Kategorien
Auf Tour Migration

Die letzten Paschtunen im Jungle (Kanaltrilogie Teil I)

Die Hafenstadt Calais ist eine Schlüsselstelle auf den Routen von Transitmigranten quer durch Europa. Vor einem Jahr räumte die französische Polizei dort ein riesiges Flüchtlingscamp. Es sollte der Anfang vom Ende sein für die klandestine Kanalüberquerung auf der Suche nach Asyl oder zumindest einem besseren Leben in Grossbritannien. Doch noch immer suchen in Sichtweite der englischen Küste Hunderte ihr Glück. Ein Besuch an einer ungastlichen Küste in drei Teilen.

Wo das Meer ist,  ist ein Zaun. Mindestens. Und sollte es dort eine Fähre geben, sind die Zäune umso höher. Wenn Janmohamad eins in Europa gelernt hat, ist es dies. Am Anfang waren es die Zäune der Ägäis, als er, bei Nacht auf einem überfüllten Nußschalenboot aus der Türkei kommend, Griechenland erreichte. Ob Samos, Chios oder Lesbos, weiß er nicht mehr. Für Touristen mag das einen Unterschied machen. Für einen afghanischen Transitmigranten ist die Insel nur ein Sprungbrett. Genau wie alle Orte danach.

Mehr Zäune kamen in Patras, am Ionischen Meer, wo Janmohamad, ein hagerer 22jähriger, Griechenland als blinder Passagier wieder verließ. Die Zäune Italiens sah er nur von unten, als der LKW, auf dessen Achse er sich versteckt hielt, vom Hafengelände fuhr. Dafür läuft er jetzt schon seit Wochen an Wänden von Zäunen vorbei. Jeden Tag, auf dem Weg zur Essensausgabe in der Stadt und zurück. Und nachts, auf der Suche nach einer Fähre, sowieso. Es sind die letzten auf seinem Weg von Kabul an den Kanal, der ihn vier Monate gekostet hat. Und auch die, die am schwersten von allen zu überwinden sind. Die Zäune von Calais.

Einen ganzen Kilometer ziehen sie sich von der Autobahn zum Hafen hinunter. Anfangs, vor dem ersten Kontrollpunkt, sind sie zweieinhalb Meter hoch. Nach dem dritten, wenn es auf die Fähre geht, vier. Dahinter liegen die Spuren für PKW, ebenfalls getrennt durch eine Zaunreihe. Erst nach einer weiteren Absperrung folgt der LKW- Bereich. Früher versuchten die Migranten es frontal. Kletterten einfach von der Straße aus drauf los, um in irgendeine Heckklappe zu schlüpfen. Die Afrikaner zumal, die kein Geld für einen Schlepper hatten.

Heute sind die Zäune videoüberwacht und elektrisch. Darüber prangen dreifache Stacheldrahtrollen. Wer sie überwinden sollte, sieht sich erst einmal der Patrouille gegenüber, Securitymännern und Hunden, die um die Wette die Zähne fletschen. Von einem blendenden, antiseptischen Weiß sind sie, diese Zaunreihen. Auch die Industrieanlagen auf der anderen Straßenseite liegen hinter einer mit Natodraht überzogenen Gitterwand. Die Summe der Zäune ist ein Tunnel. Wer hier rennen muss, kann nicht entkommen. Nachts, im grellen Schein der Laternen, ist die Szenerie gespenstisch. Die Abendsonne nimmt ihr ein wenig von der martialischen Ausstrahlung.

Der kleine Trek, der sich zwischen den Zäunen stadtauswärts bewegt, hat kaum einen Blick dafür. Die Kulisse gehört zum Alltag der zehn Männer mit pechschwarzem Haar, alle in den Zwanzigern, gekleidet in Trainingsjacken, Kapuzenpullis und Second- Hand- Jeans, was die Klamottenkiste einer katholischen Hilfsorganisation am Mittag so hergab. In den Händen tragen sie weiße Plastiktüten. Darin sind Baguettehälften, Bananen und hartgekochte Eier, die andere Freiwillige eben wie jeden Abend verteilten. Es ist die einzige Unterstützung: wer keinen Asylantrag stellt, hat kein Recht auf staatliche Hilfe.

Was er denkt, wenn er die Autos auf die Fähre fahren sieht? Janmohamad dreht sich im Gehen um. Ein überraschter Ausdruck liegt auf dem glatten, schmalen Gesicht: „Warum sind wir es nicht, die dort einfach so einchecken können?“ Doch schnell zuckt er mit den Schultern. Wichtiger als die Antwort ist die kommende Nacht, und die Mahlzeit, die davor liegt. Die erste des Tages, denn es ist Ramadan. Darum halten die Männer die Augen auf, als sie auf einen Trampelpfad unterhalb des Autobahnzubringers einbiegen. Wenn jetzt ein weißer Bus auftaucht, auf dem CRS steht, haben sie ein Problem: schon öfters nahmen ihnen die Compagnies Républicaines de Sécurité, die Aufstandsbekämpfungseinheit der Polizei, auf dem Weg zurück zum Jungle die Essensvorräte ab.

Wo der Trampelpfad endet, gehen die Männer auf einem stillgelegten Eisenbahngleis weiter. Am Ende des letzten Winters bewohnten sie hier ein paar ausrangierte Waggons. Doch als die Polizei immer häufiger kam, zogen sie weiter. Lange bleibt ein Schlafplatz nicht geheim in Calais. Die Steine zwischen den Schienen drücken durch die Schuhsohlen. Janmohamad, der zuhause in Kabul Anstreicher war, hält die Tüte in der rechten Hand. Links trägt er einen Verband. Eine halbe Stunde dauert der Weg aus der Stadt hier heraus, drei Kilometer vielleicht, wenn nicht zwischendurch die CRS auftauchen und sie für ein paar Stunden in die Zelle stecken.

Nach einer Nacht lässt man sie meist wieder laufen. Abschiebehaft kostet den Staat Geld, nach Afghanistan wird ohnehin in der Regel niemand zurück gebracht, eher schon in Länder wie Italien oder Griechenland, in denen die meisten Flüchtlinge erstmals die EU betreten. Wer dort seine Fingerabdrücke gelassen hat, verliert nach dem Dublin II- Abkommen jeglichen Anspruch auf Asyl im Rest der Union. Da mit den Abdrücken aber auch die Zuständigkeit geregelt ist, sind Rom und Athen wenig interessiert daran, die Vorgaben flächendeckend um zu setzen. So landen Transitmigranten in einer Grauzone: jeder will sie loswerden, und niemand will durch sie irgendwelche Kosten haben.

Janmohamad und die Anderen haben alle ein Schreiben der Präfektur in der Tasche. Binnen 48 Stunden müssen sie Frankreich verlassen. Nur zu gerne würden sie das tun – doch für die, die von hier unerkannt den Kanal überqueren wollen, ist Calais ein Nadelöhr geworden. Im Sommer campierten sie drüben auf der anderen Seite der Autobahn, in den Dünen hinter dem Hafengebiet. Von dort konnten sie bei klarer Sicht die White cliffs of Dover über die Meerenge leuchten sehen. UK. In ihren Augen steht Erwartung, wenn sie diese Buchstaben aussprechen. UK, das ist nicht weniger als eine Verheißung: Asyl, so hörten sie, gebe es dort leichter als in anderen Ländern, und für alle anderen reichlich Schwarzarbeit und wenig Kontrollen. Alle können zumindest ein paar Brocken Englisch, einige haben Freunde in London, Manchester oder Birmingham.

Unvermittelt hält der Trek an. Einer nach dem anderen klettert über die hüfthohe, rostige Absperrung hinter den Schienen und verschwindet im Gebüsch. Kaum sichtbar führt ein Pfad abwärts. Nur die Fliegen, die sich an Exkrementen gütlich tun, verraten die Anwesenheit von Menschen. Dann öffnet sich hinter einem Strauch eine schmale Lichtung, zwölf Quadratmeter vielleicht, windgeschützt in einer Senke gelegen. An einem Ende steht ein grünes Ein- Mann- Zelt, am anderen ein provisorisches, wie sie seit Jahren in Flüchtlingscamps am Kanal auftauchen: aus Brettern und Abfall notdürftig zusammen gezimmert, mit schwarzer Plastikplane überzogen, auf dem Boden Paletten, darüber ranzige Decken. Weiß man vom Jungle, bevor man loszieht in Afghanistan? Janmohamad schüttelt den Kopf. „Und wenn ich es gewusst hätte, wäre ich nicht gekommen.“

Was letzten Herbst in Calais passierte, kennen die Männer nur vom Hörensagen. Vor den Augen der Weltpresse planierte die Polizei mit Bulldozern das größte dieser Elendsquartiere, die Mutter aller Jungles, wo knapp 1.000 Menschen sich in ihrem ungastlichen Provisorium eingerichtet hatten. Paschtunen waren sie, wie Janmohamad und die Anderen. Die größte afghanische Bevölkerungsgruppe stellte lange auch unter den Transitmigranten in Calais die Mehrheit. Die Botschaft war deutlich: von nun an soll nicht nur die Überfahrt verhindert werden, auch der – inoffizielle – Warteraum wird geräumt. Nach der Zerstörung des Jungle wurden die Razzien mit Tränengas und Pfefferspray tägliche Routine. Wer nicht schnell genug wegkam, wurde festgenommen, was zurück blieb, verbrannten die CRS.

„Die Regierung versucht, es den Migranten so schwer wie möglich zu machen“, sagt einer der freiwilligen Helfer, die täglich Essen und alle zwei Wochen Kleidung verteilen. Dahinter steckt ein Abkommen, das die Regierungen in Paris und London im Sommer 2009 schlossen. 15 Millionen Pfund zahlte Großbritannien für neue Technologie zur Grenzkontrolle. Phil Woolas, damals britischer Einwanderungsminister, erwartete dafür einen wichtigen Beitrag Frankreichs zu einem „stählernen Ring“ zwischen Insel und Schengenraum. Éric Besson, sein Kollege auf der anderen Seite des Kanals, kündigte an, Calais werde von nun an „wasserdicht gegen illegale Migration.“

Tatsächlich sind es ein Jahr später kaum mehr als 200, die von hier zum Sprung nach England ansetzen wollen. Doch das Problem verlagert sich nur: inzwischen ziehen sich die Jungles fast die gesamte Kanalküste entlang, von den LKW- Rastplätzen um Dunkerque bis zu den Häfen von Boulogne-sur-Mer, Cherbourg und Le Havre. Auch an den Autobahnen des Hinterland gibt es Elendscamps, und je stärker die Repression in Calais, desto mehr Transitmigranten tauchen 100 Kilometer nördlich auf, in den belgischen Seebädern Ostende und Zeebrugge. „Wasserbettefekt“ nennen die Helfer das. Wer die Transitmigration in Calais beenden wolle, müsse den Hafen schließen, sagten sie vor Jahren sarkastisch.

Weitgehend verschwunden aus der Stadt sind seit dem Sommer die Paschtunen. Viele warten in Paris, bis die Lage am Kanal sich beruhigt. Im Versteck der letzten zehn Verbliebenen bricht derweil die Abendsonne durchs Geäst. In Kandahar war Rakim Elektriker. Im Jungle ist er Koch. Der 23jährige hockt am Rand der Lichtung und schält Kartoffeln. Stellt den verkohlten Topf auf die Feuerstelle, einen Rost über zwei Steinen, gießt Öl hinein, eine Dose mit Bohnen und eine mit Tomaten. Janmohamad zertritt unterdessen das Feuerholz. Noch dient es vor allem zum Kochen. Doch in den Nächten spürt man schon den klammen Kanal- Herbst. Bald wird Feuer wieder unentbehrlich sein gegen die Widrigkeiten des maritimen Klimas.

Ein Pfiff dringt durch die Büsche. „Polizei“, klingt es von draußen. Die Wache, die wie immer in einiger Entfernung des Jungle oben auf den Schienen steht, schlägt Alarm: ein CRS- Bus auf der Autobahn. Innerhalb von wenigen Sekunden verschwinden alle im Dickicht. Nur Rakim bleibt beim Topf zurück. Seit zwei Monaten ist er hier, und an manchen Tagen wurde er drei, vier Mal fest genommen. Einmal mehr oder weniger interessiert ihn nicht. Außerdem ist es in weniger als einer Stunde Zeit zum Fastenbrechen. Nach ein paar Minuten kommen die Anderen zurück. Falscher Alarm. „Cricket?“ fragt Jemand.

Die Anspannung weicht aus den Gesichtern Stolz holt Janmohamad ein Bat hervor: „Original aus England“, erklärt er grinsend. Erleichtert drängen sich die Männer durch die Sträucher nach oben. Zwischen Schienen und Autobahn ist ihr Cricketfeld. Ein Schläger, ein Werfer, der einen zerbeulten Wasserkanister zu treffen versucht. Ein dritter soll den Ball von der Fahrbahn halten. Nicht immer gelingt das. Einmal schlägt er klatschend auf die Plane eines LKW. Gelächter ringsum. Die Aussicht auf Essen statt Zelle sorgt mit einem Mal für gelöste Stimmung.

Mit dem Sinken der Sonne serviert Rakim. Auf dem Boden sind zwei große Tücher ausgebreitet. Darauf stellt er weiße Plastikschalen und füllt sie mit Gemüse. Dazu gibt es Baguettestücke, Apfelscheiben und zwei Datteln für jeden. Durchs letzte Licht jagen die Silhouetten der LKW. Wer es in dieser Nacht probiert? Rakim wohl kaum. Er denkt seit neuestem darüber nach, in Frankreich Asyl an zu fragen. Sein Glauben daran, England zu erreichen, ist nicht mehr so fest.

Janmohamad dagegen kann noch nicht. Vor ein paar Wochen blieb er auf der Flucht vor der Polizei mit seinem Ring an einer Zaunspitze hängen. Die Verfolger zerrten an seinen Beinen. Er schrie, sie zogen noch mehr. Als er unten ankam, hingen die Kuppe und die Haut, die den Finger umgeben hatte, noch oben. Was darunter übrig war, wurde amputiert. In Janmohamads Augen steht keine Wut, wenn er davon erzählt. Es scheint, als sei diese auch nur eine Entbehrung unter vielen. Dabei wird der fehlende Ringfinger der linken Hand dafür sorgen, dass er die Zäune von Calais niemals vergisst.

Erschienen im Tagesspiegel, 22. September 2010

Schreibe einen Kommentar