Spaltung hat noch nie geholfen

Seit mehr als einem Jahr findet Belgien zu keiner neuen Regierung. Was denken die Juden im Land über Einheit, Sprachenstreit und Identität?

Julien Klener ist vom alten Schlag. Mit seinem 70. Geburtstag, der noch nicht so lange zurück liegt, hat das jedoch nichts zu tun. Der emeritierte Professor für Hebräisch und Judaistik gehört vielmehr zu einer Gruppe von Menschen, die immer kleiner wird: den Vertretern gesamt- belgischer Organisationen. Ob Parteien oder Gewerkschaften, Medien oder Kultur: überall findet sich die Spaltung in einen flämisch sprechenden und einen frankophonen Zweig. Bei jüdischen Institutionen ist das nicht anders – mit Ausnahme des “Konsistoriums”, des Consistoire Central Israélite de Belgique. Julien Klener ist seit elf Jahren dessen Präsident – und damit der höchste Repräsentant jüdischer Gemeinden gegenüber dem belgischen Staat.

Auf der anderen Seite steht ein Vakuum, wenn auch eine Minimalversion der Regierung, die im April 2010 über den Sprachenstreit fiel, kommissarisch die Geschäfte weiter führt. Das Ergebnis der Neuwahlen, im Norden mehr denn je flämisch- separatistisch und rechts, im Süden pro- belgisch und links, verschärfte die Krise noch. Diese Woche droht eine weitere Verhandlungsrunde zu scheitern. Wie immer geht es um Kompetenzen der Regionen Wallonie, Flandern und Brüssel, und um Sprachrechte, die um so komplexer sind, je näher man dem bilinguale Gebiet rund um die Hauptstadt kommt.

Wie sich das auf die Juden im Land auswirkt? Julien Klener antwortet vorsichtig. “Wir stellen uns natürlich die gleichen Fragen wie alle Belgier.” Und dazu gehört wohl nicht nur die, wie lange ein Kompromiss noch auf sich warten lässt, sondern auch, ob die Kluft zwischen den Landesteilen überhaupt noch zu überbrücken ist. “Traurig” fände es der Präsident, sollte Belgien auseinanderfallen. Aber wie ernst ist die Lage? Klener wird diplomatisch. “Eine philosophische Frage. Ich mag keine Konflikte. Aber ist ein Staat in der Lage, den Rhythmus der Geschichte zu durchbrechen? Sollte die Mehrheit der Belgier sich trennen wollen, wird das nicht zu verhindern sein. Aber wenn schon, dann hoffe ich, dass dies demokratisch passiert.”

Die jüdischen Institutionen spiegeln die belgischen Zustände wider. Dazu gehört, dass Klener seit Generationen der erste Flame an der Spitze des Consistoire ist. Bis vor einigen Jahrzehnten fielen die höchsten Ämter in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in der Regel meist Frankophonen zu. Inzwischen hat sich dieser Schwerpunkt zugunsten des nördlichen Landesteils verlagert. Noch immer indes ist die gemeinsame Sprache eher französisch, denn die Flämisch- Kenntnisse im Süden sind oft begrenzt. Auch bei den offiziell bilingualen Versammlungen des Konsistoriums ist französisch die lingua franca. Probleme allerdings, sagt Klener, gibt es zwischen beiden Gruppen keineswegs. Der Gegensatz auf jüdischer Ebene liegt eher zwischen dem streng religiösen Antwerpen und dem laizistisch geprägten Brüssel.

“Auf einer Wellenlänge” sieht auch Maurice Sosnowski die Juden beiderseits der Sprachgrenze – etwa was die Bedeutung Israels betrifft, oder hinsichtlich der Kollaboration während der deutschen Besatzung, die in Belgien weiter ein umstrittenes Thema ist. Und doch: “kulturell und politisch gibt es einige Unterschiede: auch wir sind im Süden eher progressiv und im Norden konservativer.” Ersteren Teil präsentiert Sosnowski, Anästhesie- Professor am Brüsseler Uni- Klinikum. Seit 2010 ist er Direktor des Comité de Coordination des Organisations Juives de Belgique (CCOJB), das säkulare jüdische Institutionen vertritt. Die flämische Seite schloss sich 1993 zum Forum der Joodse Organisaties (FJO) zusammen, weil sich regionale Politiker einen gleichsprachigen jüdischen Adressaten wünschten.

Ehrenvorsitzender des FJO ist Eli Ringer, der diese Parallel- Strukturen durchaus ambivalent sieht: “Jüdische Institutionen haben die Teilung entlang der Sprachgrenze in den letzten Jahren weitgehend nachvollzogen. Dabei ist es für Belgien sehr wichtig, dass es auch in Zukunft auf beiden Seiten Konzessionen gibt. Gerade aus jüdischer Sicht, denn Nationalismus und Spaltungstendezen waren historisch gesehen nie gut für die Jüdische Gemeinschaft.” Auf die Frage nach der jüdischen Identität hat Ringer eine klare Antwort. “Auf jeden Fall sind wir zuerst Belgier, und dann Wallonen oder Flamen.”

Zwischen beiden Polen liegt die Hauptstadtregion Brüssel. Im symbolpolitischen Kontext des Sprachenkonflikts von enormer Bedeutung, ist ihre Bevölkerung international wie nirgendwo sonst im Land – auch und nicht zuletzt die jüdische. Die Communauté Israélite in Waterloo liegt nur wenige Kilometer von der Sprachgrenze entfernt. Gegründet vom israelischen Ehepaar Benzennou, kommen die Mitglieder aus Belgien, England und Frankreich, Israel und Marokko. Die linguistischen Befindlichkeiten vor Ort bleiben vielen Expats ein Geheimnis. Die Freunde Ralph Spencer und David Goodman etwa, beide aus London und seit über zehn Jahren in Belgien, wundern sich über das Maß an Identitätspolitik in Belgien. “Natürlich ist das seltsam für uns, die wir alle ganz gemischte Hintergründe haben”, sagt Spencer. Und Goodman ergänzt: “Zudem haben wir etwas viel stärkeres, und das ist unsere jüdische Identität”.

Diese wiederum steht hinter der auffälligen politischen Biographie von Viviane Teitelbaum. Die 55jährige sitzt für die frankophone liberale Partei Mouvement Réformateur (MR) im Regionalparlament von Brüssel. Geboren und aufgewachsen ist sie in Antwerpen, wo damals in vielen jüdischen Familien französisch gesprochen wurde. Die Publizistin steht damit für das alte Belgien, mehrsprachig und kulturell hybrid, das nicht mehr von dieser Zeit zu sein scheint. Gerade durch ihre Herkunft aber, sagt Viviane Teitelbaum, kennt sie beide Seiten des Dauerkonflikts. “Und dadurch kann man mit einander verhandeln, statt sich zu erniedrigen.” Wünschen würde sie sich das bei mehr Politikern.

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 22. September 2011

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