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Freund oder Feind?

Wegen Diskriminierung von Muslimen muss sich der niederländische Politiker Geert Wilders kommende Woche vor Gericht verantworten. Israel und dem Judentum dagegen steht er positiv gegenüber. Eine nicht ganz wechselseitige Zuneigung.

Dann war es war Zeit für Pathos: “Wir alle tragen Jerusalem in unserem Blut, in unseren Genen. Wir alle leben und atmen Jerusalem. Wir sprechen Jerusalem, wir träumen Jerusalem. Einfach, weil die Werte des alten Israel die Werte des Westens geworden sind. Wir alle sind Israel, und Israel ist in uns allen.” Als der Redner geendet hatte, klang ihm der warme Beifall von mehreren hundert Händepaaren entgegen. Israel ist für Geert Wilders ein Heimspiel. Nicht nur inhaltlich, auch biographisch. Als junger Mann lebte er eine Zeit lang in einem Kibbutz bei Jericho, 40 Mal war er laut eigenen Angaben zu Besuch. “Ein besonderes Gefühl der Verbundenheit” überkommt ihn, jedes Mal, wenn er am Ben- Gurion- Flughafen ankommt. Das Land, daran lässt er keinen Zweifel, liegt ihm am Herzen.

Einfach ist diese Beziehung jedoch nicht. Das liegt an beiden Partnern: Wilders, der in Europa und Nordamerika als Ikone im Kampf gegen Islamisierung gilt, hat recht eindeutige Ansichten: der Islam sei keine Religion, sondern eine faschistische Ideologie. Den Koran vergleicht er mit ‚Mein Kampf“, aus dem muslimische Migranten die Hälfte der Seiten reißen müssten, wollten sie in den Niederlanden bleiben. Israel, von Wilders als einzige Demokratie im Nahen Osten hoch geschätzt, ist dagegen als solche zu pluralistisch, als dass Wilders überall begeistert willkommen geheißen würde. Die eingangs erwähnte Rede hielt er Ende 2008 denn auch auf einer Konferenz namens Facing the Jihad, organisiert durch Arjeh Eldad, den Chef der säkular- rechten Hatikva. Eingeladen hatte Eldad Wilders, weil er “laut zu sagen wagt, dass der Islam eine mörderische Religion ist, und das ist selbst in Israel selten.”

Auch unter niederländischen Juden ist Wilders äußerst umstritten. “Seine Einstellungen zum Nahost- Konflikt gehören in Israel ins extremnationalistische Lager”, kritisiert Jaap Hamburger, Vorsitzender der israelkritischen Initiative Een Ander Joods Geluid (Ein anderer jüdischer Klang). Hamburger wirft Wilders zudem Aussagen wie die vor, er wolle “zig Millionen Muslime aus Europa” abschieben und attestiert ihm eine Tendenz zur “ethnischen Säuberung”. Ins gleiche Horn stößt Rabbiner Issachar Tal, Gründer der progressiven Gemeinde Klal Israel in Delft. Wenn Wilders sich sorgt, “was in die Niederlande kommt und sich hier fort pflanzt”, fühle er sich an Goebbels erinnert, schrieb der Rabbiner Wilders in einem offenen Brief, und fragte den peroxid- affinen Politiker: “Versteckt sich unter Ihrer blonden Perücke ein Skinhead?” Nicht nur der Vollständigkeit halber sollte erwähnt sein, dass niederländische Neonazis Wilders auf ihren Website als “Zionisten” und “Judenknecht” beschimpfen.

Es überrascht nicht, wenn Ruben Vis, der Generalsekretär des orthodoxen Nederlands Israelitisch Kerkgenootschap (NIK), sagt: “Über Wilders gibt es so viele Meinungen wie Gemeindemitglieder.” Keine Ausnahme ist jedenfalls Cédric Sarfati, ein junger französischer Unternehmer, der seit einem Jahr in Amsterdam wohnt: “Wilders steht ein gegen den Antisemitismus im politischen Islam.” Nicht nur deswegen findet Sarfati es einen “Skandal”, dass Wilders nun wegen Diskriminierung vor Gericht steht. “Man muss ihm nicht zustimmen, aber er sollte seine Positionen sagen dürfen. Das gehört zur Meinungsfreiheit dazu.” Sarfati ist ein säkularer, kosmopolitisch geprägter Jude, der in Paris vorwiegend mit muslimischen Freunden aufwuchs. Dass Wilders, um dem Islamismus Einhalt zu gebieten, die Zuwanderung von Muslimen einschränken will, findet er dennoch legitim.

Deutlich distanzierter äußern sich meist offizielle Vertreter jüdischer Gemeinden. Binyomin Jacobs, Oberrabbiner des Interprovinciaal Opperrabbinaat (IPOR), hält Wilders zwar zu gute, dass er die Gefahr durch Antisemitismus und islamistischen Terror thematisiere. Die pauschale Verurteilung von Muslimen allerdings stößt Jacobs auf. “Schließlich machen Terroristen nur einen sehr kleinen Prozentsatz der Muslime aus.” Dass Wilders deswegen nun vor Gericht steht, bringt den Oberrabbiner zu einigen grundlegenden Gedanken: “Auch in einer Demokratie gibt es Einschränkungen. Toleranz ist ein hohes Gut. Aber Gedanken, die Anderen keinen Raum lassen, müssen nicht toleriert werden.”

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 14. Januar 2010

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