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Belgien

Fischen im Weiher der Unabhängigkeit – ein Streifzug durch das separatistische Flandern

Es braucht nicht viel, um sich der Solidarität Hilde de Lobels sicher zu sein. Ein Volk, kein Land, eine Situation der Unterdrückung, real oder konstruiert, eine ethnisch fremde Mehrheit, die dafür verantwortlich ist, und der verklärte Kampf um Selbstbestimmung unter nationalen Vorzeichen, schon sitzt die engagierte Mittfünfzigerin im selben Boot.

Die Poster hinter ihrem Schreibtisch künden von einer neuen europäischen Geographie: Elsass, Ligurien, Padanien. „Unsere Freundin Hilde de Lobel“, wie sie in Pamphleten von ´Alsace d´Abord´, ´Nissa Rebela´ oder ´Lega Nord´ genannt wird, ist eine geschätzte Rednerin auf Zusammenkünften der sezessionistischen Internationalen. Schließlich gehört sie selbst einer Partei an, die im Gegensatz zu solchen Splitterbewegungen der Unabhängigkeit relativ nah ist: Sie sitzt für den Vlaams Belang im flämischen Regionalparlament in Brüssel.

Auch die inzwischen stärkste Partei Flanderns untermauert ihre Forderung nach der Abspaltung von Belgien mit historischem Unrecht, wenn auch de Lobel zugeben muss, inzwischen  „viel weniger bedroht“ zu sein, „durch unseren alten Feind, die französischsprachige Oberschicht, die den armen Flamen klein hielt.“ Heute
zeigt sich der antifranzösische Reflex vor allem im Unbehagen über den internen Finanztransfer. Das früh industrialisierte Wallonien, flächendeckend abgehängt im Strukturwandel, hängt schon seit Jahrzehnten am Tropf der Zuwendungen aus Flandern, dem ehemals armen Agrarland. „Flandern bezahlt, Wallonien verdaut“, diese Losung stößt so mancher flämische Zecher zwischen zwei Schlücken in den Bars Antwerpens hervor. Beistimmendes Nicken der Umstehenden, und rasch kommt die Erklärung hinterher: „Die Wallonen sind burgundisch. Sie tun nichts.“

In Flandern dagegen will man eine ganze Menge tun: die Forderung nach einer weiteren Regionalisierung und mehr Autonomie zieht sich im aktuellen Wahlkampf quer durch die Parteienlandschaft. Auch der Vlaams Belang, die Neugründung des 2004 wegen Rassismus verbotenen Vlaams Blok unter anderem Namen, hat die radikalen Töne vorerst eingestellt und führt unter dem Slogan „flämische Kraft“ mit Staatsreform statt mit Überfremdung Kampagne. Hilde de Lobel bringt es auf den Punkt: „Wir fischen alle im Weiher der Unabhängigkeit“. Es ist dieser Minimalkonsens, der dem Vlaams Belang, seit 1989 durch einen cordon sanitaire der anderen Parteien von der Macht ausgeschlossen, dennoch ein Standbein im bürgerlichen Mainstream verschafft.

Die Losung „weniger Belgien, mehr Flandern“ sieht auch Marc Spruyt als Amalgam von Nationalisten jeglicher Couleur und Härtegrade. Dennoch unterscheidet er „zwischen denen, die den belgischen Staat reformieren und denjenigen, die ihn liquidieren wollen.“ Den Vlaams Belang zählt er zweifellos zu den Letzteren – und nicht nur das. Spruyt ist Mitbegründer der Website Blokwatch, einem virtuellen Dokumentationszentrum über die Verstrickungen der Partei mit der rechtsradikalen Szene. Seit gut zwei Jahren sind die rund 15 Freiwilligen  damit beschäftigt, „die braunen Seiten des Blok“ offen zu legen. Auch hinter der neurechten Variante des Identitarismus, auf dessen Klaviatur Hilde de Lobel so gerne die Weise von der bedrohten flandrischen Identität anstimmt, steht demnach die alte Forderung: „Der Vlaams Belang vertritt einen ethnischen Nationalismus. Wenn sie sagen „Flandern den Flamen“, dann soll das so ethnisch homogen wie möglich sein. Auf dieselbe Weise, wie sie gegen Wallonien sind, sind sie auch gegen nichteuropäische Einwanderer. Selbst für die Eurokraten in Brüssel gilt ihr Slogan ´assimilieren oder zurückkehren´“.

Die Resonanz, die die Partei dennoch im Mainstream genießt, erklärt sich aus der Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der flämische Nationalismus vor allem von der Volksunie verkörpert, einer Zentrumspartei mit bemerkenswerter ideologischer Spannweite. 1977 trennten sich zwei rechte Fraktionen ab, um sich wenig später zum Vlaams Blok zu vereinigen. „In den 90ern implodierte die Partei dann, und ihre Mitglieder verteilten sich auf die übrigen. Der linksliberale Flügel hat sich als spirit den flämischen Sozialisten angeschlossen, der konservativ-separatistische als N-VA den Christdemokraten.“ Christian Dutoit ist sichtbar in seinem Element. Zum einen als Historiker, zum anderen als Aktivist einer weiteren Fraktion von Separatisten: die Sociaalflaminganten sind eine kleine Gruppe Linker, die sich als radikal-progressive Nationalisten verstehen. Parteipolitisch nicht aktiv, organisieren sie Debatten und Kongresse und publizieren Bücher, Broschüren sowie die Monatszeitschrift ´Meervoud´. Christian Dutoit ist ihr Chefredakteur und rekonstruiert in einem raschen Exkurs den historischen Unterbau: „Linksnationalismus ist die Basis der Flämischen Bewegung. Als sie im 19. Jahrhundert entstand., war sie linksliberal, dann sozialistisch und erst später katholisch. Eine bestimmte linke Tendenz blieb immer bestehen.“  Bis in die frühen 1990er, als sich der Vlaams Blok durch seine Wahlerfolge daran machte, das Image der Bewegung deutlich nach rechts zu verlagern – zumal vom Ausland aus betrachtet. Dies war die Geburtsstunde von ´Meervoud´. „Wir bestanden eigentlich früher schon, doch als der Vlaams Blok durchbrach, haben wir sofort mit der Reorganisation begonnen, um den linken Charakter der flämischen Bewegung zu bewahren. Eine ganze Reihe Leute der Kommunistischen Partei Flanderns sind damals zu uns gekommen. Anfänglich waren wir noch eine Arbeitsgruppe: ´Flandern gegen Rassismus´“.

Von diesen Tagen zeugt ein Poster in der Ecke ihres Brüsseler Hauptquartiers im Vlaams Huis. Unter dem Slogan findet sich der bekannte schwarze Löwe auf gelbem Grund, der der Bewegung in ihrer ganzen Breite als gemeinsames Symbol gilt. Wiewohl die progressiv- Nationalen mit einem spitzfindigen Acessoir ihre eigene Note ausdrücken: „Die Rote Zunge des Löwen“ ist der plakative Titel einer Aufsatzsammlung, die ihr ideologisches Fundament beinhaltet. Auch die Wände des großen, wohnzimmerartigen Saals sind eine ideengeschichtliche Ahnengalerie. Karl Marx, Antonio Gramsci und der flämische Kommunist Jef van Extergem haben Ehrenplätze über der Bar, an der sich Dutoit an diesem warmen Nachmittag beständig nachschenkt. Daneben finden sich immer wieder Referenzen an die Kämpfe anderer Linksnationaler im Baskenland oder Nordirland, die unwillkürlich Erinnerungen ans Arbeitszimmer Hilde de Lobels wecken. Dutoit fährt fort, über die neoliberale pro-belgische Bewegung, den Rechtsruck der Gesellschaft, die EU, die die Demokratie abbaut, über die Verstaatlichung der Schlüsselsektoren im selbstständigen Flandern. Doch auch wenn er unbeirrt an die Sezession glaubt, weiß Dutoit um den langen Weg, der vor ihm liegt. Und um den zu verkürzen, ist er nicht besonders wählerisch: „Ich habe nichts gegen wechselnde Mehrheiten. Wenn es um die Unabhängigkeit geht, nehmen wir jeden, der dafür ist. Privat kennen wir keinen cordon sanitaire“.  Das klingt nach Mark Grammens, dem legendären flämischen Publizisten, der vor zwei Jahren in ´Meervoud´ folgende strategischen Überlegungen zum Besten gab: „Ein rechtes Flandern ist der einfachste Weg zur Trennung Belgiens. Heute kann man als linker Flamingant für den Vlaams Belang sein, denn nur durch ein rechtes Flandern wird die Trennung Belgiens möglich“.

Beinahe war es zu erwarten, dass die Türen im flämischen Haus weit geöffnet sind. Zwei Stunden später haben sich einige Gäste dort zu einer privaten Geburtstagsfeier versammelt. Dutoit  zapft im Akkordtempo, und unter den Trinkern auf der anderen Seite des Tresens sitzt Roeland van Walleghem, der einst die Brüsseler Fraktion des Vlaams Blok aus der Taufe hob. Berührungsängste sind auch ihm fremd: „Immerhin haben wir ein gemeinsames Ziel.“ Oben in der Ecke hängt er immer noch, der flandrische Löwe gegen Rassismus. Wer da unter ihm in seinem Namen wohl schon Platz genommen hat?

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