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Auf Tour Migration

Das Leben unmöglich machen (Kanaltrilogie Teil II)

Die Hafenstadt Calais ist eine Schlüsselstelle auf den Routen von Transitmigranten quer durch Europa. Vor einem Jahr räumte die französische Polizei dort ein riesiges Flüchtlingscamp. Es sollte der Anfang vom Ende sein für die klandestine Kanalüberquerung auf der Suche nach Asyl oder zumindest einem besseren Leben in Grossbritannien. Doch noch immer suchen in Sichtweite der englischen Küste Hunderte ihr Glück. Ein Besuch an einer ungastlichen Küste in drei Teilen.

Wieder nichts gestern nacht. Zu siebt hatten sie sich drüben am Rastplatz in den LKW geschlichen, Karzan, Mahmud und die anderen. Es folgten 30 rumpelnde Kilometer auf der Küstenautobahn nach Calais, angespannt und mit klopfenden Herzen, vielleicht die letzten auf dem Kontinent. Als die Fahrt langsamer wurde, wussten sie, dass der Hafen erreicht war. Stehen. Anfahren. Wieder stehen. Dann ging die Tür auf, und ungehaltene Beamtenhände zogen die blinden Passagiere aus dem Frachtraum. Schon die erste der drei Kontrollen war Endstation. Den weiteren Ablauf kennen Karzan und Mahmud nur zu gut: ein paar Stunden auf der Polizeiwache, dann der lange Fußweg zurück. Alltag.

Sonderlich enttäuscht ist niemand, als der Jungle kurz nach Mittag wieder zum Leben erwacht. Aus einer Handvoll Zelten, gespendet von der örtlichen Hilfsorganisation Salam, schälen sie sich heraus auf die Waldlichtung. Hier ist das Basislager der Gruppe junger Kurden, die meisten aus dem Irak, einige aus Iran, und ´Basis´ ist durchaus wörtlich zu nehmen: mehr als einen Wassertank, den Unterstützer der Kommune abringen konnten, Latrinen und Feldduschen, errichtet von Médecins du Monde, gibt es hier nicht. Das Frühstück fällt aus. Es ist Ramadan, und dazu kommen die Freiwilligen von Salam nur einmal wöchentlich mit Lebensmitteln vorbei.

Etwa 15 Flüchtlinge bewohnen den Jungle von Grande- Synthe, einem grauen Vorort von Dunkerque. Ganz genau weiß das auch Karzan nicht. „Jeden Tag gibt es neue Gesichter hier.“ Der 20jährige, dessen Vater für die kurdische Regierung im Nordirak arbeitete, ist seit einem Monat hier. Fast jede Nacht probiert er sein Glück. Fast jeden Morgen kommt er zurück. Karzan blinzelt in die Spätsommersonne. Mahmud, 21, ein Wirtschaftsstudent aus Kirkuk, trottet in Jogginghose und Unterhemd zum Wassertank und wäscht sich. Am Rand der Lichtung stehen Holztafeln. Darauf erklärt das UNHCR auf Kurdisch, Arabisch, Farsi und Englisch: „Sie sind aus Ihrem Land geflohen. Sie sind kein EU- Bürger. Sie sind in Calais“, beginnt es.

Dann folgen Details zum Dublin II- Abkommen, von dem Karzan und seine Freunde noch nie gehört haben, und das doch essentiell ist für alle Transitmigranten: wem einmal in der EU seine Fingerabdrücke abgenommen wurden, verliert damit seine Asylansprüche im Rest der Union. Nicht bei allen hier ist das der Fall, denn die Behörden in Griechenland, wo fast alle Transitmigranten die EU erreichen, kommen dem Ansturm kaum nach. Und dann liegt dem kriselnden Hellas auch nicht sonderlich viel an einer lückenlosen Datei, denn ein Fingerabdruck, so will es das Abkommen, macht das Land zum Zuständigen für den dazu gehörigen Asylantrag.

Dass das Flüchtlingskommissariat der UN seit einem Jahr eine Niederlassung in Calais unterhält, ist ein deutliches Zeichen: die Kanalküste ist ein Brennpunkt auf den klandestinen Migrationsrouten von den Krisenherden der Welt in ein vermeintlich sicheres Leben in Europa. Inzwischen jedoch will die französische Regierung dem ein Ende bereiten: in Zusammenarbeit mit dem britischen Immigration Service wird das Raster der LKW- Kontrollen immer dichter. Lao kann davon ein Lied singen. Eben erst kehrt der 25jährige in den Jungle zurück. Frustriert lässt er sich aufs Gras fallen. „Es gibt keine Chance mehr“, flucht er.

Lao nehmen seine gescheiterten Versuche mehr mit als die Anderen, und das hat seinen Grund: er hat den Sprung schon einmal geschafft, und zwar in weniger als einer Woche. Während der Fahrer tankte, tauchte Lao mit einem Freund unter den Truck. Eng war es, zu zweit auf der Achse, doch alles ging glatt. Aber das war 2005, eine andere Zeitrechnung, was technisches Equipment der Grenzer und Kontrollfrequenz betraf. Bis Anfang des Jahres lebte Lao in London. Dann kam die Nachricht, dass seine Mutter schwer krank war. Er ging zurück in den Irak – und sobald sich ihr Zustand besserte, brach er wieder an den Kanal auf.

Nicht nur die Dichte der Kontrollen hat sich verändert. Inzwischen geht die Polizei in Calais immer gezielter gegen Transitmigranten vor. In den Autobahn- nahen Jungles um Dunkerque herum sind die Bewohner vor Verhaftungen weitgehend sicher, erzählt Mathieu Quinette, der die medizinische Versorgung durch Médecins du Monde in der Region koordiniert. In Calais selbst dagegen sind Razzien und willkürliche Festnahmen an der Tagesordnung. Jungles werden niedergebrannt, die wenigen Habseligkeiten zerstört, die berüchtigte Eliteeinheit CRS setzt Pfefferspray und Tränengas ein. Der Hintergrund ist für Quinette klar: „Calais ist das Schaufenster der französischen Einwanderunspolitik. Eine Lösung hat die Regierung nicht. Nur eine Strategie, und die heißt, den Flüchtlingen das Leben unmöglich zu machen.“

Was darunter zu verstehen ist, wissen die Bewohner des Africa House im Zentrum von Calais. Kurz nach Sonnenaufgang bekommen sie dieser Tage meist Besuch von den CRS – manchmal auch nochmal kurz vor dem Abendessen. Von beiden Seiten umstellen sie die leer stehende Schreinerei. Die 20 Sudanesen aus Darfur, die dort in einer Baracke ohne Fensterscheiben hausen, verlassen den verfallenen Hof über Schleichwege – oder verstecken sich auf dem verwinkelten Gelände.

Ganz ähnlich sieht der Alltag im Jungle der Hasaren aus. Die Angehörigen einer afghanischen Minderheit bewohnen den windgepeitschten Dünengürtel beim alten Hovercraft- Terminal. Dahinter donnern die LKW auf der Autobahn die letzten Kilometer zum Hafen. Auf der andern Seite schimmert die Nordsee türkis, wenn die Wolken aufreißen, ein beinahe groteskes Naturschauspiel als Hintergrund zur täglichen Tragödie. Bei einer der letzten Razzien wurde Reza verhaftet, ein schüchterner 13jähriger, der den Weg aus Afghanistan alleine zurück legte. Auch die Minderjährigen kommen weiterhin an den Kanal. Denn auf der anderen Seite liegt immer noch England.

Hintergrund

Seit rund zehn Jahren ist die Region von Calais Schauplatz einer humanitären Tragödie

Etwas mehr als 30 Kilometer trennen an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals die französische Küste von der englischen. Bei guter Sicht scheint das Weiß der Klippen von Dover über die Meerenge. Für viele Flüchtlinge aber, die in Großbritannien das gelobte Land sehen – anziehend wirken neben der Sprache auch die lange Zeit leicht erhältliche Schwarzarbeit und wenig Identitäts- Kontrollen – wird der Kanal zum Nadelöhr. Die Regierungen in Paris und London wollen der klandestinen Einreise an Bord von LKW einen Riegel vorschieben. Hunde, CO2- und Herzschlagdetektoren machen den Ärmelkanal zu einer der am schwersten zu überquerenden Grenze der Welt.

Der Ansturm auf die Straße von Calais begann 1999. In Sangatte, einem Dorf bei Calais, eröffnete das Rote Kreuz ein Auffang- Lager für die zahlreichen Kosovo- Albaner, die damals vor dem Krieg nach England flohen. Neue Migrantenströme aus Irak und Afghanistan sorgten schon bald für eine permanente Überfüllung des Lagers. Zehntausende von hier versuchte illegale Einreisen belasteten das Verhältnis zwischen Paris und London. Ende 2002 wurde „Sangatte“ auf Druck Großbritanniens geschlossen.

Danach verteilten sich die Flüchtlinge entlang der Kanalküste. Da sie als Transitmigranten in Frankreich keinen Asylantrag stellen, haben sie keinerlei Zugang zu staatlicher Hilfe. Daher leben sie in leeren Fabrikgebäuden sowie in ´Jungle´ genannten provisorischen Elendsquartieren in Dünen, Wäldern oder auf Feldern bei LKW- Rastplätzen. Solche ´Jungles´ entstanden zunächst in oder nahe den Hafenstädten Calais und Dunkerque, das sich zu einem zweiten Zentrum der Transitmigration entwickelt hat. Inzwischen ist das Phänomen auch in Boulogne, Cherbourg oder Le Havre bekannt, ebenso wie im Hinterland an den Autobahnen nach Calais und Dunkerque und den belgischen Fährorten Ostende und Zeebrugge.

Im Juli 2009 beschlossen das Vereinigte Königreich und Frankreich, ihre Zusammenarbeit gegen die Transitmigration erneut zu verstärken. Drei Monate später zerstörte die französische Polizei vor der versammelten Weltpresse den von rund 1.000 Personen bewohnten größten Jungle von Calais. Immigrationsminister Eric Besson kündigte damals an, die Region „migrantenfrei“ zu machen. Die erhöhte Repression ließ Hunderte von Flüchtlingen seither nach Paris ausweichen. In der Region Calais/ Dunkerque leben zur Zeit etwa 400 Transitmigranten.

Erschienen in Die Furche, 2. September 2010

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