Zeugnisse eines Exils

30 Jahre nach dem Tod Marvin Gayes präsentiert eine Online- Kollektion Memorabilien des Motown- Stars

Das Juwel dauert knapp zwei Minuten. Ein knarziger Mitschnitt, es klingt nach Proberaum oder gar Wohnzimmer. Ungemastert, selbstverständlich, und ganz schlicht in der Instrumentierung: ein sphärisches Keyboard, spärliche Percussion, dann die unverkennbare Stimme Marvin Gayes. Traveling heisst das Stück, von dem die Welt bislang nichts wusste, denn mehr als zwei Jahrzehnte lagerte es, auf alterndem Kasseten- Tonband festgehalten, in einem Regal in der belgischen Provinz.

Dass der Track seit Kurzem online steht, geht auf zwei Jubiläen zurück: am 2. April wäre einer der grössten Soulsänger der Geschichte 75 geworden – hätte ihn sein Vater nicht, just am Vorabend seines Geburtstags, vor genau 30 Jahren im Streit erschossen. Alte Weggefährten Gayes haben ihm nun ein digitales Denkmal gesetzt. Auf der Website www.themarvincollection.com können sich Fans und Interessierte durch die Hinterlassenschaften des Motown- Stars klicken. Unveröffentlichte Textskizzen, Klamotten, Dokumente – alles ist hier fotografisch festgehalten.

Bemerkenswert ist, dass diese Memorabilien- Sammlung aus einer Phase in Gayes Leben stammen, die bis heute relativ unbekannt ist, Biografen und Anekdotensammlern aber ein regelrechtes Faszinosum bietet: seiner Zeit an der belgischen Nordseeküste zu Beginn der 1980er Jahre. Eine sonnige Periode war das nicht: die Karriere war im Abschwung, die Ehe gescheitert, der Fiskus sass ihm wegen Alimenten auf den Versen, die Kokainsucht forderte ihren Tribut.

Ein wenig wie Strandgut war er dort angeschwemmt worden, gleichsam auf Einladung seines ortsansässigen Promoters Freddy Cousaert, als Clubbetreiber einst eine bekannte Figur der frühen Soulszene des Kontinents. Zur Ruhe kommen, Laufen am Strand, Boxen und Basketball spielen, und vor allem die Finger von den Drogen lassen, das war der Plan. Und so kam Marvin Gaye nach Ostende, dem einst mondänen, zu jener Zeit eher heruntergerockten Seebad mit der konsequent zubetonierten Hochhaus- Corniche.

Wie gross dieser Gegensatz war, davon zeugt nicht zuletzt The Marvin Collection. In der digitalen Klamottensammlung finden sich schillernde Bühnen- Outfits, der legendäre rote Anzug mit Notenaufdruck auf dem Rücken vom Gig in Montreux 1980, ein silberner Anzug, ein Hemd in Pink mit Rüschen, cremefarbene Pyjamahosen oder eine schwarze, mit Pailletten besetzte Weste.

Solche Acessoires erzählen vom flamboyanten Weltstar und Verführer, der in Ostende auf den biederen flämischen Zeitgeist mit Minipli und Oberlippenbart traf. Im Dokumentarfilm “Transit Ostend” (1989, Richard Olivier) ist die eigenartige Kuriosität dieser Konstellation festgehalten. Als “Waise” bezeichnet er sich hier- “und Ostende ist mein Waisenhaus”. Verunsichert, fatalistisch klingt Gaye, wenn er folgert: “Wahrscheinlich muss ich hier sein.”

Von Gayes Selbstzweifeln und Zerrissenheit kann auch Charles Dumolin erzählen, der gemeinsam mit seiner Frau Greta Mestdagh und ihren Kindern die Initiaoren der Marvin Collection sind. Im Dörfchen Moere ausserhalb Ostendes, wo sich Marvin Gaye später in eine Villa zurückzog, waren sie erst Nachbarn, dann Freunde. Die Kinder spielten zusammen, die Erwachsenen machten Musik. Auch Travelin ist eine Komposition des Ehepaars Dumolin-Mestdagh. Als Gaye sie hörte, heisst es auf der Website, wollte er dazu die Vocals einsingen.

„Marvin war stolz, und er war traurig”, blickt Charles Dumolin heute zurück. “Er war bescheiden und stark, aber er hatte auch eine gewisse Überheblichkeit.“ In Ostende machte sich Marvin Gaye  an neue Texte, die als handschriftliche Skizzen nun online stehen. Auch der Streit mit seinem alten Label Motown ist dort dokumentiert, ebenso wie Gedanken und Kommentare zum Weltgeschehen: “Im Iran ist Musik verboten. Also ist Atmen im Iran verboten.”

Ende 1982 musste Marvin Gaye wegen Visa- Problemen sein unscheinbares belgisches Exil Hals über Kopf verlassen. “Mitten in der Nacht brach er eilig auf”, heisst es auf themarvincollection.com. Zum Abschied bot er den Nachbarn und Freunden seine Habseligkeiten an. Was mit diesen nun passieren soll? Eigentlich, sagt Charles Dumolin, würde man sie gerne als vollständige Sammlung erhalten und irgendwo der Öffentlichkeit zugänglich machen – nicht nur als Website.

In mancher Bar Ostendes trifft man indes heute noch auf Marvin Gaye – als Porträt an der Wand. Und ab und an legen die DJs auch noch Sexual Healing auf, seine Comeback- Nummer, die er hier an der Betonküste schrieb. Während seines Exils, als er am Fundament des Albums Midnight Love arbeitete, hatte Marvin Gaye einen Wunsch: einen Auftritt im berühmten Ostender Casino gleich hinter dem Strand. Die Online- Sammlung zeigt auch ein handgemaltes Veranstaltungs- Poster. “Sold Out” hat er in einem Balken darüber gekritzelt. Letzteres ging nicht in Erfüllung: der Konzertsaal war nur zur Hälfte gefüllt.

Erschienen in Wiener Zeitung, 16. April 2014

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