Wie ein Meister der Malerei

 

Von der vermeintlichen Fehlbesetzung zum Heilsbringer: der neue Chef auf der Dortmunder Bank hat einen rasanten Aufstieg hinter sich.

 

Am Freitag wurde es heiß um die Personalie Peter Bosz. Die Anzeichen für einen Wechsel des Ajax – Trainers nach Dortmund, schon ein paar Tage als Option in der Gerüchteküche routierend, verdichteten sich, und so wurde sein Name in den Niederlanden zum Leading Topic auf Twitter. Wobei man sich allenthalben wünschte, das Ganze würde sich alsbald als leeres Gerede herausstellen. Mit dem verlorenen Europa – League – Finale kann man bei Ajax Amsterdam leben. Ein Abgang von Bosz dagegen droht dem gefeierten Aufschwung das Fundament zu entziehen. Nicht weniger hat er geschafft, als Ajax, dieser in Selbstzweifeln versunkenen Legende, neues Leben einzuhauchen.

 

Wenn Bosz, 53, in der kurzen Sommerpause irgendwann Muße findet, wird er sich wohl auch wundern, was dieses eine Jahr in Amsterdam aus ihm gemacht hat. Soeben hat er die Rinus – Michels – Trophäe als bester Trainer der Ehrendivison gewonnen. Doch als er im Frühsommer 2016 als neuer Coach angekündigt wurde, schlugen ihm jede Menge Zweifel entgegen. Vor allem den eklatante Mangel an rot – weißem Stallgeruch legte man ihm als Nachteil aus, der als Trainer erst mit dem Underdog Almelo von sich reden machte und anschließend beim aufstrebenden Vitesse Arnhem den vermeintlich attraktivsten Stil der Ehrendivison spielen ließ.

 

Auch als Spieler hatte Peter Bosz mit Ajax nichts zu tun: im Gegenteil, er wurde in den 1990ern mit Feyenoord Rotterdam Meister und dreimal Pokalsieger. Weiterhin stehen ein dreijähriges Engagement bei Sporting Toulon (damals Ligue 1) zu Buche sowie kurze Episoden bei JEF United Ichihara in Japan sowie Hansa Rostock. Achtmal wurde Mittelfeldspieler Bosz, der damals eine bis in den Nacken kräuselnde dunkle Lockenpracht trug, zudem ins niederländische Nationalteam gerufen.

 

Zweifellos eine ganz ordentliche Vita, aber: wie sollte man damit Frank de Boer, einem dieser Ajax – Alphatiere nachfolgen, der den Club vier Mal hintereinander zur Meisterschaft geführt hatte? Die Leser des Telegraaf, des niederländischen Pendants zur Bild – Zeitung, waren sich sicher: fast 60 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage befanden von einem Jahr, dieser Mann sei “nicht der ideale Ajax – Trainer”. Was auch seltsam erschien: zwischen Arnheim und Amsterdam hatte Bosz ein halbes Jahr lang Maccabi Tel Aviv gecoacht.

 

Just in seiner Zeit beim israelischen Schwergewicht aber deutete sich an, dass da zwischen ihm und Ajax etwas entstehen könnte: angestellt wurde Bosz nämlich von Sportdirektor Jordi Cruyff. Dieser erhielt bis kurz vor dessen Tod im März 2016 regelmäßig Besuch von seinem Vater Johan. Die Fotos von Peter Bosz mit den beiden Cruyffs in angeregter Fachdiskussion erreichten in den Niederlanden einige Bekanntheit. Visuell verringerten sie womöglich den Abstand, der für viele damals zwischen Bosz und Amsterdam lag.

 

Inhaltlich sorgte dafür eine Anekdote: in seiner Zeit bei Feyenoord schaute Bosz aus seinem Auto heraus gelegentlich beim Training von Ajax unter Louis van Gaal zu. Dass er sich vom dortigen Fußball – Konzept angezogen fühlte, daraus machte Peter Bosz noch nie einen Hehl. Umgekehrt wusste Direktor Edwin van der Sar vor Jahresfrist sehr gut, wen man verpflichtet hatte: “Einen Trainer, der unsere talentreiche Auswahl noch besser machen kann. Die Clubs, die er trainierte, spielten unter ihm alle technischen und offensiven Fußball.”

 

Was sämtliche Weggefährten Peter Bosz bestätigen, ist die ausgesprochene Leidenschaft für seinen Sport. Diese hat sich mit der Zeit insofern noch weiter entwickelt, als dass er mit seiner aktiven Laufbahn nur bedingt zufrieden ist. “Als Spieler fühlte ich, dass ich nie richtig gut sein würde. Als Trainer will ich zeigen, dass ich doch zu den Besten gehören kann”, so erklärte er vor seinem Start in Amsterdam in einem Youtube – Interview.

 

Geführt wurde dieses übrigens von seiner vloggenden Teenager – Nichte Joy: ein bemerkenswert intimes Gespräch, in dem sich beide über ihre gemeinsame Vorliebe für Vanille – Eis amüsieren – und der sonst so freundliche Onkel Peter erklärt, wieso er im TV oft streng wirkt. “Das kommt, weil ich sehr konzentriert bin. Dann ziehen sich meine Augenbrauen zusammen und dann steht dort ein missmutiger Kerl. Aber zum Glück weißt du, dass das nicht so ist.”

 

In Dortmund kann man sich zu dieser Verpflichtung zweifellos gratulieren – zumal Peter Bosz kürzlich noch bestätigte, auch in der kommenden Saison Trainer von Ajax zu sein. “Bei meinen früheren Clubs hatte ich Ausstiegs – Klauseln in meinem Vertrag, bei Ajax nicht. Das sagt einiges aus.” Vor seinem Einstieg in der Hauptstadt hatte er noch von der “Chance seines Lebens Ajax zu trainieren” gesprochen.

 

Deutlich dürfte den BVB – Verantwortlichen sein, dass es bei ihrem neuen Coach immer um einen Langzeit – Aspekt geht. Sein alter Freund Ted van Leeuwen, Technischer Direktor bei Esbjerg FB, erklärt das so. “Ein Club, der sich für Bosz entscheidet, entscheidet sich für einen Reifungsprozess. Man muss Geduld haben. Du hörst Peter nie sagen: wir müssen gewinnen. Stattdessen kommt er mit Lösungen. Wie kann ich dem Gegner wehtun? Wo sind die schwachen Punkte? Es geht um die Spielweise. Dann kommt das Ergebnis von selbst, genau wie bei den Meistern der Malerei.”

 

In Amsterdam war es längst nicht sicher, ob man die nötige Geduld aufbrächte. Während Bosz das Team auseinandernahm und, den Kader als Baukasten begreifend, neu zusammenschraubte, ging der Saisonbeginn in der Ehrendivison den Bach hinunter. Zudem warf ein russischer Nobody namens FC Rostow Ajax hochkant aus der Qualifikation zur Champions League. Der Coach, der inzwischen den Club und seine Anhänger mit sich selbst versöhnt hat, saß noch zur Jahreswende alles andere als fest im Sattel. Genau darauf nahm ein Twitter – User namens Ricardo Walinski kurz vor Bekanntwerden des Wechsels Bezug: “Schon schön, dass alle die Bosz im Januar noch am liebsten hätten verschwinden sehen, nun völlig in Panik sind.”

 

Am Ende bleibt in Amsterdam Zynismus. Ein weiterer Tweet spielt darauf an, dass der im Schnelltempo in den Himmel gehobene Coach, der mit Ajax in der Ehrendivison knapp hinter Feyenoord Rotterdam landete, immerhin noch nie einen Titel gewann. “Idealer Club für Peter Bosz. Mit Dortmund wird er leicht auch Zweiter und nie Erster.”

 

 

Erschienen auf Zeit Online, 6. Juni 2017

 

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