Wo der Winter zum Sommer wird

Zehn Tage lang ist kleines Städtchen der Nabel der Country- Welt wird: zu Besuch beim größten Rodeo- Festival Lateinamerikas.

Peitschenschwingend rasen drei Reiter durch die Arena, mitten auf die Horde schwarzer Rinder zu. In voller Fahrt machen sie kehrt, jeder setzt hinter einem der Tiere an, und dieser Wind, von dem noch die Rede sein wird, fegt zweien von ihnen die Hüte vom Kopf. Unbeeindruckt geht die Jagd weiter. Die Stimme des Stadionsprechers überschlägt sich im Galopp, während die Rinder noch zu entkommen versuchen, schließlich aber in das bereitstehende Gatter gedrängt werden. Ein Blick auf die Anzeigentafel: rund 20 Sekunden hat das Ganze gedauert, eine gute Zeit. Die Reiter klatschen sich ab. Dann traben sie durch den rötlichen Sand, ihre Hüte aufzusammeln.

 

Willkommen bei der “festa do peão”, einem zehntägigen Festival, das allem ein Denkmal setzt, was das Landleben der Sertaneja, jener trockenen Region im Inneren Brasiliens, ausmacht: Reiten, Grillen, sehr viel und sehr kaltes Bier, Countrymusik, Rodeo und natürlich der just beschriebene “Working Penning”- Wettstreit, wobei einzelne Tiere aus einer Herde eingefangen werden. Mit einer Million Besucher ist es das größte Festival seiner Art in Lateinamerika. Und es ist der einzige Grund, warum Barretos, ein gänzlich unspektakuläres Städtchen von gut 100.000 Einwohnern, weit im heißen Nordwesten des Bundesstaats São Paulo gelegen, im ganzen Land bekannt ist.

 

Zur Feier dieser Tage gibt es hier noch weit mehr SUVs und “Picapes” (Pick Ups) als ohnehin schon. Beim Festivalgelände draußen vor der Stadt wimmelt es geradezu von ihnen. Doch selbst die ausladendsten Landfahrzeuge wirken winzig angesichts dieser monumentalen Statue, die sich wie ein Schutzpatron hoch über das Treiben erhebt. Der Koloss von Barretos ist rund 20 Meter hoch, ein Cowboy aus grauem Stein mit entschlossenem Blick. Er trägt Zaumzeug und Sattel in den gewaltigen Pranken, Karo- Weste und natürlich einen breit bekrempten Hut.

 

Hüte, wohin man blickt, bestimmen allabendlich auch das Bild in der riesigen Arena, in die 45.000 Zuschauer passen. Die Männer, Frauen und Kinder, die sie tragen, sitzen auf den113 steilen, grau gestrichenen Stufen. Beständig wuseln mobile Händler zwischen ihnen hindurch, Mais, Churros und Popcorn auf Tabletten balancierend. Andere tragen Kühlboxen, in denen sich vor allem Bierdosen befinden. Entlang des oberen Rings der Arena ziehen sich 20 weitere cervejarias, Stände, an denen Besucher aus Übersee erfahren können, warum Brasilianer europäisches Bier oft zu warm finden. 1.400 Dosen verkauft er in einer Nacht, sagt ein Händler. Und andere Getränke? “Viel weniger.”

 

Keine Frage, die festa do peão ist laut. Ihre Markenzeichen sind Reit- und Rodeowettkämpfe, von tiefergelegtem Hardrock, Kirmesbeats und einem aufgekratzten Moderator begleitet, dazu mehrere Großbühnen, auf denen die Stars der immer populäreren Sertaneja- Countrymusik auftreten. Auf dem Parkplatz dahinter sieht man die Nightliner und Equipment- Trucks beliebter Schnulzenbarden wie Thaeme & Thiago oder Marquinho Guerra. Für pompöse Shows solcher Dimensionen ist das Festival längst berühmt.

 

Doch das ist nicht alles. Wenn die Dämmerung über das Gelände fällt, erklingen in einem lauschigen Pavillon nahe der Arena viel leisere Töne. Gewidmet ist er den raizas sertanejas, den Wurzeln der Musik der Farmarbeiter. Das Publikum sitzt auf Parkbänken unter Bäumen, und auf der kleinen Bühne sieht man den Poeten Jota Carvalho, der ein Gedicht über das Leben auf dem Land vorträgt, oder den Musiker Jamair Violeira, einen Lokalmatador aus Barretos von Mitte 60, der schon “um die 30 Mal” auf dem Festival auftrat. “Eine Umarmung”, begrüßt er die Zuhörer, bevor er sentimentale Lieder über die Eltern anstimmt, seinen Bruder und eine Frau namens “Blume der Nacht”. Das Publikum singt mit, teils mit verklärtem Blick. Keine Frage, hier liegen die Wurzeln der festa.

 

Nicht nur die älteren Besucher spricht das an. Einen Abend später steht ein Paar vor den Souvenirläden beim Eingang, in denen sich Sättel und Zaumzeug, Stiefel und Kuhhörner türmen. Zufrieden beäugt Vanessa Santos ihren Freund Eduardo Medeiros, der einen schwarzen Cowboy- Hut erstanden hat. Vanessa ist Ende 20 und Marketing- Lehrerin, Eduardo ein Bankangestellter von Mitte 30. Sie wohnen in São Paulo. “Ich bin aber im interior geboren”, betont Eduardo, “und mit der Kultur aufgewachsen.” Fazit: man bekommt ein Landei in die Mega- Metropole, aber die Sertaneja nicht aus dem Banker.

 

Seine Freundin, die schon immer in der Stadt wohnte, hat einen hintergründigen Blick auf die Materie. “Sertaneja hat sich verändert. Früher fanden das nur Ältere gut. Meine Eltern mochten das. Aber seit 20 Jahren sind auch Junge dabei, der Stil hat sich verändert.” Gemeinsam besuchen Vanessa und Eduardo jedes Jahr einige solcher Festivals. In Barretos sind sie zum ersten Mal. “Es ist am größten, und am besten organisiert”, sagt Vanessa. “Und das teuerste”, lacht Eduardo, bevor sie sich in Richtung Arena aufmachen.

 

Wie aber ist die festa do peão überhaupt so groß geworden? Was steckt hinter diesem Mega- Event im Zeichen von Lasso, Hut und Grill? Niemand kann das besser erklären als Hussein Gemha Júnior, 57, der Präsident der Vereinigung “Os Independentes”. Zwei Wochen vor Beginn des Fstivals sitzt er in seinem Büro auf dem Gelände, wo überall geputzt und letzte Handgriffe erledigt werden. Zweimal zuvor hatte er diese Funktion schon inne. Vor über 30 Jahren trat er den Independentes bei, familiär vorbelastet, denn drei seiner Onkel gehörten zur Gründer- Generation, die 1962 die festa aus der Taufe hoben.

 

Einerseits, sagt der Präsident, sei da die Struktur einer “sehr ernsthaften Vereinigung”. Genau 100 Mitglieder zählen die Independentes, die 1955 an einem Bar- Tisch in Barretos entstanden. Neue können nur nach fünfjährigem Status als Aspirant und dem Tod eines alten eintreten. Vom Junggesellen- Kriterium für Mitglieder hat man sich inzwischen verabschiedet. Weiterhin aber müssen diese älter als 21 sein und finanziell unabhängig, denn Gewinn will man mit dem Festival nicht machen. “Alles wird in den Park investiert”, so der Präsident. “Unsere festen Funktionäre sind das ganze Jahr über mit der Vorbereitung beschäftigt.”

 

Was man sieht, nicht nur in den schieren Ausmaßen dieses Parks von zwei Millionen Quadratmetern, wohin die festa, die zuvor im Zentrum stattfand, in den 1980ern umzog. Auch die gepflegten Straßen fallen ins Auge, in besserem Zustand als so manche im Städtchen, der reichhaltige Blumenschmuck, allenthalben aufgestellte Sitzbänken und klimatisierte Toilettenhäuschen. Hussein Gemha Júnior war in den 1980ern auch an zwei Neuerungen beteiligt, die das Gesicht des Festivals prägten: “Wir eröffneten einen Campingplatz und machten aus einem viertägigen Event eines von zehn Tagen.”

 

Allem Wachstum zum Trotz bleibt die festa tief verwurzelt in der lokalen Kultur. “Der kalte Wind schlägt mir ins Gesicht und sagt mir, dass es August ist”, dieses Lied singen die Grundschulkinder in Barretos noch heute, auf den Monat verweisend, in dem das Rodeo- Event stattfindet. Was amüsant anmutet, denn an den meisten Tagen des Jahres liegt über dem Städtchen mit seinen bunten Häusern und Bananenstauden eine Hitze, die sich am besten im Schatten der Jambo- Bäume am Straßenrand aushalten lässt. Doch es gibt ihn tatsächlich, den kalten August- Wind, wenn die Temperaturen auf empfindliche 15 Grad sinken können. Das populäre Lied freilich hält dagegen: “Die Umarmung von Barretos macht aus dem Winter einen Sommer.”

 

Und so pilgert alles, was kann, ab dem Nachmittag hinaus zum Park. Samstagsabends gleicht der Eingang einem Bienenkorb: mit Reise- und Linienbussen, Privatautos und Taxis kommen die Besucher an, manche auch zu Rad, zu Pferd oder laufend. Einem Ritual gleich steigen die meisten die paar Stufen auf den begrasten Hügel, um sich vor dem Festival- Logo fotografieren zu lassen. Dann geht es hinein in den Trubel, wo die Restaurants schon Plastikstühle und -Tische bereitstehen haben und es überall nach Grill riecht. 500 Essen verkauft sie an einem Wochenend- Abend, sagt die Verkäuferin an einem Imbiss- Stand. Einem von 40.

 

Wenn der Hunger gestillt ist, beginnt in de Arena die richtige Show: das Licht geht aus, bis auf ein paar Scheinwerfer. Auf dem Sandboden werden mit Spiritus drei Linien markiert und kurz darauf in Brand gesetzt. Dann schwenken die Scheinwerfer auf 30 Männer mit Hüten, die jetzt die Arena betreten. Ihre Silhouetten erinnern an Galgenvögel aus einem Western: die Rodeo- Reiter des Abends. In zwei Reihen stellen sie sich entlang der Linien auf. Der Moderator sprich ein Gebet und beendet es mit: “Von nun an sind wir alle zusammen in der Hand Gottes.” Es folgt die Hymne im Country- Stil. Die Reiter nehmen Haltung an und die Hüte ab.

 

Ein Tritt in die Seite befördert den Stier aus der engen, von weißen Gittern umrandeten Box. Er springt in die Arena, bäumt sich auf, und der Reiter auf seinem Rücken schnellt in stakkato- artigen Bewegungen nach oben und unten, während der Stier in Rage die Hinterbeine in die Luft wirft. Jeder Reiter, der sich länger als ein paar Sekunden halten kann, wird frenetisch bejubelt, bevor er schließlich im roten Sand landet. Ab und an ist ein Stier besonders renitent und erkundet danach noch ein wenig die Umgebung. Was das Signal zur Verfolgung für drei lassoschwingende Reiter ist, die ihn mit einem gekonnten Wurf einfangen und noch ein paar Ehrendrunden drehen.

 

Die Nacht in Barretos wird lang. Selbst als Toreros und Stiere die Arena längst verlassen haben und auf den Bühnen die Lichter ausgegangen sind, wird entlang der Straße, die zurück ins Zentrum führt, munter weitergefeiert. Mehr als ein picape mit Soundsystem und ein paar Drinks braucht es dafür nicht. Der frische August- Wind trägt die Musikfetzen in die letzten Winkel der kleinen Cowboy- Stadt. Und über allem wacht, draußen in der Pampa, der Koloss von Barretos.

 

 

Erschienen in taz, 4. November 2017

 

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