Kein Tourbus, kein Label, kein Problem

Nipel Twist sind eine junge Punkband aus Tel Aviv. In diesem Sommer brechen sie nach Europa auf, um zu touren und ein Label zu finden. Ihre Vorfreude gilt besonders dem Freibier in einem Kaff in Westfalen.

“Sehr gute Shows mit einer Menge Besuchern und vielen Leuten, die uns mögen. Wir wollen bekannt werden und ständig auf Tour gehen.” Dror Goldstein, 24jähriger Bassist und Sänger der Band Nipel Twist, hat sehr genau Vorstellungen von der Zukunft. Speziell von diesem Sommer, denn die nächsten anderthalb Monate sind die Punkrocker aus Tel Aviv unterwegs. Nicht wie sonst zwischen Haifa und Eilat. Ende Juli begibt sich das Quartett zum zweiten Mal nach Europa, um auf einer Reihe von Festivals auf zu treten. Deutschland, Rumänien, Schweden, vielleicht Polen. Für weitere Angebote sind Nipel Twist immer offen. “Searching for shows in Europe”, heißt es auf ihrer Website http://www.myspace.com/nipeltwist .

Improvisieren ist seit jeher eine Stärke der Combo, die ursprünglich aus der Kleinstadt Kiryat Ono in der Peripherie Tel Avivs stammt. Seit ihrer Gründung 2004 durchlief man so einige Personalwechsel. Von der ersten Besetzung sind außer Dror, damals noch Drummer, nur Gitarrist Yuda (Yehuda Apelberg) geblieben. Schwierig war vor allem der Abschied des Schlagzeugers Yakov Sayag: mitten in den Aufnahmen des selbst vertriebenen Debutalbums “Here All & Now” entschied sich dieser, seine zunehmende Religiosität der Band vor zu ziehen und verließ Nipel Twist. Die auf drei Wochen angesetzten Aufnahmen zogen sich über mehr als ein halbes Jahr hin. Schließlich erschien das Werk im Juni 2009 – “dank Nipel Twists erstaunlichen Fähigkeiten, die Dinge pünktlich hin zu bekommen”, so die selbst formulierte Biographie.

Inzwischen feilt die Band am Nachfolger: einer EP namens “What you wanted.” Nipel Twist sitzen gerade an den Aufnahmen, doch Dror Goldstein nimmt sich gerne die Zeit, umtelefonisch ein paar Fragen zu beantworten. Im Hintergrund hört man die anderen Bandmitglieder lachen. Die Gitarristen Yehuda und Duks sowie Drummer Ido, der gerade seine Armeezeit beendet hat. Eine Woche vor dem Abflug herrscht Vorfreude: auf ein größeres Publikum, denn in Israel spielen sie meist Gigs vor 40 bis 100 Menschen, auf das Wiedersehen mit Freunden, die man im letzten Sommer gewann, als die Band zehn Mal in Deutschland auftrat – und auf das viele Freibier, das von damals gut in Erinnerung ist.

Nipel Twist schwärmen überhaupt von ihrer europäischen Jungfernfahrt: davon, wie herzlich die Band überall aufgenommen wurde. Von selbst organisierten Zugfahrten zwischen den Auftrittsorten und Übernachtungen im Schlafsack auf den Böden von Clubs und Jugendzentren. Bei allen Ambitionen steht der unbändige Spaß im Vordergrund. Schließlich benannte man sich einst nach “dem Geräusch, dass du machst, wenn dir jemand den Nippel umdreht”. Die falsche Schreibweise ist beabsichtigt, um an die Initialen einer Person zu erinnern, auf die man jedoch nicht näher eingehen wil.

Nipel Twist sind keine brettharte Politpunkband. Ihr druckvoller Sound mit hohem Ohrwurmfaktor und mehrstimmigen Refrains klingt sonnig und verspielt. Deutlich sind die Referenzen an US- Westküstenbands à la NOFX oder die selbst ernannten Vorbilder Blink 182, denen Nipel Twist bisweilen ziemlich nahe kommen. Auch Emocore- Einflüsse schwingen mit. Kaum hörbar ist dagegen, dass einige Mitglieder auch in Metalbands spielen, die in Israel auf besser besuchte Gigs rechnen können. Immerhin, so Dror, nehme die Zahl der Punkbands zu, vor allem in Tel Aviv und Haifa. Im Norden proftiert man von der Sogwirkung der Protagonisten des Genres: Useless ID, die bereits seit anderthalb Jahrzehnten bestehen. Daneben aber gelinge es kaum einer israelischen Bands, sich international in den Vordergrund zu spielen.

Nipel Twist wollen das ändern – und diesen Sommer soll dafür der Grundstein gelegt werden. Bisher ist man weit entfernt davon, von der Band leben zu können. Dror, in dessen Keller in Kiryat Ono einst alles begann, vermietet den Proberaum an weitere Musiker. Ebenso wie Gitarrist Duks verdient er Geld mit Arrangements für andere Bands. Yuda, der andere Mann an der Gitarre, hat in der Werbebranche ein Standbein. Um dem musikalischen Prekariat zu entfliehen, brauchen Nipel Twist zunächst eine Plattenfirma. Auch dazu könnte die Tour hilfreich sein. Ansonsten freuen sich die Vier vor allem auf das Wiedersehen mit der nordrhein- westfälischen Kleinstadt Bünde. Dort, erzählt Dror, mussten sie letztes Jahr das gesamte Set wiederholen, und den Bass bediente er von oben – die Menge trug ihn beim Spielen auf den Schultern.

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 29. Juli 2010

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.