Zwischen Kitsch und Todesdrohung

Die Rassismus- Debatte um “Zwarte Piet” offenbart tiefe Abgründe. Können bunte Ersatz- Figuren die Wogen glätten ?

Frage: haben schwarz geschminkte Gesichter, wulstige rote Lippen und Afro- Perücken mit Kolonialismus oder Sklaverei zu tun? Besitzen solche Acessoires, von weißen Europäern aus brauchtümlichem Anlass zur Schau getragen, diskriminierendes Potential? Sind sie Stereotype, und wenn ja, negative? Die Antwort: natürlich nicht. Sie gehören zu Zwarte Piet, einem traditionellen Protagonisten des überaus beliebten niederländischen Sinterklaas- Fests. “Sint” ist nicht weniger als der Freund und Liebling aller Kinder, und die “Pieten”, seine zahlreichen tollpatschigen Sidekicks, werden ebenso sehnlichst erwartet. Was also soll daran verkehrt sein?

Jahrelang waren solche Feststellungen ausreichend um die Kritik vereinzelter antirassistischer Aktivisten an der Figur des Zwarte Piet vom Tisch zu fegen. Ob ungläubig den Kopf schüttelnd, von müdem Lächeln begleitet oder genervt zwischen Pfeffernüssen und Kakao hervorgerülpst – mit dieser Reaktion war stets alles gesagt, was zu sagen war. Manche machten sich noch die Mühe zu beschwichtigen: “Es ist doch nur ein Kinderfest.” Anderen war selbst das zu viel. Premierminister Mark Rutte etwa verkündete in einem Anflug von Fatalismus: “Zwarte Piet ist nun mal schwarz. Da kann ich nichts dran ändern.”

Doch inzwischen beschäftigen Sinterklaas und Zwarte Piet die niederländische Justiz, ebenso wie ihr traditioneller Einzug Mitte November, bei dem auch am vegangenen Wochenende wieder Hunderttausende Menschen die Straßen säumten. Im Juli befand ein Gericht in Amsterdam, die letztjährige Veranstaltung in der Hauptstadt hätte nicht genehmigt werden dürfen. Grund:  die diskriminierende Darstellung des Piet sei verletztend. Im Berufungsverfahren kassierte das höchste Verwaltungsgericht in Den Haag nun das Urteil wieder ein. Stadtverwaltungen, so die Begründung, seien nicht befugt, über inhaltliche Apekte solcher Events  zu entscheiden.

Zwischen dem weggelachten Protest füherer Jahre und der hitzigen Debatte in diesem Herbst lag die Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen, die sich 2013 vor Ort mit dem Rassismus- Faktor des Zwarte Piet beschäftigte. Dass da eine supranationale Instanz von außen kam und sich das beliebteste Stückchen Brauchtum vornahm, das die Niederlande kennen, brachte das Fass zum Überlaufen (siehe Jungle World 44/2013). Das irrationale Gezeter ließ keinen Zweifel, dass ein empfindlicher Punkt berührt worden war: Tradition. Erinnerung an die Kindheit. Und zweifellos auch Identität, zumal in einer Gesellschaft, die aus ihrer turbulenten Immigrationsdebatte vor allem eine Lehre gezogen hat: dass man angeblich zu lange zu tolerant war.

Ein Produkt dieses Diskurses ist auch der abgrundtiefe Hass auf “politische Korrektheit”. Als nichts anderes nämlich nimmt es das Gros der weißen Mehrheitsbevölkerung wahr, wenn etwa die Intitiative “Kick Out Zwarte Piet” die Abschaffung der Figur fordert. Man sieht das als abstraktes Diktat von “Piet- Hassern”, die darauf aus seien, der Mehrheit den Spaß zu verderben. Ihr Protest gilt als realitätsferne Anstellerei, wenn nicht gar als Zumutung, da er das beanspruchte Definitionsmonopol relativiert. Die Empörung darüber beruht auf dem Konsens, das “Kinderfest” sei nicht rassistisch gemeint. Und auf der selbstverständlichen Annahme,  dass Traditionen mehr wiegen als, nun ja, politische Korrektheit.

Außerhalb dieser Lesart lebt es sich alles andere als ungefährlich: da gibt es den Anwalt Frank King, der die Kläger gegen den Sinterklaas- Einzug in Amsterdam juristisch beriet und sich nach Morddrohungen zurückzog. King, mit seinen Eltern einst aus der ehemaligen Kolonie Surinam in die Niederlande gezogen, bekam in einer Mail zu hören, man müsste ihn wie seine Vorfahren auf ein Sklavenschiff setzen. Für TV- und Radio- Präsentator Quinsy Gario, eins der Gesichter der überschaubaren Anti- Piet- Bewegung, gehören Morddrohungen schon zur Sinterklaas- Folklore. Der Social- Media- Shitstorm, der sich auch in diesem Jahr über ihn ergießt, wimmelt nur so von rassistischen Beleidigungen.

Jenseits von klebriger Sentimentalität und Drohgebärden jedoch zeichnet sich inzwischen ein Pfad ab, der, wie viele hoffen, aus dem ganzen Schlamassel herasführen könnte: zentraler Punkt ist die optische Veränderung von Piet, einhergehend mit seiner Umbenennung. In Schulen, Freizeitvereinen und Stadträten erwägt man seit Monaten, die Figur von ihren kolonialen Acessoires zu befreien. Man diskutiert Käsepieten, Honigwaffelpieten, bunte Pieten, weiße Pieten, Regenbogenpieten. Viele Politiker propagieren diesen Weg, und selbst die “Pietengilde”, leidenschaftliche Lobbyisten für den Erhalt des Sinterklaasfests, signalisieren ihr Einverständnis mit dieser Anpassung.

An der Basis aber löst dieser Ansatz einen Aufschrei und neue Unsicherheit aus. Ersteres erfuhr im Oktober die Supermarktkette Albert Heijn. Mit der Ankündigung die diesjährige Werbekampagne ohne Zwarte Piet zu halten, erntete sie wütende Reaktionen bis hin zum Boykottaufruf. Und was die Unsicherheit betrifft, verfolgten Hunderttausende vorige Woche gebannt das Sinterklaasjournaal, eine tägliche Spezialsendung zur niederländischen fünften Jahreszeit, zugleich Leitmedium und Zentralorgan des jährlichen Hype. Die zentrale Frage: welche Farben haben die “Pieten”?

Die Antwort ist ein Paradestück niederländischer Konsensdemokratie – Polderpiet, wenn man so will. Es begann mit schwarzen Helfern: “altmodisch gesellig”, so der von einem Schauspieler dargestellte Heilige, und ein lautes Aufatmen war im Land zu hören. Doch an den folgenden Abenden wurden nacheinander weiße und “Clown- Pieten” eingeführt. Was für ein Schachzug: populistisch angetäuscht, multikulturell vorbeigegangen! “Die Farbe von Piet ist nicht wichtig”, war die Botschaft dazu. Angesichts der edukativen Funktion der Sendung eine klare Ansage. Beinahe hätte man es geahnt: auch für das Sinterklaasjournal gab es als Folge einen Boykottaufruf beleidigter Traditionalisten.

Und wie das so geht in Phasen gesellschaftlicher Umbrüche: sicher ist plötzlich nichts und Niemand mehr, nicht einmal Sinterklaas selbst. So macht in diesen Tagen ein Aushilfsnikolaus aus Pijnacker Schlagzeilen. Als Begleitung beim feierlichen Einzug in dem Städtchen zwischen Rotterdam und Den Haag hatte er je einen blauen, einen grünen und einen lila Helfer auserkoren. Drei von 30, so das bescheidene Zugeständnis an den Diskurs – drei zu viel, so scheint es, denn der Mann, der die Feier in Pijnacker seit 20 Jahren organisiert, fand daraufhin ein anonymes Schreiben in seinem Briefkasten vor. Ein Messer verdiene er in seinen Rücken, der so schwach sei, dass er das ohnehin nicht mehr merke. Sinterklaas will an den bunten Helfern festhalten um nicht einzuknicken gegenüber “ein paar Idioten”. Danach aber überlegt er sein Ehrenamt an den Nagel zu hängen. “Der Spass ist ein bisschen vorbei.”

Erschienen in Jungle World, 27. November 2014

 

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