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Ex- Faktor – Abtrünnige Muslime verschaffen niederländischer Islamdebatte ein bedenkliches Comeback

Dass Geert Wilders vorschlägt, den Koran zu verbieten, selbst im Hausgebrauch – nun ja, es hätte spannendere Themen gegeben, um das Land aus dem Sommerloch zu reißen. Schließlich basiert das stabile Umfragenhoch der xenofoben Galionsfigur weitgehend auf anti-islamischer Rhetorik. Gehörte auch der Vergleich mit „Mein Kampf“ zu Wilders bisher krassesten Äußerungen, er bewegte sich doch im üblichen Rahmen. Bemerkenswert ist vielmehr, was ihn Anfang August zu dieser Forderung brachte: wenige Tage zuvor war Ehsan Jami von drei Männern auf offener Straße verprügelt worden. J

ami, 22, vor 13 Jahren mit seinen Eltern aus Iran in die Niederlande geflüchtet, will einen Somali und zwei Marokkaner als Täter erkannt haben. Zuvor hätten sie ihn beschimpft wegen seiner islamkritischen Äußerungen und dem Projekt, das Jami zumindest einen Sommer lang zum umstrittenen Medienstar macht: er ist Mitbegründer des Komitees für Ex-Muslime, das nächsten Monat offiziell vorgestellt werden soll. Bereits seit Mai widmet sich Jami, inspiriert durch die Gründung des Zentralrates der Ex-Muslime in Deutschland, dem Aufbau der Organisation, die unter individueller Religionsfreiheit auch das Recht versteht, vom Glauben abzufallen – und die ehemalige Muslime in dessen Ausübung unterstützen will. In Aufsätzen, Interviews und TV- Auftritten hat sich Ehsan Jami, telegen, eloquent und mit einem Bekenntnis zur Polarisierung, seither zum Sprachrohr des Komitees aufgeschwungen. Sein Vokabular wirkt jugendlich-ungestüm, wenn er den Propheten mit Bin Laden oder Saddam Hussein vergleicht. Oder eben wohlkalkuliert, denn die Kombination von „rückständig“ und „Koran“ ist in den Niederlanden seit Pim Fortuyn von der Aura des mutigen Querdenkers umgeben, der ausspricht, was die schweigende Mehrheit nicht durch den Knebel politischer Korrektheit zu stoßen vermag.

Als gehorchten sie der simplen Logik des Schlüsselreiz-Prinzips, kamen darauf all die bekannten, beliebten und gefürchteten Protagonisten auf die Bühne, die zu einer richtigen Islamdebatte zwischen Maastricht und Groningen gehören: Wilders in seiner Paraderolle als Schrecken der bürgerlichen Salonsozialisten, die PvdA dagegen, wie meist in diesem Stück, als Prügelknabe. Seit letztem Jahr sitzt Ehsan Jami für die Sozialdemokraten im Gemeinderat seines Wohnorts Voorburg, und die Parteiführung dürfte die Tatsache verfluchen, dass sie sich damit die leidige Integrationsdebatte wieder in die eigenen Reihen geholt hat. Noch immer steht die Partei im Ruf, Integrationsprobleme am liebsten tot zu schweigen, was die populistische Rechte seit Jahren weidlich ausschlachtet. Schweigen brachte die PvdA lange Zeit auch Ehsan Jami entgegen, um die öffentliche Resonanz auf dessen Äußerungen nicht noch zu verstärken. Danach versuchte man, ihn zu einem gemäßigteren Ton zu bewegen, schließlich hat keine andere Partei eine ähnlich große migrantische Wählerschaft. Als Jami immer mehr anonyme Anrufe, Beleidigungen und schließlich Todesdrohungen bekam, forderte er öffentlich die Unterstützung seiner Partei ein. Vergeblich. Finanzminister Bos distanzierte sich vielmehr davon, „Glaubensfreiheit durch das Beleidigen und Verletzen von Menschen aufgrund ihres Glaubens zu erreichen.“

Spätestens dies war das Zeichen zum Einsatz für das islamkritische Spektrum der Niederlande. Wilders und die übrigen Fortuynschen Nachlassverwalter machen Jami seit Wochen den Hof, und auch VVD- Chef Mark Rutte zeigte sich empört über die halsstarrigen Sozialdemokraten. Insgeheim mag er hoffen, dass Jami aus den inzwischen überdeutlichen Parallelen zur politischen Biographie Hirsi Alis die Konsequenzen zieht und seinen Kampf gegen Fundamentalismus ebenfalls bei den Rechtsliberalen fortsetzt. Immerhin arbeitet deren ehemalige Sprecherin Ingrid Pouw nun in gleicher Funktion für Jami. In dessen publizistischem Umfeld tummeln sich dazu mit Paul Cliteur und Afshin Ellian ohnehin Verteter jener (neo-)konservativen Intellektuellen, mit denen auch Ali sich gerne umgab.

Dass der Streit gegen reaktionäre islamische Strömungen damit von Akteuren getragen wird, die allesamt repressiven Tendenzen der Mehrheitsgesellschaft eher unkritisch gegenüber stehen, kennzeichnet seit Jahren den niederländischen Integrationsdiskurs. Dessen Tragik liegt im intellektuellen Unvermögen, aus einer zwanghaft polarisierenden Impasse auszubrechen, die scheinbar nur die Wahl zwischen unreflektiertem Multikulturalismus und dem chauvinistischen Diktum der Assimilation erlaubt. Auch in der aktuellen Debatte fällt der Blick für Nuancen der Lust an der dramatischen Inszenierung zum Opfer. Genau diese Struktur hat die Protagonisten in den letzten Jahren bereits zwei Mal zu Märtyrern gemacht, und seitdem liegt in jedem Aufflackern der Diskussion jene fanatische Vehemenz – selbst in der jüngsten brackigen Vorstellung eines zweitklassigen Sommertheaters.

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