Sichtbarkeit als letztes Mittel

Keine Chance auf Asyl, und nicht mal abgeschoben werden können: das Einzige, was dann bleibt, ist der Weg in die Öffentlichkeit. Ein zäher Kampf, wie die dreijährige Odysse der Amsterdamer Gruppe “We Are Here” zeigt.

Im September 2015 kamen rund Hundert Flüchtlinge und Unterstützer in einem ehemaligen Altenheim im Zentrum Amsterdams zusammen, um ein besonderes Ereignis zu begehen: genau drei Jahre war es her, dass We Are Here, damals nicht mehr als ein paar Handvoll von Flüchtlingen, erstmals in die Öffentlichkeit getreten war. Im Garten der Diakonie der Hauptstadt schlugen sie Zelte auf und starteten von dort aus ihre erste Demonstration. An die zahlreichen weiteren seither erinnerten die Transparente, die an diesem Septemberabend die Wände bekleideten. Es gab Essen, Musik und feierliche Reden. Das Fazit klang so trotzig wie beflügelt: gewonnen ist noch nichts, doch etwas anderes als weitermachen bleibt uns ohnehin nicht!
Es sollte nur ein paar Wochen dauern, bis sich beides einmal mehr bewahrheitete: Ende September musste We Are Here, inzwischen auf rund 70 Personen angewachsen, wieder einmal umziehen. Der “Flucht- Turm”, ein leerstehendes mehrstöckiges Bürogebäude in Amsterdam- West, wurde geräumt, und nach einem halben Jahr stand die Gruppe erneut mit all ihren Habseligkeiten auf der Straße. Doch die nächste Etappe ließ nicht lange auf sich warten: wenige Tage später besetzten krakers (Hausbesetzer) einen vormaligen Verwaltungsblock des Stadtteils Nieuw- West, seither als “Flucht- Gemeinde” (im Sinn von Kommune, T.M.) bekannt. Vorläufig sind die Migranten darin sicher. Wie lange dieser Zustand andauert, vermag allerdings niemand zu sagen.
We Are Here, die sich auch Wij Zijn Hier nennen, ist ein besonderes Beispiel von Refugees- Selbstorganisation. Ihre kontinuierliche Odyssee durch die niederländische Hauptstadt, von einem vorübergehenden Unterschlupf zum nächsten, ist dabei Ausdruck einer ebenso komplexen wie misslichen rechtlichen Situation. Ihre Asylanträge sind abgelehnt, auch alle Folge- Optionen ausgeschöpft. Normalerweise würde nun das niederländische Abschiebe- Regime greifen. Nur, dass es in den entsprechenden Herkunftsländern keine funktionierenden Behörden mehr gibt oder die dafür nötigen Dokumente fehlen. Eine Grauzone, die so bizarr wie ausweglos ist und keinen Zugang zu öffentlichen Mitteln beinhaltet. Wer Teil dieser Gruppe ist, lebte zuvor in der Regel auf der Straße.
Cyriac Kouenou zum Beispiel, ein Ivorianer Mitte 40, den alle nur “Chirac” nennen. Nach seiner Ablehnung musste er aus dem Asylbewerberheim in Grave im Süden des Landes ausziehen und wurde obdachlos. Ein kamerunischer Freund machte ihn mit einigen Menschen in der gleichen Situation bekannt. Zusammen riefen sie We Are Here ins Leben. Heute bewohnt er ein früheres Büro im Erdgeschoss der “Flucht- Gemeinde”. Natürlich ist das ein Fortschritt im Vergleich zu manchen der früheren Unterkünfte, vor allem den Zeltlagern am Anfang, im Garten der Diakonie und dann im bitterkalten Spätherbst 2012, in Osdorp am Rand der Stadt.
Nach der dortigen Räumung ging es in die Vluchtkerk, eine unbenutzte Kirche, die mit Hilfe vieler Unterstützer und Nachbarn halbwegs bewohnbar gemacht wurde. Es folgten Flucht- Flat und Flucht- Park, Flucht- Büro und Flucht- Hafen, Flucht- Markt und Flucht- Garage, Flucht- Schule, Flucht- Gebäude und Flucht- Akademie. Der gegenwärtige Zustand ist relativ komfortabel, selbst wenn die zwischen 60 und 70 Bewohner, die meist aus afrikanischen Ländern kommen, sich die einzige Dusche teilen müssen. “Stell Dir vor, Chirac, wenn das immer so weiter ginge, immer ein Stückchen höher. Und am Ende stünde dann das Flucht- Schloss.” – Ein herzhaftes Lachen, dann ein Kopfschütteln. “Dann wäre es immer noch etwas mit ‘Flucht’ davor!”
Für die Niederlande sind We Are Here ein bemerkenswertes Phänomen. Anders als in romanischen Ländern ist Flüchtlings- Selbstorganisation hier nicht eben verbreitet. Der Sans Papiers- Bewegung, sagt Cyriac, fühlt man sich verbunden, und trotz der unterschiedlichen Ausprägungen der jeweiligen Notlage findet er: “Es ist der gleiche Kampf.” Modell stand der Gruppe ein Zeltlager im Dorf Ter Apel bei Groningen. Dort wollten im Frühjahr 2012 rund 350 Refugees, vornehmlich aus Irak und Somalia, auf ihre Lage aufmerksam machen. Wochenlang hielten sie vor der zentralen Erstaufnahmestelle für Asylbewerber die Stellung, bevor das Camp geräumt wurde. Für aktive Protestformen von Flüchtlingen war es eine Initialzündung. Auch in Den Haag bestand danach lange ein Zeltlager abgelehnter irakischer Asylbewerber.
Was essentiell für die Amsterdamer Gruppe ist? “Dass wir zusammen bleiben. Wenn wir alleine sind, haben wir nichts. Zusammen haben wir Potential und sind weniger Opfer.” So fasst Cyriac das zusammen, und tatsächlich findet man diesen Aspekt über die Jahre bei We Are Here immer wieder. Zumal am Anfang wurde den Mitgliedern bei mancher Räumung seitens der Stadtverwaltung angeboten, vorübergehend andere Schlafplätze in Anspruch zu nehmen. Doch weder Notunterkünfte für Obdachlose noch vorübergehende Unterbringung in Asyl- Heimen sind eine ernsthafte Alternative. Die Gruppe, hieß es stets, müsse zusammen- und öffentlich sichtbar bleiben, um ihre politische Botschaft und die Forderung nach Asyl in den Niederlanden äußern zu können. Eine räumliche Verteilung würde diese letzte Möglichkeit unterminieren.
An der Konstellation hat sich bis heute nichts geändert – abgesehen davon, dass der Europarat sowie der Europäische Ausschuss für soziale Rechte Ende 2014 verfügten, dass auch abgelehnte Asylbewerber Recht auf grundlegende Leistungen (in den Niederlanden nennt man dies “Bett, Bad und Brot”) haben. Die Umsetzung des Urteils ist je nach Kommune unterschiedlich. In Amsterdam beschränkt sie sich auf einen Schlafplatz, der am Morgen wieder verlassen werden muss. Ausnahmen gibt es nur für nachweislich Schwerkranke. Auch innerhalb der liberal- sozialen Koalition in Den Haag ist das Thema umstritten. Die We Are Here- Forderung nach einem Bleiberecht erfüllt es ohnehin nicht.
Unabhängig davon hat die Gruppe in der niederländischen Öffentlichkeit einige Bekanntheit bekommen. Medien berichten regelmäßig über sie, Unterstützung gibt es von Hausbesetzern, No Border- Aktivisten, Nachbarn und Privatpersonen sowie einer eigens eingerichteten Stiftung namens “Here to support”. Diese will mit Hilfe von Kunst- und edukativen Projekten das Thema auf der diskurisiven Agenda halten. Rund 80 Freiwillige organisieren täglich Essen, werben Spenden oder organisieren Busse für Transport, wenn wieder mal ein Umzug ansteht. Langfristig versuchen sie auch, mittels eines geeigneten Anwalts neue Asyl- Prozeduren in Gang zu setzen.
Unterdessen stoßen weiterhin Neue zu We Are Here. Die Somalierin Maryama etwa, 22 Jahre, die seit Herbst 2014 Teil der Gruppe ist. Von deren Existenz erfuhr auch sie über eine Freundin. “Ich musste etwas tun, weil das, was mit mir passierte, nicht human war”, sagt sie rückblickend. “Du kommst in ein Land, wirst immer wieder abgelehnt und kannst nichts daran ändern. In dieser Situation ist We Are Here das Kraftvollste, das ich je erlebt habe.”Einen politischen Hintergrund hat Maryama, die als eine der Sprecherinnen der Gruppe fungiert, nicht. “In Somalia gab es keine Politik, nur Milizen.” In die Niederlande kam sie vor fünf Jahren, ihr Asylantrag wurde, wie sie sagt, wegen Verfahrensfehler der Ausländerbehörde abgelehnt. Sie landete auf der Straße, erst in Alkmaar, dann in Amsterdam.
Etwa 35 % der Gruppe, sagt Maryama, sind Frauen. Und obwohl es unter den Aktivisten keine genderspezifischen Unterteilungen gibt, sind die Frauen “auf Demos immer in der vordersten Reihe”. Das gilt nicht zuletzt für Maryama selbst, die als entschlossene Rednerin gerne zum Megaphon greift. Zu Jahresbeginn versprach sie bei einer Kundgebung: “wir werden weiterkämpfen, solange wir leben.” Im Spätherbst 2015 gibt sie Einblick in eine Gruppendynamik zwischen Resignation und Aufbäumen: “Es hat einen Punkt erreicht, an dem du viel einsetzt, aber es ist so kompliziert und so weit weg. Und es hat mentale Müdigkeit geschaffen, so sieht es aus im Moment. Aber es ist die einzige Perspektive die wir haben, darum machen wir weiter.”

Wie zäh dieser Prozess ist, zeigt ein Zitat aus dem ersten Winter. Der Sudanese Omer bilanzierte damals: “Wir sind in einem Niemandsland.Wirklich glücklich sind wir erst, wenn wir eine Lösung haben. Aber immerhin können wir uns hier ausruhen.” Drei Jahre später haben sich aus dem Zustand des prekäe Refugiums Strukturen ergeben. Zum Beispiel in Form von Kontakten zu anderen selbstorganisierten Flüchtlingsinitiativen wie “Lampedusa in Hamburg”, dem Brüsseler Sans Papiers- Kollektiv oder dem Camp am Oranienplatz in Berlin. Vertreter dieser Gruppen kamen im November nach Amsterdam, um Strategien zu entwickeln, wie man die europäische Politik beeinflussen könne. Erstes Ziel: ein gemeinsames Forum im Mai 2016.

Erschienen in Blätter des iz3w, 17. Dezember 2015

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