Aus Europas Hauptstadt in den Jihad

Immer mehr junge westliche Muslime ziehen nach Syrien. Das Beispiel Belgien zeigt, was sie antreibt – und wie die Regierung den Strom einzudämmen versucht

Das Gesicht des belgischen Jihad ist schmal. Es hat buschige Augenbrauen, trägt eine randlose Brille und einen schwarzen Zottelbart. Mitte April erschien es wieder einmal landesweit in den Medien, als Fouad Belkacem, auch bekannt als Abu Imran, festgenommen wurde. Seine inzwischen aufgelöste Vereinigung Sharia4Belgium soll Pläne verfolgt haben, Belgien in einen Gottesstaat um zu wandeln. Zudem habe man Jugendliche angeworben, im syrischen Bürgerkrieg auf Seiten der Rebellen zu kämpfen.

Früher war Fouad Belkacem, 30, ein “normaler Junge”, der mit seinem Vater  Gebrauchtwagen verkaufte. Dann kam er unter den Einfluss radikaler Muslime. Das sagt jedenfalls Nordine Taouil, Imam in Antwerpen und Brüssel sowie Vorsitzender des belgischen Moslimrats. Um das Beispiel Belkacem nicht zur Regel werden zu lassen, wendet sich Taouil in seinen Predigten an die nächste Generation muslimischer Jugendlicher. “Deradikalisierung” ist sein Anliegen, und das heisst zur Zeit: “geht nicht nach Syrien!”

Genau das tun junge belgische Muslime in den letzten Monaten immer öfter. Die jüngsten Schlagzeilen halten das Land in Atem: nach inoffiziellen Berichten schlossen sich mehr als 100 junge Belgier dem Kampf gegen Assad an, darunter 15- und 16jährige. Mindestens 12 sollen dabei getötet worden sein. Ein Vater aus Antwerpen reiste vergeblich nach Syrien, um seinen Sohn, einen Konvertiten, nach Hause zu. Auch ein Brüsseler Imam machte sich auf, belgische Jihadisten zur Rückkehr zu bewegen. Stattdessen wurde er von einer islamistischen Gruppe des Verrats beschuldigt und gefangen genommen.

Auch früher, so Nordine Taouil, zogen Muslime aus westlichen Ländern an die Schauplätze des internationalen Jihad: Afghanistan, Bosnien oder Tschetschenien. “Doch es waren nicht so viele wie heute. Entscheidend ist, dass die Kommunikation leichter ist. Sie können sich per SMS über Routen nach Syrien verständigen.” Hinzu kommt, dass sich Prediger aus dem Mittleren Osten über Internet an europäische Muslime wenden. Experten wie das International Centre for the Study of Radicalisation (siehe Infobox) bestätigen, dass Online – Rekrutierung eine zentrale Rolle spielt.

Die Gründe für diese Konjunktur des Jihad sind divers. Zum Einen sind da militant- puristische Strömungen wie die Takfiri – Bewegung, deren Anhänger selbst andere Muslime zu Ungläubigen erklären. Dass diese unter jungen Muslimen im Westen Anhang findet, führt Taouil auch auf deren prekäre gesellschaftliche Situation zurück: “Es gibt immer mehr als einen Grund für Radikalisierung. Aber in Antwerpen gibt es zum Beispiel 54% Arbeitslosigkeit unter Migrantenjugendlichen. Aus dieser Situation landen sie  oft entweder in der Kriminalität oder der Religion. Vor allem sehr junge Jugendliche sind empfänglich für den Hass, den Radikale in ihren Herzen säen.”

Zwei Schlagzeilen illustrieren die Situation in Belgien an diesem Tag: “Junge Muslime fühlen sich noch immer diskriminiert”, titelt die Gazet van Antwerpen. Laut einer Studie der Zeitung sehen sich nur 30% der Befragten als von der Gesellschaft akzeptiert an. 60% gehen davon aus, man werde sie niemals als “integriert” anerkennen. La Libre Belgique macht derweil mit dem “Plan Milquet zum Kampf gegen die Radialismen” auf.

Joelle Milquet ist die belgische Innenministerin, die mit ihren Ministerkollegen nun aktiv werden will: Die Beteiligung am syrischen Bürgerkrieg soll strafbar und die Grenzkontrollen verschärft werden. Minderjährige, die in die Türkei fliegen, will man besonders gründlich kontrollieren. Ausserdem sucht man nach Wegen, potentiellen Jihadtouristen den Pass zu entnehmen. Und das neue Anti- Terror- Gesetz schliesst auch die Anleitung zu Terrorismus inklusive der Rekrutierung mit ein.

Parallel dazu wird an einem “Präventivprogramm” zum Vorbeugen von Radikalisierung gearbeitet. Dazu will Milquet auch ehemalige radikale Muslime einbinden, die dem Jihad abgeschworen haben. Kürzlich eröffnete das Innenministerium eine “Syrien Task Force” sowie eine Anlaufstelle für Eltern, deren Kinder nach Syrien zogen. Sorgen macht man sich nicht zuletzt um die Rolle, die junge Jihadisten nach ihrer Rückkehr in Belgien spielen könnten.

In Molenbeek gehen derweil die Jalousien herunter. Teestuben und Läden schliessen zum Freitagsgebet, Männer in Djellabahs laufen Richtung Moschee. Wenn vom radikalen Islam in Brüssel die Rede, taucht der Name des Quartiers im Westen immer auf, neben dem benachbarten Anderlecht und Scharbeek im Norden. 53 Jugendliche aus der Hauptstadt sollen inzwischen in Syrien sein – 12 davon aus Molenbeek, darunter auch zwei Minderjährige.

Im Gemeindehaus ist “Syrien” dieser Tage ein Dauerthema. Lydia Barcelona, leitende Mitarbeiterin von Bürgermeisterin Françoise Schepmans, sieht durchaus verschiedene Motive, die Brüsseler Muslime aufbrechen lässt. “Manchen Jugendlichen geht es darum, die Sharia ein zu führen. Andere wollen in erster Linie gegen ein diktatorisches Regime kämpfen”, betont sie. “Insofern sehen sie einen Unterschied zwischen Jihad und Bürgerkrieg.”

Spielt der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten dabei eine Rolle? Immerhin stammen die meisten Muslime Molenbeeks aus dem sunnitischen Maghreb. Mustafa Er, ein Angestellter der Kommune, schüttelt energisch den Kopf. “Das hat auf diese Jugendlichen keinen Einfluss.” Eher scheint es in Molenbeek um Symbolpolitik zu gehen.  Im Sommer 2012 kam es nach der Verhaftung einer Nikab tragenden Muslima zu Riots im Quartier, hinter denen die damals noch existierende Sharia4Belgium stand. “Sehr agressiv”, so Mustafa Er, seien die Mitglieder der Gruppe aufgetreten.

Am nächsten Tag bricht Innenministerin Joelle Milquet in die USA auf, um sich von hochrangigen Geheimdienstmitarbeitern über Anti- Terror- Massnahmen informieren zu lassen. Zum Frühstück vernehmen die Menschen in Belgien noch eine andere Nachricht: ein vermisster 15jähriger Gymnasiast aus Antwerpen ist inzwischen in Syrien. Wie sagte Nordine Talouil, der Imam? “Ich befürchte, dass wenn wir nichts unternehmen, noch viel mehr Jugendliche losziehen werden.”

 

Erschienen in Zeit Online, 25. April 2013, WOZ, 2. Mai 2013 und WOXX, 9. Mai 2013

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