Zeitung als App, Journalist als Marke

Die frühere Gratis – Tageszeitung De Pers kommt mit neuem Konzept zurück auf den Online- Markt.

Es war durchaus ein Verlust für den niederländischen Zeitungsmarkt, als das Dagblad De Pers vor einem Jahr sein Erscheinen einstellte. Anders als diverse boulevardeske Trash- Formate bewies die liberale Pers, dass “Gratis” und Qualität sich nicht ausschließen müssen. Gestützt auf einen Kreis ansprechender Autoren, kombinierte man einen unverbrauchten, frischen Stil mit inhaltlicher Präzision und analytischer Schärfe. Das alles richtete sich an ein urbanes Publikum, gebildet und durchaus Lifestyle – affin, das De Pers denn auch so manche Träne nachweinte.

 

Wieviel Marken – Potential in dem Konzept steckte, wird noch deutlicher, seit die Zeitung im Februar als De Nieuwe Pers mit einigem Tamtam aus dem Sarg stieg. An Bord hat sie alles, was die Vorgängerin ausmachte: eine geschliffene Schreibe, hintergründige Features, Platz für Kultur und Wirtschaft, und nicht zuletzt das eigene Profil. Nur, dass all diese Zutaten noch deutlicher zu Tage treten, denn De Nieuwe Pers liegt nicht am Bahnhof zum Mitnehmen, sondern im Apple Store zum Downloaden. Zunächst für iPhone und iPad konzipiert, soll sie bald ihre Windows- kompatible Entsprechung bekommen.

 

Das auffälligste Merkmal der selbstgelabelten “Zeitung von Morgen” aber ist das Bezahlmodell: De Nieuwe Pers ist, abgesehen von einem wechselnden Themenblog, einer Nachhaltigkeitsrubrik sowie einigen Kolumnen, nicht mehr gratis, sondern bietet ein bemerkensertes Abonemment – Konzept. Für 4,99 Euro im Monat bekommt man Zugang zum Gesamt – Angebot. Daneben preist sich De Nieuwe Pers als erste Zeitung der Welt, deren Leser Artikel bestimmter Autoren direkt abonnieren können, was monatlich 1,79 Euro kostet.

 

Just dies ist der eigentliche Clou des digitalen Neustarts der Pers: sie etabliert Journalisten, allesamt als Freelancer selbst für Inhalte und Anzahl ihrer Artikel verantwortlich, als Marke. Entsprechend ausgefeilt sind ihre Profile: unter den ursprünglich elf “Redakteuren” finden sich regionale Spezialisten und solche für Nachhaltigkeit, Wirtschaft und Finanzen oder Kultur. Ihre Artikel publizieren sie in sogenannten “Kanälen”, die auf der jeweils aktuellen Titelseite der App erscheinen und sich den Abonnenten ähnlich wie ein Tab öffnen.

 

Ob dieses Modell trägt, muss sich zeigen: die 20.000 Downloads allein am ersten Tag ließen den Server zwischenzeitlich crashen. Dass nach einer Woche gut 1.000 Abonemments abgeschlossen waren, illustriert das zu erwartende Gefälle zwischen Gratis- und Bezahlteilen des Konzepts. Dennoch waren die Macher mit dem Start ziemlich zufrieden. Im ersten Jahr peilen sie 2.000 Abos an, um das Projekt, das mit 24.000 mittels Crowdfunding arrangierten Euros an den Start ging, am Leben zu halten.

 

Beitragen soll dazu die schrittweise Aufstockung der Journalisten auf ungefähr 50. Noch im Februar kamen die ersten drei Neuen hinzu. Als dickster Fisch im Pers – Teich dürfte sich im Frühjahr allerdings ein alter Haudegen entpuppen. Der renommierte Kriegsberichterstatter und Investigativjournalist Arnold Karskens will die niederländische Thronübergabe Ende April auf seine eigene Weise vorbereiten: mit einer Recherche über die Rolle des Vaters der neuen Königin Maxima, Jorge Zorreguieta, in der argentinischen Militärdiktatur. Schon deshalb wird man von De Nieuwe Pers bald noch mehr hören.

 

Erschienen in WOZ, 21. März 2013

 

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