Triumph mit Tränengas

Passendes Ende des Confederations- Cup: mitreissender Fussball, Proteste nahe der Eskalation und eine unerwartete Überlegenheit der Brasilianer

Vielleicht muss man auf die Reaktionen der grossen Zeitungen schauen, am Tag nach dem Confederations- Cup- Finale, um die Bedeutung dieses Sieges für Brasilien zu ermessen: “Die Seleção ist zurückgekehrt”, jubiliert die Folha de S.Paulo gleich auf dem Titel. Und der Konkurrent O Globo bilanzierte euphorisch: “Keine Übertreibung: das war ein Spaziergang, ein Ball.” Was den Tatsachen durchaus entspricht. Doch da war noch mehr: im fünften und letzten Spiel des Turniers hat das Team endlich die Leichtigkeit gefunden, die eine brasilianische Auswahlmannschaft nach allgemeiner Auffassung  nun einmal auszeichnet.

Es war dieses Bewusstsein, dass sich in den glücklichen Gesichtern spiegelte, die am Abend nach dem Finale ihre gelben Trikots durch Rio de Janeiro trugen. Während die Stadt ihre Generalprobe für die WM bestand, mit flächendeckend zweisprachigen Hinweistafeln die Besucher zum Stadion lotste und dem grün- gelben Schriftzug Maracanã wie eine Verheissung auf dem Boden der Metrostationen, holten die kickenden Protagonisten zu einer Performance aus, wie sie ihnen niemand zugetraut hätte.

Natürlich fand Luiz Felipe Scolari, der alte Trainer- Fuchs,  nach dem Spiel etwas bedächtigere Worte: “Ruhe und Vertrauen auf dem Weg zur WM” gebe der Gewinn des Pokals seinem jungen Team, das noch kurz vor Turnierbeginn mit Kritik überschüttet wurde. Schon vor dem Finale hatte Scolari als Fazit des Turniers genannt, dass die Seleção den Respekt und die Zuneigung der Menschen wiedergewonnen hätte.

Dafür gab es in den vergangenen zwei Wochen allerlei Anzeichen: die Spieler, die beim Torjubel die Nähe der Kurve suchten. Die anfeuernden Armbewegungen, zuerst von Neymar, dann auch seinen Kollegen, in Richtung der Zuschauer, zur Anfeuerung animierend. Diese wiederum machten es im Verlauf des Turniers zum Ritual, nach dem Aussetzen der Musik die Nationalhymne immer weiter zu singen, und zwar mit einer Inbrunst, mit der sie sonst nur den verhassten TV- Kommentator Galvão Bueno zum Analverkehr auffordern.

Beispielhaft dafür, was ein solcher Rahmen bewirken kann, mag der Auftritt von Chelsea- Verteidiger David Luiz gewesen sein. Nach dem glücklichen Halbfinalsieg gegen Uruguay bedachte Jaeci Carvalho, der Kolumnist der Tageszeitung Estado de Minas, Luiz noch als Sinnbild der wackligen brasilianischen Defensive mit der Beschreibung “limitiert”. Und dann kratzt Luiz im Finale den vermeintlichen Ausgleich der Spanier von der Linie, und man fragte sich, ob schon jemals ein Bein so schnell ausgefahren wurde.

Neben Luiz’ kolossaler Rettungsaktion waren es drei Szenen, die das Finale, aber auch den gesamten Confederations Cup charakterisierten: symbolisches Potenzial hatte vor allem, wie Gerard Piqué, in den letzten Jahren einer der weltbesten Abwehrspieler, seinen künftigen Barcelona- Teamkollegen Neymar nur mit einer kapitalen Notbremse stoppen konnte, die ihm zudem die Rote Karte eintrug. Dann war da die Umarmung, mit der derselbe Neymar FIFA- Chef- Blatter vor der Pokalübergabe bedachte. Zuvor waren Name und Logo des Weltfussballverbands in den Stadien zwei Wochen lang Garanten für einige epische Pfeifkonzerte.

Davon, dass nach einem von Protesten überschatteten Turniers dennoch kein “Ende gut, alles gut” steht, zeugte das dritte Bild: die Polizeihubschrauber, die beständig über dem Maracanã kreisten. Auch um das Finale herum gab es Zusammenstösse zwischen Protestierenden und Polizei, es flogen Feuerwerkskörper, und während im Stadion kurz vor Anpfiff die Anspannung anstieg, versuchten Demonstranten zwei Kilometer weiter, die Absperrungen zu durchbrechen. Der Wind wehte das Tränengas bis vor das Maracanã und machte damit auch die Hoffnungen der Schwarzhändler auf ein Geschäft mit last- minute- Karten zunichte.

Auch vorher schon erinnerten die Strassen rund um den Neubau des legendären Fussball- Tempels eher an eine Militärparade: Soldaten mit gezückten Gewehren, die von einem Pick- up springen und in Position gehen, berittene Polizisten, eine Motorradkolonne der Policia Militar. Das martialische dieser Bilder steigerte sich im Verlauf des Confederations Cup und erreichte vor allem mit dem Halbfinale von Belo Horizonte, eine neue Stufe der Eskalation.

Für die WM in einem Jahr wird es sicherlich entscheidend, wie Brasilien bis dahin mit den Sozialprotesten umgeht. Dass sie sich in Luft auslösen, steht nicht zu erwarten. Ein doppelt so langes Turnier mit wesentlich mehr Besuchern und Spielorten in der konstant angespannten Stimmung des Juni 2013 dürfte für die Veranstalter ein Alptraum sein. Bereit für die Copa ist in jedem Fall die Seleção, die die spanischen Seriensieger, als furia roja bekannt, in nie gesehener Art durcheinander wirbelte. Die Furie, schien es, wechselte an diesem Abend von Rio die Farbe. Und auch das ist keine Übertreibung.

 

Erschienen in Wiener Zeitung, 2. Juli 2013

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.