Wer ist der Grösste unter den Kleinen?

Ein Besuch bei den Games of the Small States of Europe in Luxemburg

Mit der Sportart nehmen die Fans es heute nicht so genau. “Everybody’s Kung Fu Fighting” schallt es von der Tribüne. Während die Judokas zum Frauenfinale einlaufen, imitieren sie das fernöstliche Motiv des Liedes. Wenn kein Wunder passiert, wird es gleich die nächsten Goldmedaillen für die Gastgeber geben, schliesslich hat das dreiköpfige Luxemburger Team Marie Muller in ihren Reihen. 27 ist si eerst, und schon eine Legende: noch nie hat sie bei den Kleinstaatenspielen einen Kampf verloren.

Es ist der dritte Tag der Games of the Small States of Europe (GSE), die in dieser Woche zum 15. Mal stattfinden. Teilnehmen dürfen nur Athleten aus Ländern mit weniger als einer Million Einwohner. Also sind diejenigen ins Grossherzogtum Luxemburg gereist, die bei Olympischen Spielen meist höchstens aktive Zaungäste sind, Delegationen aus San Marino und Andorra, Liechtenstein und Island, Zypern, Malta, Monaco und Montenegro.

Wie bei Olympia regnet es auch hier Medaillen für die Gastgeber. In der Judo- Halle Tramsschapp, erbaut in einem alten Tram- Deport, wirbeln die Luxemburgerinnen die Liechtensteiner Konkurrenz über die Matte. Marie Muller beendet ihren Kampf nach rund zwei Minuten mit ihrer Spezialität, dem Innenschenkelwurf Ushi- Mata. Dass vor der Siegerehrung Uniformierte und Zivilbeamte auftauchen, hat seinen Grund: die einheimische Prinzessin Maria- Theresia ist in einem enorm unvorteilhaften Hosenanzug erschienen, die Medaillen zu überreichen.

Marie Muller, die in London knapp den Kampf um Olympia- Bronze verlor, behält ihre Weisse Weste bei den Kleinstaatenspielen: neben vier Einzel- Goldmedaillen hat sie nun drei im Team. “Das ist gut für meine Medienpräsenz”, freut sie sich, in der Hand das Maskottchen, einen roboterartigen Kopffüsser namens Ready.  Den zugehörigen Slogan “Ready for the Games” trifft man dieser Tage überall in Luxemburg an. “Wer wird der grösste Kleinstaat, darum geht es hier”, erklärt Marie Muller, die ein paar Kilometer von hier entfernt wohnt. “Luxemburg, das sonst immer ein Zwerg ist, ist unter den Kleinen ein Schwergewicht.”

Umgekehrt sieht das bei David Büchel aus. In der 100- Kilo- Klasse holte der Liechtensteiner Judoka Silber, doch sein Verband ist selbst hier ein Federgewicht. “Ratet mal, wie viel Einwohner wir haben”, grinst der Sportstudent, und amüsiert sich über die Reporter, die ihre Schätzung weiter nach unten korrigieren. “35.000” sagt er schliesslich triumphierend. Für die fast 50köpfige Liechtensteiner Delegation sind die Spiele in Luxemburg ein Saisonhöhepunkt. “Vor drei Wochen war ich bei der EM”, erzählt David Büchel. “Ich flog in der ersten Runde raus. Wir waren zwei Athleten und ein Coach, das war natürlich kaum Stimmung. Hier ist das ganz anders.”

Genau darum will David Büchel nun möglichst schnell zum Leichtathlethik- Stadion, um seine Teamkollegen an zu feuern. Also fragt er die taz- Reporter nach einem Lift, und unterwegs erzählt er, was für ein Grossereignis die Spiele für die Medien zu Hause in Liechtenstein sind. Während Kollegin Marie Muller als Sportsoldatin professionelle Voraussetzungen kennt, hat Liechtenstein nicht mal eine Armee. Seinen olympischen Traum kann sich David Büchel trotzdem erfüllen: im Winter fährt er im Viererbobteam und hofft, in Sotschi dabei zu sein. Am Stadion angekommen, empfiehlt sich David Büchel und steuert den Bierstand an.

Eher auf Symbolik denn auf Bier setzen die Montenegriner, die in einer Ecke der Tribüne in rote Fahnen mit goldenen Wappen gehüllt dem Diskuswerfer Danijel Furtula die Daumen drücken. “Der ist gut, der war bei Olympia dabei”, sagt Rastoder Dile, ein grauhaariger Mittvierziger. Olympionike Furtula hat wohl einen phantastischen Tag erwischt heute, der erste Versuch geht weit, was seine Fans weiter beflügelt. Noch ist das alles neu für sie, schliesslich besteht das Olympische Komitee Montenegros erst seit sieben Jahren. Die Premiere bei den Kleinstaatenspiele war 2011.

Entsprechend euphorisch gehen sie zu Werke, die 20 Menschen in Rot und Gold. Alle sind Migranten, die aus dem ganzen gastgeberischen Grossherzogtum anreisten. “Drüben auf der anderen Seite sitzt auch noch eine ganze Gruppe”, sagt Rastoder Dile auf Deutsch. 6.000 Montenegriner leben in Luxemburg, und ein beträchtlicher Teil davon hat es sich zur Aufgabe gemacht, die 12 Athleten der Delegation zu unterstützen. Das Stadion ist gut gefüllt. Wie bei allen anderen Wettbewerben ist auch hier der Zugang gratis. Als die Abendsonne durchbricht, bekommt Danijel Furkula seine Goldmedaille überreicht.

Ein paar Meter weiter unterhalb des Stadions künden in der Turnhalle Belair derweil schmierige Kirmesbeats den Höhepunkt des Tages an. Auf der Zuschauertribüne ist es mehr als eng, als in feierlichem Schritt die Kampfrichter einlaufen, die gleich die Gerätefinals der Männer bewerten sollen. Die Stimmung macht durchaus Eindruck auf sie. Dem deutschen Kampfrichter gefallen neben dem Enthusiasmus der Zuschauer auch die freundschaftliche Atmosphäre unter den Sportlern. “Dabei hatte ich vor kurzem noch nie von den Kleinstaatenspielen gehört”, gibt er zu.

“Joyful, Colourful, Humble, Luxembourgish”, nannte die tägliche “offizielle GSSE- Zeitung” die Stimmung bei der Eröffnungsfeier am Dienstag. An der Hallenwand hängt noch ein Exemplar der ersten Ausgabe. Im Fokus standen beim Auftakt die Sportler aus Zypern. Dass sie mit einem grossen Banner einliefen, auf dem “Thank You Luxemburg” stand, ist bisher das Thema der Spiele. Die Krise Europas zeigt sich auch hier, ausgerechnet beim Spitzenreiter der Ewigen Medaillenspiegels: viel hätte nicht gefehlt, und die Delegation aus Zypern ware zumindest um Einiges kleiner ausgefallen.

Für die fehlenden Kosten von etwa 140.000 Euro der Zyprioten kamen zu etwa einem Drittel der luxemburgische Staat, das Olympische Komitee des Grosherzogtums und der Europäische Olympische Fond auf. Für Aristotelous Panagiotis sah es vor kurzem noch so aus, als seien “all die Trainingsstunden umsonst gewesen”. Für die Hilfe, sagt der 26jährige Physiologiestudent, sei sein Team den gastgebern “sehr dankbar”. Er weist aber auch darauf hin, die Spiele waren ohne Zypern “ärmer” gewesen. “Montenegro ist stark im Basketball. Wir sind stark im Turnen.” Doch es ist nicht nur das: ohne die Zypriotinnen hätte es im Damen- Basketball nicht zu einem Vierer- Turnier gereicht.

Drei Kolleginnen, die dehnend auf einer Matte im Spagat verharren, rufen Aristotelous Panagiotis Aufmunterungen zu, als er zum letzten Wettkampf des Abends ans Reck gehoben wird. Im Sprung und am Barren lief es nicht, doch an der hohen Stange dreht Paganiotis auf. Flüssig ist sein Schwung, spektakulär die Salto- Schraube zum Abgang, und am Ende ist es immerhin noch Bronze.

Mehr als die Hälfte der Wettkampftage liegt inzwischen hinter den Athethen. Was bedeutet, dass es in der Stadt nach Einbruch der Dunkelheit voller wird. Die Judokas aus Liechtenstein werden den Abend mit den gastgebenden Kollegen verbringen: der Luxemburger Verband hat sie zum Grillen eingeladen. Was ein Nachspiel haben könnte, denn Marie Muller erwähnte am Nachmittag schon, ihr Heimspiel mit einem Clubbesuch abzuschliessen. Aristotelous Paganiotis ware dem auch nicht abgeneigt, doch beim Erwägen abendlicher Optionen hat er noch einen anderen Vorschlag: “Vielleicht ins Casino?” Schliesslich kann man sich nicht darauf verlassen, dass die Gastgeber die Unterkunft zahlen.

 

Erschienen in taz, 1. Juni 2013

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