Zwischen Schockstarre und Wut

Drei Tage nach dem Anschlag im Jüdischen Museum von Brüssel fehlt vom Täter jede Spur. Das jüdische Leben im Land hat sich derweil dramatisch verändert.

Das Museum ist zum Standbild geworden. Die Türen sind verschlossen, auch am Dienstag, drei Tage nach dem Attentat. Eigentlich sollten heute am Mittag wieder die ersten Besucher kommen. Stattdessen eine Nachricht in der belgischen Presse: weitere Untersuchungen sind nötig, die Wiedereröffnung verzögert sich. Der Täter? Niemand weiss etwas. “Momentan haben wir weder Information noch eine Erklärung über die Motive”, macht Direktor Philippe Blondin auf der Website des Museums bekannt. Ein lähmender, statischer Zustand ist dies, festgefroren im Eindruk des Terrors.

Die Stille, sie bleibt zurück, nach der “veritablen Schockwelle”, so ein Kommuniqué des Jüdischen Museums Brüssel, das nun für immer in der Reihe der Orte steht, an denen das gewohnte, das alltägliche Szenario einer “hängenden” Bedrohung, symbolisiert durch die alltäglichen Sicherheitsmasnahmen, eine fürchterliche Entsprechung in der Wirklichkeit gefunden hat. Julien Klener hat es so ausgedrückt, der Präsident des Consistoire Central Israélite de Belgique, der sich am Schabbat- Abend kurz nach dem Attentat auf einmal in einer Not- Besprechung mit Premier- und Justizminister widerfand.

Brüssel 2014, das passt jetzt zu: Toulouse, Jüdische Schule, 2012. Zur Synagoge im Diamantenviertel von Antwerpen, 1981. Oder dem Gemeindezentrum von Buenos Aires, 1994. Die belgischen Parteien sagen umgehend die Abschluss- Debatte der Spitzenkandidaten ab, am nächsten Tag wird gewählt in Belgien. Als die Wahllokale am Sonntag geschlossen sind, versammeln sich Menschen vor dem Justizpalast. Vielleicht 1.000 sind es, eine laizistische Organisation hat dazu aufgerufen. Schweigen, eine Minute lang. Sprachlosigkeit, man zündet Kerzen an. Das vierte Opfer ist am Nachmittag gestorben, meldet das Museum.

Ein paar Stunden später findet am Tatort eine weitere Gedenkveranstaltung statt. Diese ist nicht lautlos. Albert Guigui, der Oberrabbiner von Brüssel, spricht das Kaddisch für die Ermordeten, die Hativka wird gesungen, zahlreiche jüdische Vertreter sind gekommen. Auch Claude Marinower, ein bekannter jüdischer Politiker aus Antwerpen, und sagt, was die Meisten denken: da kommt also jemand schwer bewaffnet in ein jüdiches Museum gerannt und schiesst Menschen nieder. Kann es sein, dass eine solche Tat keinen “anti- jüdischen Hintergrund” hat? “Das würde mich besonders überraschen.”

Europa diskutiert am Montag morgen den Ausgang der EU- Wahlen. Auch ein Kommunique des World Jewish Congress nimmt Stellung: ein äusserst besorgter Kommentar zum Aufstieg rechter Parteien. “Die Zukunft der europäischen Juden steht auf dem Spiel”, heisst es. Und natürlich gehen die Gedanken da sofort zum Attentat von Brüssel. Und zu den Mahnern, die immer wieder warnen, der Kontinent sei für Juden nicht mehr sicher. Zumindest für “Sichtbare”, also offen erkennbare, wie es vor einigen Jahren der niederländische Politiker Frits Bolkestein formulierte.

Die neue Dimension des Terrors betrifft nun auch die, die weniger sichtbar sind. Etwa die liberale Brüsseler Gemeinde Beth Hillel im Süden der Stadt. “Dass es trotz aller Schutzmassnahmen zu einem Anschlag kommt, war eine unserer grössten Sorgen”, so Gemeindevorsitzender Luc Bourgeois. “Wahrscheinlich sind wir uns nun der Gefahr um uns herum mehr bewusst geworden.” Vorläufig macht er sich keine Sorgen, dass der Anschlag die Juden der Hauptstadt zum Emigrieren bringen könnte, wie Bolkestein das anriet: “Wir fühlen uns als Belgier. Hier wollen wir leben, und wir erwarten von den Behörden, dass sie die nötigen Massnahmen dafür treffen.”

Ein Anschlag wie dieser, findet Luc Bourgeois, steht nicht im luftleeren Raum. Er berichtet von steigendem Antisemitismus, “ im Internet oder verbal”, und der Schock, den auch er fühlt, verhindert doch nicht, dass seine Analyse diesen bitteren Satz enthält: “War es unerwartet? Ich denke nicht.” Judenfeindliche Vorfälle würden vielfach nicht gemeldet, weil auf eine Anzeige ja doch nichts folge, meint er. Ein Vorwurf, den man oft hört in diesen Tagen. Bei der Gedenkveranstaltung vor dem Museum kam Stadtrat Marinower aus Antwerpen noch einmal auf die Quenelle- Geste zu Sprechen, die der antisemitische Abgeordnete Laurent Louis zu Jahresbeginn im Parlament zeigte. “Und niemand sagte etwas, um ihm nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu geben.”

Auch 50 Kilometer nördlich beginnt die Woche mit Stille. Mit einer Schweigeminute gedenkt man im Antwerp World Diamond Centre am Montag Mittag der Opfer von Brüssel. Zur Normalität gehören bewaffnete Sicherheitsbeamte hier ohnehin. Doch seit dem Anschlag gibt es auch in en umliegenden jüdischen Wohngegenden erhöhte Polizeipräsenz. “Für den Fall, dass auch in Antwerpen etwas passiert”, hiess es seitens der Behörden. Noh bevor der Shcabbat zu Ende ging, wurde für jüdische Einrichtungen im ganzen Land die höchste Sicherheitsstufe verkündet. Was für Antwerpen bedeutet: Ausnahmezustand, wieder einmal.

“Es ist ein bisschen so, als lebten wir in einer belagerten Stadt”, sagt Aaron Malinsky, ein Rabbiner und Universitätsdozent, der als Kantor auch mit der Gemeinde in Mainz verbunden ist. “Alles hat sich verändert, in jeder jüdischen Schule, jeder Synagoge ist Polizei. Die Kinder können zum Essen nicht nach draussen gehen, und unsere eigenen Sicherheitsleute sind den ganzen Tag auf den Beinen. Diesen Aufwand kann man nicht lange aufrecht erhalten.”

Zwei Reisen jüdischer Schulen in Antwerpen, erzählt Aaron Malinsky, mussten in dieser Woche abgesagt werden – zu gefährlich für die Kinder. Er, der den Grossteil seines Lebens in Antwerpen verbrachte, hat seine Stadt bislang nur einmal so erlebt: “nach dem grossen Anschlag von 1981”. Dass es auch am Dienstag keinerlei Neuigkeiten über den Täter gibt, geschweige eine Verhaftung, vergrössert die Sorge: mit jedem Tag, der vorbeigeht, rückt auch der nächste Schabbat näher. Und dann flaniert die chassidische Bevölkerung der Stadt gerne den ganzen Tag lang durch ihr “Schelde- Schtetl”. Wie aber soll das diese Woche werden?

In Belgien ist das Museum inzwischen aus den ganz grossen Schlagzeilen herausgerückt. Eine Regierung muss geformt werden, man sorgt sich um die Einheit des Landes. Auf europäischer Ebene feilt man an den Fraktionen im EU- Parlament und streitet über den künftigen Kommissionspräsidenten. Dass beide aus dem Anschlag von Brüssel eine Lehre ziehen müssen, steht ausser Frage. Für Stadtrat Marinower, der fordert, “den kleinsten Aufstosser von Antisemitismus” zu bekämpfen. Und für den Gemeindevorsitzenden Bourgeois, der darauf hinweist, Judenfeindlichkeit müsse auf dem gesamten Kontinent viel energischer verurteilt werden. Das Jüdische Museum von Brüssel bleibt derweil vorläufig geschlossen.

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 30. Mai 2014

 

 

 

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