Trotz allem: Wir sind hier!

Seit drei Jahren zieht eine Gruppe abgelehnter Asylbewerber durch Amsterdam. Auf ihrer Odyssee ist sie angewiesen auf ein Unterstützer- Netzwerk.

Auch im Nichts wird Geburtstag gefeiert. Sogar ziemlich ausgelassen, denn nachdem die Ansprachen derer, die im Nichts und mit Nichts überleben, vorbei sind, wird die Musik laut, eine Tanzfläche bildet sich, und Menschen aus Asien, Europa und Afrika stossen mit Saft und Cola an. An den Wänden hängen die Banner, darauf nicht mehr als jene drei Wörter, die dem Nichts trotzen: Wij Zijn Hier. Auch wenn es dafür keinerlei offiziellen Status gibt.

Das Nichts, das ist eine rechtliche Grauzone, in der etwa 100 Migranten in Amsterdam gelandet sind. Abgelehnt als Asylbewerber, weder ein Recht zum Arbeiten noch Zugang zu Leistungen, nicht einmal abgeschoben können sie werden, weil sie keine Dokumente haben oder es im Herkunftsland keine funktionierenden Behörden mehr gibt. “Zwischen Schiff und Land” nennt man eine solche Situation auf Niederländisch. Im September 2012 traten sie erstmals mit einem Zeltlager in die Öffentlichkeit. Im September 2015 begehen Migranten und ihre Unterstützer gemeinsam den dritten Jahrestag.

Dazwischen liegt eine unvorstellbare Odyssee durch die niederländische Hauptstadt. Vom Garten der Diakonie ging es in ein Zeltlager am Stadtrand. Den ersten Winter verbrachte man in einer leerstehenden Kirche, die als Vluchtkerk bekannt wurde, fand Unterschlupf in besetzten Bürogebäuden, einer Garage, einer Schule, einem Turm und einem Lagerhaus. Immer war die Lösung vorübergehend, die drohende Räumung wurde zum Normalzustand – auch im aktuellen Zufluchtsort in einer früheren Kunstakademie.

Zentrales Motiv der Migranten ist es, die Gruppe zusammenzuhalten – nicht nur um einander stützen zu können, sondern auch um die Problematik in der Öffentlichkeit weiter sichtbar zu halten. Dazu ist man von Beginn an auf ein Netzwerk von Unterstützern angewiesen, das von Hausbesetzern über No Border- Aktivisten bis hin zu Privatpersonen reicht: kochende Nachbarn, werkelnde Handarbeiter, Publizisten die bei Aufrufen und Pamphleten helfen, Anwälte, Ärzte und Künstler. Periodisch erfuhr Wij Zijn Hier eine spontane Welle der Hilfsbereitschaft, wie sie zur Zeit in vielen Ländern zu sehen ist.

Um das tägliche (Über-) Leben der Gruppe kümmern sich regelmässig rund 80 Freiwillige. Sie organisieren Essen, werben um Spenden oder organisieren Busse, die die Matratzen von einem Zufluchtsort zum nächsten bringen. Auch ein “Buddy- Netzwerk” erhalten sie aufrecht, das jedem Migranten einen Freiwilligen zur Seite stellt, um eine neue Asyl- Prozedur in Gang zu bringen, einen geeigneten Anwalt zu finden oder Beweismaterial zu sammeln.

Eine andere Art der Unterstützung leistet die Stiftung Here to support. Sie will die Migranten und ihr Anliegen in der Öffentlichkeit nocht sichtbarer machen. Dazu bedient sie sich Kunstprojekten oder einer eigens errichteten “We Are Here Academy”, wo professionelle Dozenten unentgeltlich Seminare veranstalten. Diese behandeln etwa niederländische Politik, emanzipatorische Bewegungen und Asylrecht. “Es geht darum, dass sich Migranten über ihre Situation bewusst werden, und sie darin zu stärken”, erklärt eine Aktivistin, die seit Beginn im We Are Here- Umfeld involviert ist. Was sie dazu antreibt? “Diese Gruppe von Flüchtlingen hat keinen Zugang zu Bildung, zu Arbeit oder zu Essen und wenn sie in der Öffentlichkeit ein Camp veranstalten, werden sie geräumt und mundtot gemacht. Dabei muss dieser Protest gerade sichtbar gemacht werden.”
Erschienen in taz, 8. September 2015

 

 

 

 

 

 

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