Vom Elend der friesischen Versuchung

 

Mit der Ausstellung “Mata Hari – Mythos und Mädchen” ehrt das Friesische Museum in Leeuwarden die berühmteste Tochter der angehenden Europäischen Kulturhauptstadt.

 

Das Leben ist ein düsterer, tragischer Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gibt. Zumindest wenn frau Margaretha Geertruida Zelle heißt, von Kind an latent zwischen Luxus und Mittellosigkeit geschwankt und eine ausgeprägte Schwäche für Männer in Uniform hat – in einer Zeit, in der das eher verdächtig macht.

 

“Mein ganzes Leben lang habe ich Offiziere geliebt. Ich bin lieber die Maitresse eines armen Offiziers als eines reichen Bankers.” Ein Zitat, programmatisch für das kurze Leben Zelles, die als exotische Tänzerin Mata Hari im beginnenden 20. Jahrhunderts zur Bühnen- Sensation wurde. Im ersten Weltkrieg geriet sie zwischen die Fronten der Geheimdienste und wurde 1917, deutscher Spionage beschuldigt, in Paris füsiliert.

 

Der zentrale Raum der Ausstellung “Mata Hari- Der Mythos und das Mädchen” in Zelles Geburtsstadt Leeuwarden zeugt von der Unausweichlichkeit dieses Schicksals. Er ist rund, abgedunkelt und setzt den Aufstieg Mata Haris aus dem Nichts in unmittelbare Nähe zu ihrem finalen, tödlichen Fall. Hier Schleier mit installierten Tanzszenen, von der hohen Decke schwebend, dort eine Reihe Uniformen, und durch die sphärisch- extatische Musik klingt schon der eingesprochene Beschattungs – Bericht über die alltäglichen Abläufe des geheimnisumwitterten Stars.

 

Wie involviert Mata Hari tatsächlich mit dem französischen und deutschen Geheimdienst war, gar die Frage ihrer “Schuld” zu beantworten, ist nicht das Anliegen der Ausstellung. Im Zentrum steht die Person Margaretha Zelle, eine durch und durch tragische Figur. Kurz nach der Jahrhundertwende entledigt sie sich wie durch eine Häutung ihres bisherigen Lebens und sprengt auf den Pariser Bühnen alle damaligen Maßstäbe öffentlicher Veführung.

 

Dahinter steckt das pure Elend und eine Verweiflung, an deren Tiefe ein Besuch der Schau kein Zweifel läßt. Als Tochter eines wohlhabenden Händlers wächst sie in Leeuwarden im Luxus auf, bis der Vater sein Vermögen vollends verprasst hat. Die Eltern trennen sich, Margarethe und die Geschwister bleiben bei ihrer Mutter, die wenig später stirbt. Sie verläßt die Stadt, zieht zu Verwandten, weiter auf ein Internat und fliegt aus der Ausbildung zur Kindergärtnerin, weil man sie einer Affäre mit dem Direktor verdächtigt.

 

Mit 18 heiratet sie einen viel älteren Offizier, geht mit ihm ins koloniale Indonesien, wo Sohn und Tochter geboren werden. Der Sohn stirbt, die Familie kehrt zurück in die Niederlande, wo sich Margarethe und ihr Offizier trennen. Weil sie die Tochter nicht durchbringen kann, lebt diese beim Vater. Margarethe geht nach Paris auf der Suche nach Arbeit. Vergeblich. Kurz erliegt sie dem vermeintlich letzten Ausweg Prostitution, kommt noch einmal in die Niederlande und macht sich mit dem Mute der Verzweiflung erneut auf nach Paris, mit einer einzigen Mission: Geld für ein Leben mit Tochter Nonnie zu verdienen. Der Offizier schickt derweil ihre Briefe unbeantwortet zurück.

 

All das bringt “Der Mythos und das Mädchen” eindrucksvoll näher – mitlets persönlicher Gegenstände und Schriftstücke, und nicht zuletzt vielen Akten, die 100 Jahre nach dem Tod Margaretha Zelles zugänglich wurden. Vertreter des Museums reisten nach Frankreich, durchkämmten Archive und brachten reichlich Material mit. Unterbeleuchtet bleibt freilich die Zeit vor ihrem Durchbruch: was geschah zwischen Juni 1904, als sie endgültig nach Paris aufbrach, und Mata Haris Debut im Musée Guimet im März 1905?

 

In ihrer Geburtsstadt fungiert die Ausstellung als Prolog für das Programm als Europäische Kulturhauptstadt 2018. 90.000 Besucher sollen zu Mata Hari ins Friesische Museum kommen. Ihr Name und Bildnis tauchen derweil allenthalben auf – sie werben für Frisöre, Süßigkeiten, ja sogar ein Kaffee- Gedeck namens “Friesische Verführung”.

 

Erschienen in Wiener Zeitung, 2. Januar 2018

 

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