Tinnef mit Hörnern

Die Roten Teufel haben sich eingerollt. Vor dem Viertelfinale gegen Argentinien ist Euphorie gar kein Ausdruck

Hat man sowas schon gesehen? Eine Polonaise in der Strassenbahn, die normalerweise die Urlauber an der belgischen Küste herumfährt. Letzten Dienstag aber, nach dem 2:1 der Roten Teufel gegen die USA, zogen die Bewohner der Dünendörfer die Blicke der Touristen auf sich. Vom Public Viewing auf der Rennbahn von Ostende kommend, tanzten sie durch die engen Waggons, in einer eigenartigen Mischung aus Euphorie und Schüchternheit. Wer aufmerksam hinschaute, konnte merken, dass sie nicht viel Erfahrung mit derlei Anlässen haben.

Vieles ist neu in diesen Tagen in Belgien, das sich in einer nie gesehenen Weise selbst feiert. Die Regeln des Alltags werden ausgehebelt durch den “Teufelswahnsinn”, Büros und Geschäfte schliessen früher, wenn ein Match ansteht, bei “Rock Werchter”, einem der grössten Musik- Festivals des Landes, wird wegen des Viertelfinals gegen Argentinien gar die Running Order verändert. Und allenthalben sieht man eine neue Fahne, die es eigentlich gar nicht gibt: sie sieht aus wie die brasilianische, nur ist sie Schwarz- Gelb- Rot statt gelb, grün und blau.

Lange wusste man bei dieser WM nicht, wo dieses belgische Team eigentlich steht, das von Experten und Medien zuvor mit allerlei Superlativen bedacht wurde. Statt des versprochenen aufregendsten neuen Dings des Weltfussballs arbeitssiegte man sich durch die Vorrunde. Auch das Achtelfinale wich nicht ab vom Muster der Roten Teufel, konsequent das eine Tor mehr als der Gegner zu schiessen. Hinter diesem vermeintlichen Minimalismus aber zeigt sich eine deutliche Steigerung: erst stellten die Belgier das Weiterkommen sicher, dann besiegte ihr B-Team zu zehnt Südkorea, bevor die Stammkräfte  übernahmen und gegen die USA endlich zu begeistern wussten.

Es scheint also, dass Belgien genau zum richtigen Zeitpunkt in Schwung gekommen ist. Entsprechend zuversichtlich ist man im Teamquartier, dem Paradise Golf & Lake Resort in Mogi das Cruzes. “Sie sind die Favoriten, aber das kann unser Vorteil sein. Wir gehen von unserer eigenen Stärke aus”, so verteidiger Jan Vertonghen. Und Axel Witsel, der es im Mittelfeld mit Lionel Messi zu tun bekommt, sagte: “Sie haben natürlich Top- Spieler, aber die haben wir auch. Um auf diesem Podium gegen Messi zu spielen, ist ein Traum, der Wirklichkeit wird.”

Unterdessen übertrifft man sich in Belgien an teuflischen Initiativen. Auf Radio1 werden Dance- Stücke geremixt und den Stürmern Divock Origi und Romelu Lukaku gewidmet. Supermärkte haben mit dem Verkauf von Getränken, Snacks, Süssigkeiten oder Fanartikeln bereits dreissg Millionen Euro umgesetzt, so die Tageszeitung De Morgen. “Und je weiter wir kommen, desto verrückter werden wir alle, und umso grösser dann auch der Gewinn.” De Morgen, wohlgemerkt, ist eine der anerkannten Qualitätsblätter des Landes. Wenn diese sich so äussert, überrascht es dann noch, dass man zur Zeit jeden Tinnef verkaufen kann, solange man ihm zwei Teufelshörner aufsetzt?

Nicht einmal die übliche Krisenstimmung ist derzeit in Belgien anzutreffen, weil die längst fällige Bildung einer Regierung wieder einmal in die Verlängerung geht. Fast scheint es, als interessierte die Frage nach dem neuen Ministerpräsidenten wenig, solange Marc Wilmots Bondscoach ist. Die Politik wiederum beschäftigt sich ihrerseits mit dem Ausahlteam: Ende Juni empfingen die Abgeordneten der flämisch- nationalistischen Partei N-VA eine Mail der Parteileitung. Darin wurde ihnen zugestanden, die Leistungen des Teams positiv zu bewerten und gegenüber den Medien zu sagen, die Roten Teufel seien “auf einem guten Weg”.

Mariam Al Merrouni, eine Sprecherin der N-VA, bestätigte, innerhalb der Partei dürfen alle ihre eigene Meinung zu diesem Thema haben. Während N-VA- Anhänger sich an dem “Belgien- Getue” störten, sei im N-VA- Hauptquartier auch schone in rotes Trikot gesichtet worden, so Mariam Al Marrouni zur taz. Sie selbst wird am Samstag abend auch zu einem Public Viewing gehen – ihres mitfiebernden Sohnes wegen. Nur Teufels- Acessoires wird sie dabei keine tragen.

Erschienen in taz,  5. Juli 2014

 

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