Zwarte Piet bleibt in der Diskussion

Wer entscheidet, ob der Helfer des Nikolaus reine rassistische Figur ist? Das höchste niederländische Verwaltungsgericht vermeidet eine Aussage. Die Debatte geht unvermindert heftig weiter.

Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet:  ist “Zwarte Piet”, der umstrittene Gehilfe des “Sinterklaas”,  nun rassistisch ist oder nicht? Im Raum steht sie auch nach dem Ausspruch des Raad van State in Den Haag. Der Gerichtshof bestätigte am Mittwoch den Amsterdamer Bürgermeister, der 2013 den traditionellen Einzug des Sinterklaas genehmigt hatte, weil Standard- Kriterien der öffentlichen Ordnung und Sicherheit erfüllt waren. Das Gericht befand, es sei nicht Rolle des Bürgermeisters, zusätzlich zu beurteilen, ob von Zwarte Piet ein” diskriminierender Effekt” ausgehe.

Eine Gruppe von 20 Personen hatten gegen diese Genehmigung geklagt, weil der Charakter, der erstmals 1850 in einem Nikolaus- Buch des Lehrers Jan Schenkman auftauchte, fundamentale Freiheiten verletze. Merkmale des einfältig- fröhlichen Dieners des Sinterklaas sind Afro- Perücke, schwarze Schminke, goldene Ohrringe und wulstige rote Lippen. Ein Amsterdamer Gericht hatte den Klägern im Juli Recht gegeben und erklärt, das “negative Stereotyp” der  “negroiden” Figur diskriminiere dunkelhäutige Menschen.

Bürgermeister Eberhard van der Laan ging  dagegen in Berufung. Er ist der Meinung, dass die brauchtümliche Figur durchaus verändert werden könne, allerdings in gesellschaftlicher Debatte und nicht gerichtlich verfügt. Unterstützt wurde er von der “Pietengilde”, die mehr als 600 Personen vertritt, die sich zum Fest als “Piet” verkleiden und um den Fortbestand des Brauchs besorgt sind. Wegen großen gesellschaftlichen Interesses urteilte der Raad van State außergewöhnlich schnell verkündet.Besonders pikant: der nächste “Sint”- Einzug steht kurz bevor. Am Samstag werden Zehntausende Menschen beim zentralen Empfang in Gouda erwartet.

Wie immer fiebert man in den Niederlanden diesem Ereignis entgegen, und doch ist die Atmosphäre in diesen Herbst- Wochen ganz anders als sonst: eine auffällige Leere herrscht in den Schaufenstern, denn entgegen der Gewohnheit haben Geschäftsketten und Einzelhandel deutlich weniger Zwarte Piet- Figuren ausgestellt.  “Sie wollen erst das Urteil abwarten”, erklärte Marc Giling, Vorsitzender der “Pieten- Gilde”, zu Wochenbeginn.

Vielen dürfte das Beispiel des  Supermarkt- Giganten  Albert Heijn eine Warnung sein, der im Oktober verkündete, aus Rücksicht auf Gefühle der Kunden auf Zwarte Piet- Reklame zu verzichten. Piet- Kostüme und – Süßigkeiten sollten dagegen im Sortiment enthalten bleiben. Die Folge: wüste Boykottaufrufe in sozialen Medien. Hauptkonkurrent Jumbo indes setzt weiter auf Zwarte Piet. Dass das Urteil auch eine handfeste wirtschafliche Dimension hat, zeigt der jährliche Sinterklaas- Umsatz von 500 Milionen Euro. Eine durchschnittliche Familie lässt sich die Geschenke zu diesem Anlass 100 Euro kosten.

Das Zögern der Händler ist für Quinsy Gario ein deutliches Anzeichen, dass sich der Wind dreht. “Wenn die Geschäftswelt sagt, es ist vorbei, dann ist es hier auch vorbei”, analysiert der in Curacao geborene TV- und Radiopräsentator die niederländischen Prioritäten. Gario selbst wurde 2006 auf das Thema aufmerksam, als seine Mutter auf der Arbeit als “Zwarte Piet” bepöbelt wurde. Eine Diskriminations- Erfahrung, die sie mit zahlreichen dunkelhäutigen Bürgern teilt.

2011 wurde Gario zu einem der Protagonisten der Protestbewegung, als er mit einigen Mitstreitern zum Sinterklaas- Einzug T- Shirts mit dem Aufdruck “Zwarte Piet is racisme” trug. Als sie sich weigerten, diese auszuziehen, wurden sie verhaftet. Fernsehauftritte und sein juristisches Vorgehen haben Gario landesweit bekannt gemacht. Im letzten Herbst, als die Untersuchung durch die Vereinten Nationen die Debatte anheizte, wechsete er aus Sicherheitsgründen denWohnort. Auch dieses Jahr hagelt es in sozialen Medien Beleidigungen und Morddrohungen.

Woher die Heftigkeit kommt, ist rasch erklärt: ein Kommentar des Boulevardblatts Telegraaf schwärmte unlängst von “herrlicher Nostalgie durch den Geschmack von Pfeffernüssen und warmem Kakao”. Auch leuchtende Kinderaugen und das spannende Warten auf die Geschenke dienten als Argumente, “die Finger von der phantastischen Volkslegende zu lassen”.

Diese Argumentation ist der Schlüssel um zu begreifen, warum mehr als 80% der Niederländer Zwarte Piet als solchen erhalten wollen. “Es ist doch nur ein harmloses Kinderfest”, dieser Satz gehört nun fast schon zur alljährlichen Sinterklaas- Folklore. Und zudem, siehe oben, eine liebgewonnene Kindheitserinnerung, ein Stück Identität, das Umfragen zu Folge 90% der Teilnehmer an die eigenen Kinder weitergeben wollen. Marc Giling, der Vorsitzende der Pieten- Gilde, berichtet vom integrativen Charakter der Sinterklaasfeiern, wo Kinder aller Hautfarben und sozialen Hintergründe beschenkt werden.

Just an dieser Stelle tut sich ein Graben auf: dass all dieses Heimelige mit Kolonialismus und Sklaverei, womöglich gar mit der Rolle der niederländischen Ostindiengesellschaft zu tun haben könne, scheint der Mehrheit der Bevölkerung schlicht absurd. Was auch daran liegt, dass die Selbsteinschätzung als offene und toleranten Gesellschaft in den Niederlanden noch immer ein Automatismus ist – ganz so, als habe es all die heftigen Auseinandersetzung um die multikulturelle Gesellschaft nie gegeben.

Immerhin:  stets weniger wird das launige Argument bemüht, wonach Piet eben schwarz sei, weil er die Geschenke durch den Schornstein bringe. Doch noch immer können sich wenig Niederländer für Vorschläge erwärmen, Piet im Sinn lebendiger Tradition ein neues Äußeres zu verpassen. Bunte Pieten, Käsepieten, Honigwaffelpieten – die Ideen sind so lang wie unpopulär. Das heutige Urteil dürfte daran zunächst wenig ändern. Langfristig aber ist das Lamentieren in all seiner Heftigkeit auch ein Abgesang auf eine Tradition, die sich häutet.

Erschienen auf Zeit Online, 12. November 2014

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