Wie hältst du es mit der Evolution?

Jüdische Schulen in Antwerpen sollen Hand an den Lehrplan gelegt haben. Die folgende Diskussion zeigt, dass es für den Tatbestand der Zensur durchaus verschiedene Kriterien gibt.

Es kommt nicht oft vor, dass die jüdischen Gemeinschaften Antwerpens auf der Titelseite einer belgischen Zeitung landen. Im Stadtbild auffällig, leben sie gleichsam zurück gezogen in wenigen zentrumnahen Vierteln der Metropole. Umso mehr Wellen schlug es, als die regionale Tageszeitung Gazet van Antwerpen Ende Oktober wie folgt aufmachte: “Extreme Zensur in jüdischen Schulen.” Die Vorwürfe: in Lehrbüchern würden missliebige Details von Zeichnungen mit schwarzem Stift unkenntlich gemacht, so z. B. nackte Frauenarme, ein Bauchnabel oder zwei Menschen, die sich auf die Wange küssten. Zudem würde die Evolutionstheorie aus den Büchern entfernt. Nicht allein in privaten, sondern auch in Schulen mit staatlichen Zuschüssen greife die Direktion zur Freiwilligen Selbstkontrolle.

Damit war der Startschuss gegeben: kaum eine Zeitung im flämischen Landesteil, die seither nicht darüber berichtete. Zumal die Gazet van Antwerpen Anfang November nachlegte und drei Lehrer der staatlich subventionierten Jesode Hatorah- Schule als – anonyme- Kronzeugen präsentierte. Diese nannten die Zustände “schlimmer als je zuvor” und erzählten, die Schule habe auch Ausflüge oder Reisen in europäische Städte vom Programm gestrichen, um die Kinder dort nicht mit dem anderen Geschlecht und nackten Körpern oder Kirchen in Museen zu konfrontieren. “Durch die Zensur”, so eine Lehrkraft, “werden die Kinder in ihren Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder der Universität beschränkt”.

Jüdische Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Den Anfang machte bereits nach dem ersten Artikel Michael Freilich, Chefredakteur der in Antwerpen ansässigen Zeitschrift Joods Actueel. In einer Stellungnahme berichtet er von Schulausflügen seines fünfjährigen Sohns an die Nordsee und in ein katholisches Krankenhaus – “mit großem Kreuz an der Wand”. Zwar fielen bisweilen “Passagen” aus Büchern der internen Schere zum Opfer, der Lehrplan aber werde in staatlich bezuschussten jüdischen Schulen “vollständig gegeben”, zumal seit einem Abkommen zwischen Schulen und Aufsichtsbehörde des flämischen Bildungsministeriums. Demnach würden sowohl Evolutionslehre als auch Sexualkunde unterrichtet – “durch eine jüdische Lehrkraft im Rahmen der Lebenswelt der Kinder”. Ein Fortschritt, bilanziert Freilich, in dessen eigener Schulzeit vor 15 Jahren solch “heikle Themen” nicht zur Sprache kamen.

Unterstützung bekam er aus berufenem Mund: der großen Mehrheit jüdischer Schulen sei nichts vor zu werfen, befand der Lehrer Paul van Suetendael, der seit fast 30 Jahren am Tachkemoni Atheneum Antwerpen unterrichtet. In einer Zuschrift an Joods Actueel nuanciert er, nur einige “ultra- orthodoxe” Institutionen wendeten “diese strenge Zensur” an. An seiner Schule dagegen habe er “nie irgendeine Form von Zensur erfahren”. Vielmehr unterhalte sie ein Austauschprojekt mit einer nicht- jüdischen Schule oder habe den Autor Herman Brusselmans (der sich bevorzugt über Sex und Alkoholexzesse auslässt, T.M.) eingeladen. Getrennten und bedeckten Schwimmunterricht indes gebe es bei gläubigen Muslimen auch.

Beide Reaktionen zeigen, dass der Tatbestand der Zensur durchaus im Auge des Betrachters liegt – ebenso wie die Kosten- Nutzen- Rechnung, in deren Kontext das Thema offenbar zu lesen ist. Wenn Wim van Rooy, früher Direktor zweier jüdischer Schulen in Antwerpen, von einem Messer spricht, “das an zwei Seiten schneidet”, meint er damit, dass die jüdische Gemeinschaft Kinder gegen die “Pornofizierung der Gesellschaft, Drogen und Gewalt” beschütze, damit aber ihre Möglichkeiten keineswegs beschränke. Übervorsichtigen Umgang mit dem Nachwuchs räumt van Rooy ein. Andererseits habe er noch nie eine gewaltsame Situation an jüdischen Schulen erlebt. Dass diese neben der Evolutionstheorie “exakt nach Lehrplan” auch dem Kreationismus Platz gewähren, erscheint dem “überzeugten Atheisten” van Rooy nicht als Problem. Seine Folgerung ist so bitter wie hochaktuell: “Es scheint, als müssten Antwerpens Juden es ausbaden, dass das multikulturelle Projekt in Europa gescheitert ist.”

Differenziert fiel der Kommentar des zuständigen Unterrichtsministers der Region Flandern, Pascal Smet, aus. Während er durchgestrichene oder übermalte Arme akzeptabel findet, hält er es für einen “schweren Übergriff”, wenn eine subventionierte Schule die Evolutionstheorie aus den Büchern entferne. Ignoriert eine solche Einrichtung eventuelle Beanstandungen der Kontrollbehörde, kann sie Zuschüsse und Anerkennung verlieren.

Vorwürfe, die jüdischen Schulen würden kaum kontrolliert, weist das Ministerium zurück . Erst vor gut fünf Jahren wurden drei von ihnen geschlossen, und bei der letzten Kontrolle gab es bei rund der Hälfte Beanstandungen. Welcher Art diese waren, wollte Jeroen Janssens, der Sprecher des Ministeriums, gegenüber der Jüdischen Allgemeinen nicht sagen. Ursache einer Beschwerde könne aber schon eine nicht funktionierende Toilette sein. Auf Distanz geht man auch zur schwersten aller Anschuldigungen: ein positiver Bescheid der Kontrollbehörde soll käuflich sein. Dies behauptete zumindest eine der drei anonymen Lehrkräfte der Jesode Hatorah- Schule, die aussagte, dazu würden “die richtigen Verbindungen an die richtigen Stellen” benötigt. Peter Michiels, Generalinspektor der Schulbehörde, versichert dagegen, die Kontrollteams bestünden aus mehreren Personen in wechselnder Zusammenstellung. Die Kriterien seien zudem für alle Schule die Gleichen.

In der hitzigen Diskussion der letzten Wochen wurde nicht zuletzt eines klar: die hier verhandelten Themen sind längst nicht nur jüdische. Während einer spontanen Diskussion im flämischen Parlament wies die Sozialdemokratin Kathleen Deckx darauf hin, die Evolutionstheorie werde “auch von einigen evangelischen Schulen im Antwerpener Raum” abgestritten. Für Lehrer van Suetendael indes ist die Zensur der Shoa im muslimischen Geschichtsunterricht “das viel größere Problem”.

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 2. Dezember 2010

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