Weit verstreute Puzzle- Teilchen

Einst war der Sport- Klub Bar Kochba eine jüdische Institution in Leipzig. Fast hundert Jahre später führt die Suche nach seinen Spuren bis in die Niederlande.

August 1920: etwa 60 passionierte Kicker treffen sich in Leipzig um den Sportklub Bar Kochba zu gründen. Ein jüdischer Fußballverein, benannt nach dem Rebellen- Anführer Simon bar Kochba aus dem Zweiten Jahrhundert. Das Aufkommen des Zionismus sowie der Antisemitismus in deutschen Sportvereinen brachte in jenen Jahren zahlreiche jüdische Clubs hervor. In Leipzig war erst im Mai der Jüdische Turnverein (JTV) Bar Kochba entstanden, mit dem die Kicker 1924 fusinionierten. Einer der Fußball- Pioniere war der Leipziger Unternehmer Max Bartfeld.

Spätsommer 2014: Max Bartfelds Sohn Ze’ev Bar empfängt in seiner Wohnung in  Amsterdam Besuch aus Leipzig: eine vierköpfige Delegation der Stiftung Tüpfelhausen, die in der Stadtteil- Jugendarbeit gegen Antisemitismus auftritt. Dieser Einsatz brachte sie auf die Spuren von Bar Kochba. Näher sind sie noch nie an den Club herangekommen, der bis vor einigen Jahren fast vergessen war. Ze’ev Bar, ein pensionierter Biologe jenseits der 80, ist immerhin der Sohn des einzigen bekannten Überlebenden.

Es ist etwas in Bewegung geraten in Leipzig, der Stadt, die fußballerisch für die erbitterte Rivalität der Amateurclubs Lok und BSG Chemie steht, für das umstrittene Red Bull- Projekt, und für die große Geschichte des Lok- Vorgängers VfB Leipzig, 1903 erster Meister im DFB- Betrieb. À propos: nicht nur die Stiftung Tüpfelhausen widmet sich der kickenden Lokalgeschichte, auch eine fußballhistorische Gruppe namens Initiative 1903.

Beide zusammen machten 2013 einen bedeutenden Fund: im Norden der Stadt entdeckten sie den ehemaligen Platz der Bar Kochba- Kicker, von Pflanzen überwuchert und mit einem einzigen rostigen Tor. Die zu DDR- Zeiten dort ansässige unterklassige BSG Aktivist Nord stellte 1990 den Spielbetrieb ein. An die Vergangenheit des Platzes erinnerte eine einbetonierte Plakette mit Davidstern und Reste einer Mauer. Bevor der Club 1938 zwangsaufgelöst wurde, sollte diese den Schrebern der benachbarten Kolonie den Blick auf die sporttreibenden Juden ersparen.

Genau davon erzählen die Leipziger Besucher Ze’ev Bar, der seinerseits seit Jahren nach Spuren seiner Angehörigen sucht. Die eigene Familie emigrierte 1937 in die Niederlande und überlebte die deutsche Besatzung im Versteck. Sein Onkel Leo Bartfeld, ebenfalls Bar Kochba- Gründungsmitglied, wurde jedoch auf der Flucht in Frankreich verhaftet und von den Nazis in Bergen- Belsen ermordet. Ze’ev Bar erfährt, dass die Fußball- Abteilung 1921  Stadt- Meister der 3. Klasse wurde und die Boxer von Bar Kochba auch überregional erfolgreich waren.

“Ganz erstaunt” war Bar, als er in einem TV- Beitrag auf die Leipziger Initiative aufmerksam wurde. Diese hatte inzwischen den Sportplatz freigelegt und dort im November 2013 ein Freundschaftsspiel ausgerichtet: eine Leipziger Stadtauswahl traf auf Hakoah Zürich, schon 1922 bei der Eröffnung des Platzes Gegner von Bar Kochba. Er schrieb sie an und lud sie nach Amsterdam ein.

Gemeinsam wollen sie nun weitersuchen: zum Beispiel nach dem Zehnkampf- Titel, den Max Bartfeld, auch als Leichtathlet aktiv, gewann. Der Sohn erinnert sich an dessen Erzählung: “Er trug das Bar- Kochba- Trikot mit Davidstern. Die Zuschauer beschimpften ihn als ‘jüdisches Schwein’. Es war im Stadion von Berlin, Hitler war auch dort, aber er war noch kein Führer.” Sollte Max Bartfeld, der seine Sportkarriere 1928 beendete, Deutscher Zehnkampf- Meister geworden sein? In den offiziellen Listen taucht er nicht auf, doch ist bekannt, dass die Nazis jüdische Namen aus den Annalen entfernten.

Fest steht zunächst, dass Ze’ev Bar im Sommer nach Leipzig reisen wird – auf Einladung der Stiftung Tüpfelhausen. Diese veranstaltet ein interkulturelles Fußballturnier mit jüdischen, christlichen und muslimischen Teams und internationaler Besetzung. Wie immer, wenn es um Bar Kochba Leipzig geht, wird der FC Hakoah Zürich dabei sein. Am Ende soll Ze’ev Bar den Pokal überreichen, der nach seinem Vater Max und Onkel Leo benannt ist.

Erschienen in taz, 9. Januar 2015

 

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