Doppelpass in blau- gelb- grün

Politik und Fussball synchron: die siegreiche Seleção  solidarisiert sich mit den Demonstranten. Und so manche Kundgebung  hat Stadionatmosphäre. 

Die Tore liessen keinen Zweifel: unmittelbar, nachdem die Angreifer Fred und Paulinho im Halbfinale ins Tor der Uruguayer getroffen hatten, rasten die brasilianischen Spieler zu ihren Fans und liessen sich in fast schon inniger Weise von ihnen feiern. Nicht zum ersten Mal bei diesem Confederations Cup konnte man im Stadion Minerão Zeuge einer neu erwachten Liebe werden: die Seleção,  vor dem Start des Confederations Cup noch mit Kritik und Skepsis bedacht, hat mit ihrem Siegeszug eine lange nicht gesehene Euphorie ausgelöst.

Was nicht unbedingt zu erwarten war, schon gar nicht, als vor dem Gruppenpiel gegen Mexiko Demonstranten den Zugang zum Stadion in Fortaleza versperrten. Eine bemerkenswerte Konstellation war das: ausgerechnet hier, wo man von Europa aus seit jeher die Wiege des schönen, wahren und guten Kickens wähnt, richteten sich erstmals soziale Proteste gegen die Kosten einer WM. Die Rückkehr des Fussballs an einen seiner mystischsten Orte nach mehr als einem halben Jahrhundert, eine Art Football’s Coming Home des 21. Jahrhunderts, nahm eine unvorhergesehene Wendung.

Inzwischen liegt die Zahl der Protestierenden im Millionenbereich. Die verbalen Zugeständnisse von Präsidentin Dilma Rousseff haben keinen Effekt auf die Demonstrationszüge. Doch während Belo Horizonte rund um das Halbfinale eine neue Eskalation der Gewalt erlebte, scheint das Verhältnis zwischen Demonstranten und den brasilianischen Protagonisten des Confed Cups beinahe romantisch zu werden.

Woran beide Seiten Anteil haben: Erstere versicherten nach der Blockade von Fortaleza, sie seien “nicht gegen die Seleção, sondern gegen die Corrupção”. Als geflügeltes Wort fand sich diese Losung in den Schlagzeilen wider. Und die Kicker in Gelb, Grün und Blau, meist im selben Alter wie die Protestierenden, spielten den Ball zurück: Unter anderem Dante, Neymar Fred und Hulk äusserten nicht nur Verständnis,  sondern Unterstützung.

Auf den Punkt brachte das neue Verhältnis “Felipão”, der schnauzbärtige Trainer Felipe Scolari. Der Weltmeister- Coach von 2002 verkündete pathetisch: “Die Seleção gehört dem Volk. Wir sind das Volk.” Ungeheure Aussagen für europäische Fussball- Liebhaber, deren Helden selten auch nur den Versuch eines politischen Statements machen. Die Solidaritätsbekundungen waren eine Steilvorlage für die Protest- Bewegung, denn wer Felipão und die Seinen auf seiner Seite hat, kann so falsch nicht liegen.

Die Äusserungen der Kicker indes kamen nicht aus dem Nichts. Sie folgten ihren prominenten Vorgängern im Nationalteam. Mittelfeldstar Juninho Pernambucano etwa rief die Spieler zu Beginn des Turniers auf, der Fahne während der Nationalhymne den Rücken  zu zu drehen. Damit sollten sie “zeigen, dass Fussball nicht wichtiger ist als die brasilianische Bevölkerung.” Der Vater aller kritischen Kicker in Brasilien aber ist Romario, inzwischen ‘Deputado Romario”. Als Abgeordneter der Partido Socialista nannte die Ticketpreise bei der WM schon vor anderthalb Jahren  “unmoralisch und absurd”. Brasilien, so forderte der Weltmeister von 1994, müsste “aufhören der Sklave der FIFA zu sein.”

Unterdessen haben Proteste und Seleção eine fast schon synchrone Dynamik entwickelt. Auch wenn gegen Uruguay jede Menge Glück nötig war, zeigen sich die Spieler um Megastar Neymar, vor dem Turnier häufig und intensiv kritisiert, gerade in den aufheizten Tagen dieser “Copa das manifestações” neu beflügelt. Vielleicht nimmt es den Druck von dem jungen Team, dass die Proteste im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Vielleicht aber ist auch eingetreten, was Neymar selbst während der Gruppenspiele ankündigte: man werde sich von den Kundgebungen “inspirieren lassen”.

Die Demonstranten ihrerseits gehen mit reichlich stadiontauglichen Acessoires auf die Strassen. Nirgendwo anders ausserhalb von Fussballspielen sieht man eine derartig gosse Zahl brasilianischer Fahnen. Viele Wangen zieren gelb- grüne Streifen, und immer wieder tönen Gashupen durch die Zentren der Städte, die gleich an Ort und Stelle verkauft werden. Fast schon ironisch wirken da die hohen roten Säulen auf öffentlichen Plätzen, auf denen ein Display die Tage bis zum Beginn der “FIFA- Copa do Mundo” herunterzählen.

Bei aller Liebe allerdings kommt es in der Schlussphase des Turniers zunehmend zu Situatuationen, die eine Entscheidung erfordern. Von Vander Miguel und Marianna Martins etwa, einem jungen Paar, das sich wenige Stunden vor dem Halbfinale gegen Uruguay auf den Weg machte – nicht ins Stadion oder in eine Bar, sondern zur Kundgebung im Zentrum von Belo Horizonte. “Ich bin verliebt in die Seleção , sagt Vander Miguel. Dann zuckt er mit den Schultern, die in eine brasilianische Fahne gehüllt sind. “Ich auch”, sagt seine Freundin. “Aber das Leben der Menschen hier ist wichtiger.”

 

Erschienen in Wiener Zeitung, 29. Juni 2013

 

 

 

 

 

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