Vitamine im Raboland

Und wieder einer mehr: auch der frühere niederländische Spitzenradfahrer Michael Boogerd legte eine Dopingbeichte ab. Seine Mittel bezog er vom Wiener Dealer Stefan Matschiner

 

Nun also auch Michael Boogerd. Der beste Radrennfahrer der Niederlande der vergangenen Jahre gab in einem Exklusiv- Interview mit dem Rundfunksender NOS zu, zwischen 1997 und 2007 “verbotene Mittel” gebraucht zu haben. “Ich habe Epo genommen, Cortison genommen und die letzten Jahre meiner Karriere auch Bluttransfusionen”, so Boogerd in dem Gespräch, das am Mittwoch Abend im niederländischen TV ausgestrahlt wurde. Für die Bluttransfusionen sei er mehrere Male zu Humanplasma nach Wien geflogen. Epo habe er dagegen in den Niederlanden erhalten.

 

Der frühere Star des Rabobank – Rennstalls bereute, die Doping – Kultur im Radsport instand gehalten zu haben. Boogerd, der 1999 das Amstel Gold Race gewann, zwei Etappen der Tour de France und 13 Podiumsplätze verbuchen konnte, sagte auch, er wäre “lieber in einer anderen Periode” Radrennfahrer gewesen. Letzte Woche veröffentlichte das NRC Handelsblad, das die Beziehung zwischen Rabobank und dem Wiener Labor Humanplasma seit längerem untersucht, vier Rechnungen, die der Dopingdealer Stefan Matschiner Boogerd 2006 und 2007 ausstellte. Knapp 17.000 Euro werden darauf für “Laktattests”, “Ernährungsmittel” und “Trainingspläne” veranschlagt.

 

Damit bekamen alte Vorwürfe neue Nahrung, denn Doping – Gerüchte umwittern Boogerd schon seit Jahren. 2009 tauchte sein Name in Verbindung mit dem Humanplasma – Labor auf. Matschiner, der nach dem Ende von Humanplasma die Geschäfte fortsetzte, sagte nach seiner Festnahme aus, Boogerd zweimal behandelt zu haben. Boogerd gab damals an, Matschiner nur einmal bei einem Rennen gesehen zu haben. Später gestand er ein, ihn in einer Wein – Bar in Wien getroffen zu haben.

 

2012 gab Boogerd dann zu, er habe Matschiner kleine Beträge für “Vitamine” bezahlt. “Ich denke, dass man für 17.000 Euro sehr viele Vitamine kaufen kann”, war die trockene Antwort. Dem NRC Handelsblad sagte er: “Ich setze natürlich nicht ´Doping´ auf die Rechnung, sondern ´Laktattest´ oder ´Ernährungsmittel´. Und wenn ich ´Trainingplan´ schrieb, meinte ich einen Einnahmeplan für Doping.”

 

Zu Matschiners Kundenkreis zählten auch Boogerds frühere Teamkollegen Thomas Dekker, der wegen Epo – Gebrauchs zwischen 2009 und 2011 gesperrt war, und Michael Rasmussen, der vor wenigen Wochen zugab, zwölf Jahre lang gedopt zu haben. Die Tageszeitung Volkskrant schrieb, Matschiner habe während der Tour de France- Ausgaben von 2005 bis 2007 zwölf Blutpäckchen an führende Rabobank – Fahrer geliefert.

 

Die Bank machte nach der Veröffentlichung des USADA – Berichts im Oktober bekannt, Ende 2012 ihren Rennstall nach 17 Jahren auf zu lösen. Die jüngsten Enthüllungen über systematisches Doping im Hause Rabobank nannte Piet Moerland, Vorsitzender des Verwaltungsrats, “schockierend, unvorstellbar und fürchterlich”. Der Sponsor sei “betrogen und getäuscht” worden.

 

Welche Wellen die Doping- Affäre in den radsportbegeisterten Niederlanden schlägt, zeigt eine Untersuchungskommission, die im Dezember unter Leitung der früheren Justizministerin Winnie Sorgdrager ins Leben gerufen wurde. Ihre Aufgabe ist es, Einsicht in die Doping- Strukturen im niederländischen Radsport zu bekommen. Einzelne Schuldige ausfindig zu machen, gehört nicht dazu. Wer auspacken will, erhält im Gegenzug Anonymität.

 

Wie die zahlreichen wielerfanaten im Land reagieren, werden die bevor stehenden Frühjahrsklassiker zeigen. Dass Erschütterung nicht ihre einzige Gefühlsregung ist, beweist die literarische Radsportzeitung De Muur in ihrer jüngsten Ausgabe. Sie ist vollständig dem Thema Doping gewidmet, um “Hysterie” und “Moralrittern” Hintergründe und Nuanciertheit entgegen zu setzen. “Bleibt mit euren Dreckspfoten von unserem Drecks- Radsport”, klingt es kämpferisch auf dem Titel, um dann im Editorial fast zärtlich zu schließen: “Freunde des cyclisme, behaltet den Mut. Wie Bob Dylan schon sang, es kommen andere Zeiten.”

Erschienen in taz, 6. März 2013 und Wiener Zeitung, 7. März 2013

 

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