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Amsterdam Urbanes

Feindbild herrenloses Fahrrad

 

 

Die Stadt, wo alles geht? Das war einmal. Amsterdams neue Regulierungswut richtet sich gegen ein ur- holländisches Symbol: das fiets.

 

“Bike, ten euros?” Diese Frage gehört zu den Erinnerungen tausender Amsterdam- Besucher, ausgesprochen von einem Junkie, im Morgengrauen an irgendeiner Gracht. Selbstverständlich war die Ware gestohlen.

 

Heutzutage sieht man im Zentrum der niederländischen Hauptstadt täglich Menschen, die unverhohlen Schlösser durchtrennen und Fahrräder wegschleppen. Dabei handelt es sich hier nicht um Junkies, sondern um Mitarbeiter der Kommune, erkennbar an ihrer dunklen Dienstkleidung. Die Räder bringen sie zu einem Pick- Up mit Logo der Stadt, der in der Nähe wartet. Ist die Ladefläche voll, geht es ab ins Straflager.

 

Das Straflager heißt offiziell fiets depot, und wie es sich für eine Umerziehungs- Einrichtung gehört, befindet es sich weit draußen, zehn Kilometer vor der Stadt, am Rand eines Industriegebiets beim Hafen. Wer sein Rad von hier zurückholen muss, bezahlt nicht nur 22,50 Euro, sondern investiert leicht auch einen halben Tag. Das fiets depot muss man gesehen haben, um eine Ahnung von der Dimension des Problems zu bekommen, arithmethisch und physisch: ein riesiges Areal mit weit über 10.000 Fahrrädern. Amsterdam, das zumindest ist die Meinung der Stadtregierung, muss sich einer Übermacht von fietsen erwehren.

 

Einige Jahre schon dauert der Kampf gegen falsch geparkte Exemplare, oder solche, die vermeintlich ungebraucht in den immer knapp gesäten öffentlichen Parkgelegenheiten stehen. Wie sich das für eine städtische Kampagne gehört, hat sie einen schnittigen Namen: meer plek in het rek (“mehr Platz im Ständer”). Wobei auch die Bereiche außerhalb zum Einsatzgebiet gehören, Laternenpfähle, Gitter oder Brücken. Auch Räder, die dort geparkt sind, landen im Straflager. Zwerffiets, hat man sie im Stadthaus getauft, was soviel bedeutet wie ein herren- oder damenloses Fahrrad. Immerhin will man den Weg vom Bahnhof in die Innenstadt zu einem “Roten Teppich” für Besucher machen.

 

Empört sind darüber nicht nur jene, denen die unerwartete Erziehungsmaßnahme den Tag zerreißt. Auch die Fahrradfahrervereinigung Fietsersbond findet das Vorgehen viel zu rigoros, landen doch in manchen Jahren um die 70.000 Räder im Depot. Anders als die Kommune behauptet, seien längst nicht alle entfernten Räder ein Hindernis auf Gehwegen oder für Rettungsfahrzeuge. Zudem vernachlässige die Kommune die Vorgabe, wonach Besitzer der betreffenden Räder erst verwarnt werden müssen.

 

In diesem Herbst erhöht die Kommune die Schlagzahl: überall im Stadtgebiet sollen vermeintlich herrenlose oder verwaiste Fahrräder aus den Ständern geholt werden, wenn sie dort länger als sechs Wochen stehen – in viel frequentierten um den Bahnhof herum liegt das Limit bei zwei Wochen. Auf der Facebookseite “Fiets Amsterdam kommuniziert man mit den Bewohnern über die “Sechs- Wochen- Regel”.

 

Das Echo ist geteilt. Da gibt es Amsterdamer, die die Maßnahme angesichts des “Chaos auf überfüllten Wegen” mit “je früher, desto besser” begrüßen. Andere geben unumwunden zu, dass sie schon lange verwaiste Fahrräder bei der Kommune melden, diese jedoch viel zu träge reagiere. Nicht wenige wiederum sorgen sich von einer langen Reise zurückzukehren und das Fahrrad nicht mehr vorzufinden. Und manche haben genug von der immer weiter reichenden Regulierung des öffentlichen Raums in Amsterdam, die einst als “Stadt, wo alles kann” galt. Ein erzürnter Diskutant nannte die Menschen in den dunklen Uniformen gar “Gestapo”.

 

 

Erschienen in taz, 1. Oktober 2016

 

 

 

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