Zwischen Erdogan und Zwarte Piet

 

 

Migrantenpartei, Multikulti- Bewegung, Ankara- hörig? Die neue niederländische Partei “Denk” weckt Hoffnung und erntet Protest.

 

Kaffee, Kuchen und Zusehen, wie Geschichte geschrieben wird: so lautet das Rezept für einen gelungenen Sonntagnachmittag im Seniorenwohnheim am Brabantpark in Breda. Je häufiger die Streifenwagen vor dem Nachbarschaftszentrum gegenüber patrouillieren, desto mehr füllen sich die Balkone mit Anwohnern. Es ist kurz nach 16 Uhr, alle Besucher sind jetzt hineingegangen in den niedrigen grauen Backstein- Bau, wo an diesem 5. Juni 2016 die erste Abteilung einer neuen Partei aus der Taufe gehoben wird. Eine, die zur Zeit in aller Munde ist in den Niederlanden – und dann ausgerechnet hier, in einem etwas konturlosen Viertel am Rand des Zentrums von Breda.

 

“Beweging DENK” ist der offizielle Name der Partei, angetreten mit keinem geringeren Ziel als die gesellschaftlichen Gräben im flachen Polderland zu überwinden. Die “Wir- gegen- Sie- Stimmung”, die Kluft zwischen Bürgern und Politik, und die zwischen Alteingesessenen und Immigranten. Natürlich löst das Diskussionen aus in diesem Land, in dem Integration seit 15 Jahren ein neuralgischer Punkt im politischen Diskurs ist, an dem man sich leicht die Finger verbrennt. So wie Sylvana Simons. Die TV- Moderatorin, aus Surinam stammend, gab im Mai bekannt, für Denk zu kandidieren. Shitstorm ist gar kein Ausdruck für die rassistischen Dammbrüche in sozialen Medien.

 

“Ist Sylvana schon drin?”, fragt eine Frau um die 40 am frühen Nachmittag. Sie und ihr Mann, im verwaschenen T- Shirt einer Heavy Metal- Band, sind nurfür ein Foto mit dem prominentesten Denk- Mitglied gekommen. Natürlich liegt es an der Moderatorin, dass um dieses Gründungstreffen so ein Aufsehen entstand. Erst sollte es allen zugänglich sein, dann entschied man spontan, nur schriftlich angemeldete Personen einzulassen. Auch die Mehrzahl der Medien, darunter die taz, müssen sich mit einem Platz vor der Tür begnügen. Das selbsgefällige Auftreten des Denk- Personals gegenüber der Presse erinnert an die Partei, von der man sich absetzen will: die rechtspopulistische PVV von Geert Wilders.

 

Doch es ist auch Besorgnis, die vor Beginn für ernste Minen sorgt. Stand zuerst eine vereinzelte Streife auf dem fast leeren Parkplatz vor dem Nachbarschaftszentrum, fahren jetzt mehrere im Minutentakt durch die Gegend. Polizisten stehen an der Straßenecke, und ein Denk- Mitglied raunt im Vorbeigehen, es habe Hinweise in Social Media- Foren gegeben, irgendjemand führe irgendetwas im Schilde. Was genau? Er zuckt mit den Schultern.

 

Unterdessen strömen die Besucher nach drinnen. “Alle Niederländer” will Denk ansprechen, und tatsächlich kommen helle und dunkle, alte, junge, Frauen und Männer. Und ein Consultant Ende 50, der sich als “Hans” vorstellt und lachend betont, er sei ein “Brabanter Bauer”. Brabant heißt die Provinz, in der Breda liegt, und wo Hans wohnt, mit seiner Frau “aus dem karibischen Gebiet” und den Kindern, “die auch farbig sind”. Der Brabanter Bauer hat darum aus nächster Nähe mitbekommen, wie Menschen mit dunklerer Hautfarbe in den Niederlanden durchaus anders behandelt werden. Seine Konsequenz: “Ich will mitbauen an den neuen Niederlanden, mit verschiedenen Kulturen, die gleichwertig miteinander umgehen.”

 

Der Mann spricht mit ruhiger, entschiedener Stimme, und befindet sich, parteipolitisch gesehen, doch mitten im Epizentrum der niederländischen Integrationsdebatte. Solange er sich erinnern kann, geht seine Stimme an die Sozialdemokraten, aus deren Fraktion auch die beiden Denk- Gründer ausgeschlossen wurden (siehe Kasten). “Etwas anderes zu wählen, wäre ein großer Schritt für mich”, sagt er – und steht doch kurz davor. Der Umgang mit Diversität ist es, der ihn bei der Parteischon seit Jahren stört. “Sie sind zu weit mitgelaufen im Dämonisieren von Ausländern.”

 

Nicht von der Hand zu weisen ists, das die Sozialdemokraten in den Niederlanden der populistischen Versuchung nicht immer widerstehen konnten. Zu viele Wähler haben ihnen die Parteien von Pim Fortuyn und Geert Wilders abspenstig gemacht. Umfragen sehen letztere bei 37 der 150 Parlamentssitze, die Sozialdemokraten bekämen aktuell keine zehn mehr. Zugleich aber sind sie, wie in Deutschland, traditionell die Partei der Migranten. Zumal in den türkischen Gemeinschaften scheint sich das mit Denk zu ändern. Und auch der Brabanter Bauer Hans will nun Mitglied der Bewegung werden.

 

Ob Befürworter oder Gegner:mit ihrer Agenda hat Denk einen Nerv getroffen. Vor kurzem fragte Mitbegründer Tunahan Kuzu im Parlament eine Rassismus- Diskussion an. Was niemanden kalt lässt in diesem Land, in dem man sich seit Jahren verbissen um den rassistischen Gehalt der traditionellen Figur Zwarte Piet streitet, des beliebten Helfers von Sinterklaas. Und weil es für die Niederlande, wie sie finden, noch viel zu tun gibt bei der Gleichbehandlung ihrer Bürger, laufen auch drei Mädchen auf das unscheinbare Nachbarschaftszentrum zu. “Kein Unterschied zwischen Ali und Piet!”, so sollte es sein. “Aber wenn es um Bewerbungen geht, hat Piet doch bessere Chancen.”

 

Tuba Buyukcelik ist 17, und ihr Vater, der aus der Türkei stammt, ist Mitglied von Denk. “Es ist die einzige Partei, die ich wählen würde”, versichert sie. Sie setzen sich für Minderheiten ein, die sich sonst nicht vertreten fühlen.” Ihre Freundin Alana de Munnik, 18 und “Halbrussin”, nickt zustimmend. Was aber halten sie davon, dass die Partei die Verhaftung Ebru Ebru Umars in der Türkei verteidigte, eine niederländische Kolumnistin, die Erdogan auf Twitter den “megalomansten Diktator seit Gründung der Republik 1923” nannteund aus türkisch- niederländischen Kreisen hasserfüllte Reaktionen erntete?

 

“Wenn dir die Türkei nicht gefällt, fahr halt nicht hin”, antwortet Tuba Buyukcelik beiläufig. “Ebru Umar hat es provoziert.” Loubna Chettou, “Marokkanerin” und Dritte im Bunde, findet, man solle sich zuerst mit niederländischen Themen auseinandersetzen. Und überhaupt: “Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Hier darf man doch auch nicht den König beleidigen? Deswegen wurde doch neulich erst jemandverhaftet.” Womit sich die drei Freundinnen empfehlen.

 

Kurz bevor die Veranstaltung beginnt, fährt ein dunkler Mercedes auf dem Parklatz vor, der sogleich die Aufmerksamkeit des Sicherheits- Personals bekommt. Im Rückfenster hängen zwei Miniatur- Trikots von Feyenoord Rotterdam. Und spätestens seit den Protesten gegen die Flüchtlingsheime im letzten Herbst weiß man: wenn Feyenoordfans zu politischen Veranstaltungen kommen, wird es laut.

 

Heute allerdings ist der Nederlands Verbond, zu Jahresbeginn aus den Anti- Flüchtlingsprotesten entstanden,zum Diskutieren gekommen. 14 Mitglieder, meist männlich und kräftigig, steigen aus weiteren Autos. Sie tragen weiße Poloshirts mit dem Schriftzug der Gruppe.Was sie nach Breda führt? “Die Islamisierung, die immer schneller verläuft – und unsere Werte, die unter Beschuss liegen”, erklärt Adé Jansen, ein früherer Parlamentsmitarbeiter der Partei Pim Fortuyns, der betont, selbst aus einer indonesischen Familie zu stammen. “Wir haben uns angepasst und sind stolz darauf, Teil der niederländischen Kultur zu sein.”

 

Die ersten Wortgefechte entstehen, als der Nederlands Verbond sich nahe des Eingangs aufbaut und drei Fahnen präsentiert. Die erste zeigt den eigenen Schriftzug, auf der zweiten steht “Ich schäme mich nicht für Zwarte Piet”, die dritte gehört zur European Syriac Union, ein Zusammenschluss assyrischer Organisationen. Eine bemerkenswerte Melange. Wie, Meneer Jansen, geht das alles zusammen? Nun, sagt er, das habe mit den bedrohten Werten zu tun, als da wären: “Frauenrechte, Homorechte, Zwarte Piet, und die Lage der Assyrrer spielt eben auch eine Rolle.”

 

Längst sind die Türen des Nachbarschaftszentrums ins Schloss gefallen, als die Polizei die die Protestierenden wegschickt. Einer läuft noch zum Seniorenwohnheim und verteilt Flugblätter an ebenerdigen Balkonen, dann fahren sie wütend davon. Drinnen geht es zu diesem Zeitpunkt um Brückenbauen – allerdings ohne den Star des Nachmittags: Sylvana Simons ist krank geworden und hat ihren Besuch abgesagt.

 

 

Dissidenten der Diversität – Die “Bewegung Denk”

 

Rauswurf: 2014 wurden Tunahan Kuzu und Selcuk Öztürk aus der Fraktion der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid ausgeschlossen. Sie waren gegen die PvdA- Integrationspolitik, die türkische Organisationen wie Milli Görüs kritisch sieht. Im Parlament blieben sie als “Gruppe Kuzu/ Öztürk”.

 

Gründung: Anfang 2015 gründeten sie die “Bewegung DENK”. Sie sieht sich als Vertretung “aller Niederländer” ungeachtet der Herkunft und will Gruppendenken und Rechtsruck ein Bekenntnis zu Diversität und Gleichheit entgegensetzen. Denk hat gut 2000 Mitglieder.

 

Vorwurf: Kuzu und Öztürk lehnen die Anerkennung des armenischen Genozids strikt ab. Kritker sehen die Denk- Gründer als Sprachrohr Ankaras und in der Nähe türkisch- nationalistischer Organisationen.

 

 

Erschienen in taz, 8. Juni 2016

 

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>