Wie der Bann in den Wahlkampf kam

Ein jüdischer Kandidat macht auf der Wahlliste der Wilders- Partei PVV von sich reden. Nicht nur, weil er als Neuling sicher ins Parlament einziehen wird. Es geht auch um einen eigenwilligen Versuch, “Verräter” aus der jüdischen Gemeinde Amsterdams zu halten. Bis vor kurzem war Gidi Markuszower, Mitglied im Rat der Nederlands- Israëlitische Hoofdsynagoge (NIHS) Amsterdams, in der politischen Landschaft der Niederlande ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Doch das hat sich schlagartig geändert: als die rechte Partij voor de Vrijheid (PVV) letzte Woche ihre Kandidatenliste für die vorgezogenen Parlamentswahlen im Juni veröffentlichte, stand der 32jährige Jurist und Unternehmer als Neuling gleich auf dem fünften Platz. Der Einzug ins Parlament ist ihm damit so gut wie sicher. Und die erstaunten Medien fragten sich, wer denn nun dieser Aufsteiger sei.

Lange dauerte das Rätseln nicht an. Wenige Tage später war Markuszower bereits der schlagzeilenträchtigste Kandidat der PVV, an deren Spitze immerhin der umstrittene Anti- Islam- Politiker Geert Wilders steht. Verantwortlich dafür ist ein Antrag, den er Ende März beim Synagogenrat einreichte: Darin fordert er, Gemeindemitglieder, die den Goldstone- Bericht der Vereinten Nationen verteidigen, mit einem lebenslänglichen Bann zu belegen. Der Bericht wirft sowohl Israel als auch der Hamas Verstöße gegen das Kriegsvölkerrecht während des Gasakriegs 2009 vor. Laut Markuszower, in der Vergangenheit Sprecher der niederländischen Likud- Abteilung, gefährde der Bericht “des südafrikanischen feigen und gefährlichen Juden Goldstone” das Fortbestehen Israels. Juden, die das Dokument nicht verurteilten, seien “Verräter in unserer Mitte”.

Der vorgeschlagene Cherem beinhaltet neben der Verbannung aus der Synagoge auch ein Verbot, auf jüdischen Friedhöfen begraben zu werden. Zudem dürfen Gemeindemitglieder Ausgestoßene nicht grüßen. In einer e- Mail, die der Tageszeitung De Pers vorliegt, erläuterte Markuszower: „Im alten Polen (wo meine Wurzeln liegen), wussten wir Rat mit solchen verächtlichen Jüdchen. Die wurden einfach aus der Synagoge gesetzt und aus dem Schtetl geworfen, bestenfalls. Im schlimmsten Fall wurden diese in den kalten Wäldern Osteuropas zurück gelassen und nie mehr wieder gefunden.” Weiterhin bedauert Markuszower, dass diese Praxis in Westeuropa nicht mehr bestünde.

Die Verbannung ist im niederländischen Judentum seit Jahrhunderten nicht mehr gebräuchlich. Einer der letzten Betroffenen war der Philosoph Baruch Spinoza, der 1656 wegen “abscheulicher Ketzereien” verstoßen wurde. Der Rat der Amsterdamer Gemeinde hat über Markuszowers Vorschlag noch nicht abgestimmt. Der Jungpolitiker selbst wird an der Entscheidung aber nicht mehr mitwirken: nach der heftigen Kritik der letzten Woche trat er aus dem Gremium aus. Die Leitung der NIHS distanzierte sich in einem Pressebericht “von jeder Auffassung, die nicht durch die formelle Vertretung (Verwaltung und Direktion) verkündigt wird”. Direktor Benno van Praag erklärte auf Anfrage, die Gemeinde sehe von jeder weiteren Stellungnahme ab.

In der PVV liegt Markuszower indes auf Kurs – zumindest mit seiner Ablehnung des Goldstone- Berichts. Die PVV- Galionsfigur Geert Wilders hat nach einem Kibbuz- Aufenthalt als junger Mann und Dutzenden weiteren Besuchen nicht nur eine enge persönliche Bindung zu Israel. Auch politisch verteidigt er die “Oase von Demokratie und westlichen Werten im Mittleren Osten” als Bollwerk gegen die Islamisierung. Auch der PVV- Abgeordnete Raymond de Roon findet, man müsse den Goldstone- Bericht “einfach in den Mülleimer schmeißen”. Auf Platz 24 der aktuellen Kandidatenliste findet sich mit dem Publizist Wim Kortenoeven auch ein Vertreter des Informations- und Dokumentationszentrum Israel (CIDI).

Im Gerede ist Gidi Markuszower übrigens noch wegen einer anderen Geschichte: wie die Zeitschrift Vrij Nederland meldete, war er 2008 bei der Feier zum 60jährigen Bestehen Israels in Amsterdam kurzfristig festgenommen worden, weil er als Bewacher unerlaubter weise eine Pistole getragen hatte. Nach eigener Auskunft besaß er damals zwar einen Waffenschein, der allerdings nicht den Transport der Waffe beinhaltete. Der Verstoß sei daher vergleichbar mit “einem Verkehrsdelikt”.

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 22. April 2010

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