Tramp den Balkan mit Kindlinger

Eine Recherchereise ohne Fußball droht an der Grenze zu scheitern – bis ein Ex- Kicker auftaucht und zum rettenden Engel wird.

Was für ein Desaster! Der Taxifahrer, der mich hier herausbrachte, hat sich soeben verabschiedet, weil man ihn nicht über die Grenze ließ. Wie weit es noch ist nach Tovarnik, kann hier, auf der serbischen Seite, niemand genau sagen. Fünf Kilometer vielleicht, oder 17, oder mehr? Was deutlich ist: just in der Richtung meines kroatischen Zielorts wetterleuchtet es ganz bemerkenswert, und immer öfter lässt sich von dort ein Donnern vernehmen.
Laufen ist also keine Option. Wen aber fragen um einen Lift, zumal sich längst die Dunkelheit über den Grenzübergang Bajakovo gelegt hat, an der Autobahn von Belgrad nach Zagreb, wo die serbischen Polizisten jeden Winkel jedes Autos durchleuchten. In rund 15 Stunden muss ich eine Reportage liefern, eine Seite lang, aus Tovarnik, das in diesem September zum Nadelöhr für Flüchtlinge geworden ist. Schlafen stand nie auf diesem Plan, aber dass Hinkommen zur Glückssache wird, war auch nicht vorgesehen.
Der Mann in heller Sommerkleidung steht ein paar Meter weiter. Er wirkt entspannt, trotz der Warterei. Der Kleinwagen neben ihm trägt ein österreichisches Kennzeichen, das mit G beginnt. Vielleicht hätte ich doch ihn fragen sollen statt diesen Rotterdamer mit Frankfurter Nummernschild. Die Sprache (ich wohne in Amsterdam) verbindet uns auf Anhieb an diesem unwirtliche Ort. “Klar, nehm ich dich mit, mein Freund, aber wir müssen warten, bis sie mein Auto auf den Kopf gestellt haben.”
Danach nehmen sie sich ihn vor. Und dann fährt einer in Uniform den Rotterdamer in seinem Frankfurter Auto weg. Warum, will keiner der Grenzer sagen. Nur so viel: “Such dir deine Freunde auf der Autobahn demnächst besser aus!”Nun, zum Suchen gibt es nichts mehr. Vielleicht beginnt die letzte Chance mit G? Entschuldigung. Der Mann blickt auf. Er ist nicht groß, aber athlethisch. Helle Haarsträhnen fallen in sein Gesicht. Ein angedeutetes Grinsen, als er meine Geschichte hört. “Schmeiß deinen Rucksack rein. Ich bin der Andi.” Zur Begrüßung gibt es eine Flasche Wasser.
Einmal durch die Kontrolle, ist unsere Konversation schnell gestrickt. Über Graz landen wir bei Sturm, den Dramen des GAK, und natürlich Klaus Augenthaler. Schnell dämmert mir, dass mein neuer Autobahn- Freund die Sache von innen kennt. Wie ist dein Nachname, Andi? Eine vage Idee, als er Kindlinger sagt. Linz? Ja, und Leoben. Trainer, Manager. Bei ihm klickt es, als ich ‘ballesterer’ sage. Meinen letzten Artikel habe ich eben auf dem Weg nach Serbien abgeschickt. Kleine Welt.
Was aber macht Kindlinger eigentlich hier, was hast du hier zu suchen, Andi, mitten in dieser Region, die auf einmal ein Krisengebiet geworden ist? Nun, die Krise spitzte sich erst zu, als er schon unterwegs war. Berufliche Kontakte pflegen, Andi macht Pause vom Fußball, genau wie ich gerade, er plant eine Kaffeemarke nach Österreich zu importieren, und über seinen Geschäftsspartner gibt es Verbindungen nach Mazedonien und Kosovo. Als er losfuhr, vor wenigen Tagen, lief alles glatt. Dann machte Ungarn die serbische Grenze dicht und der Balkan verwandelte sich in ein Labyrinth. Komisch geschaut haben die serbischen Grenzer, sagt Andi, als sie den Kosovo- Stempel in seinem Pass sahen.
Das Gewitter über den Feldern erinnert mich daran, dass ich leider nicht zum Geschichten erzählen hier bin. Und auch nicht, um über Fußball zu sprechen. Andi erzählt von einem Konzept, das er ausgearbeitet hat: es geht um die österreichischen Regionalligen, die Schnittstelle von Amateur- zu Profibereich. Da muss man ansetzen, um langfristig Erfolg zu haben. Er spricht von der österreichsichen Mentalität, die sich mit strukturellen Änderungen schwertut. Ich kontere mit Beispielen von DFB und KNVB, schaue durch die Sturzbäche auf der Scheibe in die Nacht und merke, dass es höchste Zeit wird, nach dem Weg nach Tovarnik zu fragen.

Schlechte Nachrichten. Nächste Abfahrt raus, und dann 30 Kilometer über die Dörfer, sagt der Kollege an der Nachttanke. Wie ich das Andi beibringe? Zeit zum Denken gibt es ohnehin nicht. Zweifel seinerseits offenbar auch nicht. Wie selbstverständlich biegt er auf die Landstraße, noch immer blitzt es draußen, und dieser Tausendsassa erzählt, dass er jetzt auch noch in Fan- Artikeln macht. Zum Beispiel ein elektrisches Wärmkissen für eiskalte Sitzschalen im Winter, bedruckt mit Club- Logo. Schau mal, ein Sample hab ich dabei. Es trägt ein Bayern München- Wappen. Kontakt mit Hansi Pflügler vom Fanshop hat er schon.

Hinter der Kirche von Tovarnik stehen Hunderte von Flüchtlingen in einer Reihe, die auf Busse warten. Es ist halb eins nachts. Andi Kindlinger gibt mir noch einen Energie- Riegel. Kann ich gebrauchen, es wird eine lange Nacht. Am nächsten Tag smse ich ihm. Danke für alles, du hast meine Reportage gerettet. Andi antwortet, dass er um 5 Uhr morgens in Graz war. Hoffe, bei dir auch alles klar.
Erschienen in Ballesterer, November 2015

 

 

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