Ein sanfter Extremist als Premier?

Bart de Wever von der Neu- flämischen Allianz (N-VA) ist der strahlende Sieger der belgischen Parlamentswahlen. Ein Portrait.

Das Bild ging um die Welt: mit ausgebreiteten Armen stand der große Gewinner der belgischen Parlamentswahlen vor seiner Parteibasis. Die massige Gestalt schien das Podium alleine aus zu füllen. Hinter de Wever prangte eine Europafahne, einer der Sterne war durch einen flämsichen Löwen ersetzt. Die Geste war triumphal, der Blick in seinem fülligen Gesicht jedoch blieb ernst, als er im tosenden Jubel verkündete: “Für die, die wollen, ist alles möglich.”

Es war eine typische Szene für Bart de Wever. Ein halbes Jahr vor seinem 40. Geburtstag ist der vierfache Familienvater auf dem bisherigen Höhepunkt eines kometenhaften Aufstiegs angekommen. Markige Sprüche oder militantes Poltern zeichnen den nüchtern auftretenden Historiker nicht aus. Schon gar nicht bekannt steht er für Eklats wie Filip de Winter vom Vlaams Belang, seinem Vorgänger als Personifikation flämischer Abspaltungsgelüste, der einst bei seiner Vereidigung im Parlament den rechten Arm hob.

Um Missverständnissen vorzubeugen: mit Ausnahme eines Fotos, das den jungen de Wever 1996 auf einem Kongress neben Jean- Marie Le Pen zeigte, liefert seine Laufbahn keine Anzeichen irgendeiner Affinität zur extremen Rechten. Die N-VA ist, ebenso wie ihr Vorsitzender, konservativ. Und mit dem Nationalismus in Flandern ist das so eine Sache: er ist so flächendeckend, dass sich sogar die Grünen um ein entsprechendes Profil bemühen. Dass die von der N-VA geforderte Regionalisierung zu einer Konföderation führen sollte, ist Konsens. Darüber hinaus will der rechtsextreme Vlaams Belang ebenso die Unabhängigkeit wie mehrere Studenten- und Kulturvereinigungen, das Sammelbecken der “Flämischen Volksbewegung” und eine kleine, radikale linksnationalistische Szene. Und, nicht zu vergessen, Bart de Wevers N-VA.

Bezeichnend für ihn ist, dass er sich in der Stunde des Triumphs mit vorsichtigen Worten an die Frankophonen wandte. Keine Angst sollten sie haben, die N-VA wolle nur Strukturen, die funktionieren und für Flamen und Wallonen “gemeinsam die Situation verbessern”. Ansagen wie diese führten in den Wochen vor der Wahl im frankofonen Belgien, wo der N-VA Chef als “Extremist”gilt, zu misstrauischen Spekulationen darüber, was de Wever nun eigentlich wolle.

Dabei ist die Sache deutlich. “Keine Revolution, sondern eine Evolution”, das verkündete er gleichsam am Wahlabend. Und das bedeutet ohne Frage, das Belgien sich zwischen deutlich gestärkten Regionen und der EU still und geräuschlos verflüchtige. Dies, so suggeriert de Wever, sei der natürliche Weg. Dass er gleichzeitig vorgibt, seine Partei müsse “Brücken bauen, auch zu den Frankofonen Parteien”, ist im Rahmen dieser Zielsetzung zu sehen. Bei de Wever, das sollte man sich für die nächsten Jahre merken, lohnt es, auf Nuancen zu achten.

Nun also wird es ernst für de Wever. Als Vorsitzender der landesweit größten Partei kommt Belgien bei der Regierungsbildung nicht um ihn herum. Eigentlich bringt ihn das Abschneiden der N-VA in die Position, der nächste Premierminister zu werden. Der Protagonist flämischer Unabhängigkeit als Regierungschef des Landes, das er abschaffen will – ob der Liebhaber trockenen Humors für Ironie empfänglich ist, ist nicht bekannt. Es könnte jedoch passieren, dass er auf frankofoner Seite auf Granit beißt und scheitert – an den eigenen Ansprüchen und vor allem den hohen Erwartungen. Dann dürfte Bart de Wever, der nach Auskunft seiner Frau auf Festen immer “Leben in die Brauerei bringt”, das Lachen noch vergehen.

Erschienen bei Café Europe, 14. Juni 2010

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