternativem Hedonismus mit Überlebenskampf. Mindestens 70 Stunden pro Woche steht die 28jährige an der Rezeption eines der ersten Hotels von Vama. Wie ein bizarres Märchenschloß erhebt es sich grellweiß im Buschland hinter dem Strand. Vor allem rumänische Bohémes und Westeuropäer lassen sich die Übernachtung dort rund 60 Euro kosten. Liv dagegen verdient gut 200 Euro im Monat – was immerhin mehr ist, als ihr die Arbeit als Lehrerin in ihrer Heimatstadt Bačau einbringt. Festgelegt ist jedoch weder die Stundenzahl noch ihre freie Zeit: “Einen Vertrag hat niemand hier in Vama.”

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