Der Retter des Westens

Die neue Regierung in Den Haag hängt von seiner Partei ab. Doch Geert Wilders Ziele reichen über die Niederlande hinaus. Er sieht sich in einem Kulturkampf gegen den Islam.

“Im Zentrum des Einflusses angekommen” – euphorisch kommentierte Geert Wilders Ende September den Koalitionsvertrag der neuen Regierung in Den Haag. Ein Minderheitskabinett aus Rechtsliberalen und Christdemokraten, das seine Beschlussfähigkeit allein der Duldung durch Wilders´ populistische Partij voor de Vrijheid (PVV) verdankt: in der Tat kommt dem Mann, der wegen seines radikal anti- islamischen Kurses heftig umstritten ist, damit künftig eine zentrale Bedeutung zu. Die Konstellation könnte günstiger kaum sein. Die PVV erhält für ihre Unterstützung Mitsprache bei der Einwanderungsbeschränkung, Integration, Altenpflege und Sicherheit – ohne dafür jedoch Regierungsverantwortung übernehmen zu müssen.

Damit hat die Partei den bisherige Höhepunkt ihres ungebrochenen Aufstiegs erreicht. Das Ende der Fahnenstange dürfte das indes kaum bedeuten, denn in den Umfragen liegt sie, bei den Wahlen im Juni drittstärkste Kraft, seit Wochen ganz vorn. Zumindest PVV- Galionsfigur und – Gründer Geert Wilders jedoch sieht seine politischen Ambitionen kaum auf den überschaubaren Raum zwischen Maastricht und Groningen beschränkt. Dies zeigt ein Blick auf seinen Terminkalender der vergangenen Wochen: Wilders gab dem australischen Fernsehsender SBS ein Interview, er hielt am 11. September in New York eine international viel beachtete Rede gegen den Bau der Ground- Zero- Moschee, und schließlich sprach er auf Einladung seines Bewunderers René Stadtkewitz in Berlin über den Islam als politische Ideologie und Bedrohung Deutschlands.

Zufall ist das nicht. Der Mann, der die Niederlande seit Jahren polarisiert wie niemand vor ihm, ist auf internationaler Mission. Im Juli gab er bekannt, er wolle eine Bewegung mit dem Namen “Geert Wilders International Freedom Alliance” gründen. Diese soll zunächst in fünf Ländern aufgebaut werden, die er in den kommenden Monaten zu besuchen gedenke: in Kandada und den USA sowie Großbritannien, Deutschland und Frankreich. “Die Freiheit verteidigen, den Islam stoppen”, so formulierte er die Zielsetzung. “Die Kräfte bündeln” will er, entsprechend seiner These der Islamisierung, die die liberal- bürgerlichen Freiheiten gefährde. Da diese Entwicklung den “gesamten freien Westen” betreffe, sieht Wilders auch seine Verantwortung “über die Niederlande hinaus reichend”. Gleichwohl versicherte er in einem Interview mit der Tageszeitung De Telegraaf, seiner publizistischen Hausmacht, die Niederlande blieben sein Haupt- Betätigungsfeld.

Eine Bewegung, die nach ihm benannt wird, steht ganz im Stil von Wilders´ Inszenierung als Dutch Freedom Fighter, wie er sich auf seiner Homepage beschreibt – und ist doch nicht nur der Hybris geschuldet. In der heterogenen Szene der internationalen Islamkritik ist der 47jährige aus dem Städtchen Venlo eine große Nummer. Die Personalie René Stadtkewitz ist ein Beispiel: die Verbindung zu Wilders war erst der Grund für seinen Rauswurf aus der CDU, danach verschaffte sie dem außerhalb Berlins kaum bekannten Landespolitiker deutschlandweite Medienpräsenz. Dass er seine Partei schlicht “Die Freiheit” nannte, ist eine deutliche Referenz an die PVV.

Wilders selbst indes hatte bei seinem internationalen Durchbruch keine Hilfe von außen nötig, sondern ließ Bilder für sich sprechen. Es war sein Anti- Islam- Film Fitna, der ihn 2008 auf einen Schlag weltweit ins Blickfeld rückte. Dafür, dass er dort blieb, sorgte eine Tournee: im Juni 2008 referierte Wilders auf Einladung der dänischen Journalistenvereinigung im Kopenhagener Parlament über Meinungsfreiheit. Drei Monate später redete er, angefragt vom renommierten konservativen Hudson Institute, in New York über die Islamisierung Europas. Und im Dezember des gleichen Jahres nahm er an der Konferenz Facing Jihad in Jerusalem teil, wo sich ein illustres Feld radikaler Islamkritiker traf.

Im Februar 2009 wurde ihm aus Furcht vor Unruhen die Einreise nach Großbritannien verwehrt. Ein konservatives Mitglied des Oberhauses hatte ihn gefragt, Fitna dort vor zu führen. Diese Weigerung schien Wilders´ Agenda zu bestätigen und unterstrich seinen Ruf als Märtyrer der Meinungsfeiheit. Weitere Auftritte fürten ihn nach Rom, New York, Washington, Los Angeles und Miami. Auch auf heimischem Parkett zeigte sein – gleichsam kontroverser – internationale Ruf Wirkung: seit dieser Zeit ist die Unterstützung der PVV unter niederländischen Akademikern gestiegen. Dass er im März dieses Jahres gemäß dem Ausspruch eines britischen Berufungsgerichts schließlich doch nach England einreisen durfte um dort Fitna zu zeigen, inszenierte er folglich als Triumph.

Es ist jedoch nicht so, dass Wilders mit seinem Film hausieren gehen musste. Vielmehr nutzte er zur Präsentation sein schon bestehenden Netzwerks, das vor allem islamkritische Wissenschaftler und Publizisten sowie US- amerikanische Neokonservative umfasst. Kernfiguren sind der bekannte niederländische Arabist Hans Jansen, die amerikanischen Anti- Jihad- Aktivisten David Horowitz und Robert Spencer sowie Daniel Pipes, der Gründer des islamkritischen Think Tanks Middle East Forum. Auch mit der konservativen American Freedom Alliance unterhält er enge Beziehungen. Als junger Mann lebte Wilders zudem eine Weile in Israel, wo er seither über hervorragende Kontakte verfügt. Ihm zufolge ist Israel im Kampf gegen den globalen Islam ein Frontstaat, der bedingungslos zu unterstützen ist. Wegen dieses Standpunkts wird Wilders, gerade im deutschsprachigen Raum immer wieder mit Labels wie ´braun´ bedacht, in der Naziszene als “Judenfreund” verlacht.

Wenngleich Wilders sich selber als Atheisten bezeichnet, basiert seine Weltanschauung doch auf einer religiös- philosophischen Komponente: immer wieder verweist er in seinen Reden auf die “judäo- christliche” Grundlage der westlichen Kultur. In den internationalen Kreisen, in denen der PVV- Chef sich bewegt, ist diese Referenz seit langem Standard. Im Integrationsdiskurs auf nationalen Ebenen, wie etwa zur Zeit in Deutschland, hält dieser Begriff dagegen gerade erst Einzug. Ein weiterer Beleg dafür, dass Wilders einen weiten Weg zurück gelegt hat: vom Unruhestifter im beschaulichen Polderland zum internationalen Agendasetter.

Besondere Bedeutung kommt Geert Wilders´ Auslandsaktivitäten vor allem in finanzieller Hinsicht zu, denn als einzige Parlamentspartei erhält die PVV keine Subventionen. Die dafür benötigten 1.000 Mitglieder unterbietet sie deutlich – schlicht, weil sie außer Wilders keine Mitglieder kennt. Die Unterstützung von Verbündeten und Sympathisanten ist daher essentiell, zumal wenn besondere Kosten anfallen: zur Zeit muss sich Wilders vor dem Amsterdamer Gerichtshof wegen Diskriminierung von Muslimen und Anstachelung zum Hass verantworten. Anfang November wird das Urteil erwartet. Entsprechend der Stellung des Angeklagten löst der Prozess weit über die Niederlande hinaus großes Interesse aus. Islamkritische und konservative Web- Blogs wie Gates of Vienna, Atlas Shrugs oder Politically Incorrect rufen daher zu Spenden auf, die dänische Internationale Free Press Society (IFPS) richtete gar einen Geert Wilders Defense Fund ein. Dem Empfänger dürfte das sehr entgegen kommen. Auf der Website seiner Partei bittet er zwar auch um Unterstützung, allerdings tut er dies “mit einer gewissen Scheu”.

Erschienen in Die Furche, 21. Oktober 2010

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