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Auf Tour

Bonanza am Schwarzen Meer

Benelux- Texte geht auf Tour und tauscht Nordwest- gegen Südost- Europa. Teil II aus Bulgarien: Das Städtchen Sozopol im Süden der bulgarischen Schwarzmeerküste versucht die Balance zwischen Ausverkauf und eigener Note zu halten.

Ab und an, wenn im „Fast Food“ Flaute herrscht, schnappt sich Hristian seinen Basketball und geht an der Schule oben in der Altstadt ein paar Körbe werfen. Danach pendelt er wieder mit großen Zagorka- Humpen oder Plastiktellern mit Šopska- Salaten zwischen Tresen und Tischen der hölzernen Strandbar hin und her. Erstaunlich routiniert, aber schließlich ist er auch nicht zum ersten Mal hier. Seit sein Vater Petar die charmante Bretterbude aufgemacht hat, verbringt Hristian jede Sommerferien in Sozopol. „Das ist mein Lieblingsort“ erklärt er, bevor er in einwandfreiem Englisch vom Bergstädtchen Velikar Tarnovo erzählt, wo die Familie den Rest des Jahres verbringt. Hristian und Sozopol haben einiges gemeinsam: beide wollen hoch hinaus. Drei Hotels möchte er später einmal haben, so der 12jährige. Der älteste Ort der bulgarischen Schwarzmeerküste mag Pate gestanden haben bei diesem Wunsch: Schließlich boomt auch das ehemalige Apollonia, im 7. Jahrhundert vor Christus von Griechen gegründet, seit einigen Jahren dermaßen, dass es sich anschickt, neben Sonnenstrand und Goldstrand das dritte touristische Zentrum der Riviera zu werden. Mehr als 4.000 permanente Einwohner hat der Ort nicht. Zwischen Juni und September platzt er dafür zusehends aus allen Nähten, und das Ende ist noch lange nicht in Sicht. Mit einem eigenen Konzept, das den Fokus auf Sozopols lange Geschichte und Tradition als Künstlerort legt, sollen die kommerziellen Kapazitäten in den nächsten Jahren ausgebaut werden, ohne diese Identität dabei über Bord zu werfen.

Zhivka Petrova wird beinahe euphorisch, wenn sie über die Projekte der nächsten Jahre spricht: “Die Straßen werden renoviert, die Kanalisation erneuert, mit Hilfe von EU- Geldern restaurieren wir die alte Stadtmauer”, zählt die Mittvierzigerin auf. Dies ist ihr Element: Nach 15 Jahren als Hotelverwalterin im nahen Djuni feilt sie nun als EU- Spezialistin der Stadtverwaltung mit am künftigen Profil Sozopols, das auf mehrsprachigen Hochglanzbroschüren gerne “Ewiger Hafen” genannt wird. Und dies setzt nicht zuletzt auf Andersartigkeit: “Sonnenstrand oder Goldstrand sind nicht vergleichbar. Sie sind wie große Städte, die nur für den Tourismus gebaut wurden.” Sozopol dagegen entwickelt sich im Einklang mit den umliegenden Dörfern. Die Renovierungsmaßnahmen betreffen immer auch die ländliche Umgebung, und über das neue Zauberwort Ökotourismus soll der Süden der Küste für neue Zielgruppen erschlossen werden. Daneben will man auch die zahlreichen Stammgäste über eine moderate Preispolitik weiter an den Ort binden. Ein ambitiöser Spagat, wie Frau Petrova einräumt. Denn Sozopol ist zwar tatsächlich billiger als die großen Ressorts weiter nördlich, doch die ersten preislichen Auswirkungen des EU- Beitritts sind den Sensoren der Stadtverwaltung nicht entgangen.

Für die jungen Saisonkräfte, die aus dem ganzen Land nach Sozopol kommen, ist dies durchaus eine zweischneidige Entwicklung. “In Plovdiv ist kein Geld zu verdienen”, klagt der 31jährige Vesko. Deshalb hat er seiner Heimatstadt vorüber gehend den Rücken gekehrt und kellnert im chiquen Hotel Selena im rapide wachsenden Neubaugebiet. Zusammen mit Kamelia, 21, und dem erst 17jährigen Niki steht er in der gleißenden Abendsonne und wirbt Passanten an, die gerade vom Strand kommen. Zum Dinieren gibt es noch freie Tische, die sich mit einem einladenden Lächeln zum farbigen Flugblatt sicher füllen lassen. Kamelia gefällt ihre Arbeit und das nach wie vor entspannte Tempo des pittoresken Sozopol, allein die Bezahlung sei etwas mager. Niki pflichtet ihr bei, zwei Euro pro Stunde bieten keine großen Perspektiven, und schon gar nicht, wenn Bulgarien eines Tages der Euro-Zone beitreten wird. Im Übrigen, fügt er an, stünden auch viele Touristen dem skeptisch gegenüber. Schließlich basiere der bulgarische Boom zu einem guten Teil auf dem Image als Billigland.

Eleonora, die im Haus ihrer Großmutter Zimmer vermietet, kann ein Lied davon singen. Viele ihrer Gäste aus Russland, Frankreich oder Deutschland entpuppten sich als frenetische Feilscher, wenn es um den Übernachtungspreis ging: “Manchmal weigern sie sich einfach zu zahlen, eben weil sie denken, Bulgarien ist billig. Dabei zahlen Bulgaren sogar mehr als die ausländischen Touristen.” Die 27jährige, die in Sofia einen Kiosk betreibt und als Opernsängerin bereits zahlreiche Engagements rund um den Globus hatte, steht der jüngeren Entwicklung gespalten gegenüber. Ihre Familie besitzt ein weiteres Haus im neuen, rein touristischen Teil der Stadt, und unumwunden sagt sie: “Ich mache gutes Geld hier.” Andererseits sind da die alten Bilder, die sie von ihren Sommern in Sozopol als Kind behalten hat. “Vielleicht war es damals schöner. Es gab mehr Natur, jetzt dagegen ist alles voller Menschen und Hotels.”

Eine leichte Melancholie schwingt in den Beschreibungen vieler Stammgäste, die der kleinen Stadt, die wie ein Piratennest auf den Klippen einer Landzunge thront, regelrecht verfallen sind. Zorbas Nikolaskov ist einer dieser Schwärmer, die immer wieder kommen: “Sozopol ist meine Frau, hier ist mein Herz” verkündet der junge Schauspieler. Jedes Jahr zieht es ihn aus der Hauptstadt hierhin. Der Verkauf von Pappmachéskulpturen ist sein Sommereinkommen. Zorbas entlässt seinen Rauch in die laue Nachtluft und wirft einen zärtlichen Blick über die nächtliche Szenerie. Bis spät in die Nacht flanieren die Urlauber zwischen den alten Holzhäusern, wo sich die Hitze des Tages staut, und immer wieder führt der Weg sie auf den weiten, von großen Laubbäumen gesäumten Platz im Zentrum, auf dem ein riesiger metallener Anker liegt, das Wahrzeichen Sozopols. Dort sitzt Zorbas mit seinen Skulpturen- Kabinett auf einer Mauer, bereit, seine Stadt mit allen zu teilen: “Ich bin ein Weltbürger. Wenn Ausländer hier Häuser kaufen, meinetwegen. Deutsche in Bulgarien? Geht klar. Chinesen in Bulgarien? Wieso nicht!” Auch dem EU- Beitritt kann er etwas abgewinnen, schließlich werden mit den Geldern aus Brüssel so einige Restaurationen bezahlt. Nur eins ist für Zorbas klar: “Neu- Sozopol”, und sein bärtiges Kinn weist hinüber auf das Konglomerat der großen Hotels, “ist ein WC!”

Ohne dieses Viertel jedoch ist der Aufschwung von Sozopol nicht zu haben. Der alte, malerische Ortsteil kennt allein Privatzimmer oder winzige Pensionen. Erst der Baubeginn südlich davon vor zehn Jahren hat die Übernachtungszahlen in die Höhe schießen lassen. Auch die Immobilienbüros haben sich mittlerweile dort angesiedelt. “Black Sea Investment”, “Bulgarka Properties”, oder “Asta Bridge International”, das mit der markigen Parole “Find a Second Home in Your First Language” wirbt. Bevor die Hotelmeile beginnt, finden sich Kreditbanken, Reiseagenturen, Clubs und der erste Sexshop Sozopols. In den verdorrten Hügeln am bisherigen Ortsende künden aufgeworfene Erdhügel bereits die nächste Bauwelle an. Mateusz Zaprasza wird wütend, wenn er von seinem Marktstand in diese Richtung schaut. Seit 17 Jahren verkauft der Pole im alten Ortskern Sommermode, Strandkleidung und Fußballtrikots. Nächstes Jahr jedoch ist Schluß damit. Sein Pachtvertrag wurde von der Stadtverwaltung nicht verlängert, denn 2008 muss der Markt dem neuen Busbahnhof weichen. Die Züge um seinen freundlichen, schwarzen Schnurrbart verhärten sich. “Das ist diese Scheiße. Alles muss weg”, flucht er bitter, bevor er sich einer Kundin zuwendet.

Zhivka Petrova dagegen spürt vor allem den Wind des Wachstums in den Segeln Sozopols. Voll Optimismus begrüßt die städtische EU-  Zuständige die Brüsseler Richtlinien, von denen sie lächelnd hofft, “dass sie uns  ein bisschen disziplinieren. Und zwar ganz Bulgarien”. Was Sozopol betrifft, ist die Zukunft eine rosige. Wie ihr Städtchen in zehn Jahren aussehe? Ohne mit der Wimper zu zucken, strahlt sie: “Noch viel größer  – und noch viel schöner.”

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