Sexual Healing an der Betonküste

Der King of Soul und die Königin der belgischen Seebäder – das war eins der bizarrsten Exile der Musikgeschichte. Jetzt kann man in Ostende mit einem Digital Walk auf den Spuren Marvin Gayes wandeln.

Geschmeidig dribbelt der bärtige schwarze Mann über den blassgrünen Court. Er trägt Converse- Schuhe, dazu seinen Lieblings- Adidas- Anzug in weinrot. Lässt seinen Gegenspieler stehen und setzt an zum Korbleger. Der Zoom fängt den Ball ein, der durch das Netz rauscht. Dann schwenkt die Kamera über die dunklen Holzgebäude, die das Sportzentrum umgeben. Errichtet wurden sie um 1900 als Pferdestall für König Leopold II. 80 Jahre später kommt ein weltberühmter Sänger hier regelmäßig ein paar Körbe werfen: Soulstar Marvin Gaye, verantwortlich für Kaliber wie “What´s going on” und “Sexual Healing”.

Die Szene ist Teil einer speziellen Application namens “Midnight Love Digital Walk”, die das Tourismusbüro der belgischen Hafenstadt unlängst veröffentlichte. Die iPods können Besucher vor Ort leihen und sich damit auf eine zweistündige Spurensuche durch Ostende begeben. Auf zwölf Stationen werden sie mitttels einer Collage aus Interview- Ausschnitten, Fimsequenzen und Erinnerungen von Weggefährten zu Zeugen eines der bizarrsten Exile der Musikgeschichte: Marvin Gayes anderthalb Jahre an der Nordsee.

Was für eine Konstellation: der König des Soul und die “Königin der Seebäder”! Ihren Beinamen verdankt die Stadt der mondänen Flaniermeile, die sie im frühen 20. Jahrhundert war. Als Marvin Gaye sie betrat, war ihr freilich längst aller Glamour abhanden gekommen. Die belgische Küste war schon damals eine fast lückenlosen Betoncorniche, und so säumte auch den Strand Ostendes jene Kette beiger Apartementblocks. Residenzen voller Reminiszenzen allesamt, mit Namen wie Belle Epoque, Beau Site oder Majestic, die nun ein wenig schrullig wirkten. Die Frage drängt sich auf: was, um Himmels Willen, tat ein flamboyanter Star wie Gaye hier?

Die Antwort gibt es vorne am Meer. Dort beginnt der Rundgang, denn über das Meer kam auch Gaye, im Februar 1981 mit der Fähre aus Dover. Schwarz- weiß- Aufnahmen zeigen ihn im Bug eines Schiffs, in langem Mantel und mit nachdenklichem Blick. Es ist nicht seine beste Phase, im Gegenteil. Mit Anfang 40 lautet seine Bilanz: zwei gescheiterte Ehen, vier Millionen Dollar Steuerschulden, die Karriere auf dem Tiefpunkt. Nach einer Europatour blieb er mit Drogenproblemen und depressiv in London zurück.

Auf der anderen Kanalseite war Freddy Cousaert damals eine schillernde Figur. Der Promoter, Clubbetreiber und Hotelier verfügte über gute Kontakte in die britische Soulszene. Zum Entspannen und Entgiften ludt er Gaye in sein Hotel ein. Was danach kam, illustriert der “Digital Walk” mit einem wahren Erinnerungsreigen. Cousaerts Ehefrau Liliane sagt, dass “leckere Suppe” und frische Blumen dem strauchelnden Star die Ankunft verschönern sollten. Schnell wurde er zum Freund der Familie. Er posiert auf dem Sofa mit den Cousaert- Kindern und in der Hotelküche mit Fischgräten und Hühnerschenkeln. “Hier bekam er wieder Boden unter den Füßen”, erzählt Tochter Pascale im Rückblick. “Vielleicht war es etwas grau, aber es war schön.”Gaye selbst klingt eher melancholisch: “Ich bin eine Waise, und Ostende ist mein Waisenhaus.”

Seine Spuren im Waisenhaus aber sind bisweilen verblasst. Das Eckhaus, in dem das Hotel Mercury war, beherbergt heute Wohnungen. In der Warschaustraat ein paar Blöcke weiter, wo Gaye ein Appartement bezog, zeigt die renovierte Fassade keinerlei Ähnlichkeit mehr mit den alten Aufnahmen. So folgt man mit iPod in der Hand und Kophhörer den Wegen eines Phantoms durch das heutige Ostende, wo längst nicht jeder diese Geschichte kennt. Auch damals hielten, jenseits der kleinen Szene um Freddy Cousaert, die meisten Bewohner den Soulstar für einen der amerikanischen Basketballer des Ostender Clubs Sunair. “I´m Marvin Gaye”, stellte er sich in einer Bar- Szene auf dem Bildschirm einem Fischer vor. Der Mann fragt nach: “Where are you from? Paraguay?”

Kontemplation statt Kokain, das war durchaus der Plan. Beinahe täglich joggte Marvin Gaye auf der Suche nach Seelenfrieden durch die Dünen. Wenn er Gesellschaft wollte, zog es ihn im Schlepptau der afroamerikanischen Basketballer häufig zum Abendessen ins ´Bistro´, ein Restaurant schräg gegenüber des markanten hellen Rundbaus namens Casino- Kursaal, der für Gaye noch eine Rolle spielen sollte. Wenn er dort mit einem Aperitif den Abend einläutete, war er meist in Gesellschaft Freddy Cousaerts, der immer ein wachsames Auge auf ihn hatte.

Heute heißt das Etablissement ´Jan´s Café´. Der Inhaber beider Läden, Jan Van Snick, ist seit kurzem im Ruhestand. Das Marvin- Gaye- Poster aber hängt noch immer an der Wand. Im Digital Walk ist diese Passage nicht enthalten, doch im Gespräch deutet Van Snick im schweren Ostender Slang an, dass der Promoter durchaus mehr im Sinn hatte als einen gratis Wellness- Aufenthalt für einen Weltstar in der Krise. ´Comeback´ hieß das Zauberwort. Als Gaye einen Gitarristen suchte, brachte er einen anderen Schützling ins Spiel: Danny Bossaert, mit Mitte 20 schon in sieben Stilen zu Hause, darunter Soul und Funk.

Heute ist er eine Ostender Institution als stilvollendeter Wirt des Cafés ´De Tijd´, wo man für selbige nur allzu leicht den Sinn verliert. Bossaert kredenzt die Drinks hier standardmäßig im Anzug. Die langen Haare sind zurück gekämmt, die Füße stecken in spitzen Schuhen im Schlangenmuster. Wenn man Glück hat, erzählt er von dem Abend, als er zum Vorspielen in den vierten Stock der Promenaden- Residence “Jane” kam, wo Gaye inzwischen wohnte. “Irgendwann am frühen Morgen fragte er: ´Danny, can you come back tomorrow?´ Und ich sagte, ´yes, Marvin´.”

Nicht immer wurde bei ihren Sessions nur komponiert. Der Gitarrist rühmt noch heute die Kochkünste Marvin Gayes. Das Leitmotiv war Huhn, die Variationen zahlreich. So inspiriert, schuf Bossaer das Riff zu “Rockin after Midnight”, einem der prominentesten Stücke des Comeback-Albums “Midnight Love”, das 1982 in der Nähe von Brüssel aufgenommen wurde. Gaye selbst, sagt Bossaer, schrieb in diesem Appartement eines nachts den Text des Songs, der ihm den Grammy bringen würde.

“Sexual Healing ist hier entstanden” steht folglich auf einem vier Meter hohen Schild an der Einfahrt in die Stadt. Es zeigt das Logo des Digital Walk und wird nachts von einem Scheinwerfer bestrahlt. Marvin Gayes größter Verkaufserfolg gerät zum Flagschiff der Erinnerungstour, die am Casino- Kursaal ihr Ende nimmt. Dort hat man übrigens auch das Denkmal wieder aus einem Seitenflügel geholt und an prominenter Stelle im Foyer postiert. Gaye am Piano, zweieinhalb Tonnen Bronze, die bei Konzerten in feierlichem Rosélicht vor sich hin glänzen. Manchmal machen die Besucher in der Rauchpause Handyfotos davon.

Seine feinen Züge verdankt das Monument einem Mann, der auf dem Midnight Love- Walk nicht vorkommt. Der Künstler Charles Dumolin wurde Marvin Gayes Nachbar, als dieser 1982 in eine Villa im Dörfchen Moere im Hinterland zog. Schnell schloss er Freundschaft mit Gaye, den er als “Mann auf der Suche nach sich selbst” in Erinnerung hat. Heute wohnt Dumolin, einst Kopf der belgischen Kuschelhippieband Lester and Denwood, im nahen Brügge. In seinem Atelier in einem alten Holzhaus im Stadtzentrum, entstand in einem halben Jahr Arbeit das Denkmal. Dumolin selbst blieben noch mehr Souvenirs: als der Nachbar wegen Visumproblemen im Spätsommer 1982 überstürzt in die USA zurückkehrte, ließ er Bänder mit unveröffentlichten Songs ebenso zurück wie Erinnerungsfotos und Notizen.

Bei letzteren findet sich auch eine Zeichnung Marvin Gayes: das Modell eines Posters, das seinen Auftritt im Kursaal ankündigt. Quer darüber sollte der Schriftzug “SOLD OUT” kleben. Doch es kam anders: die Königin der Seebäder ließ den King of Soul hängen. Knapp halbvoll war der Saal, das vermeintliche Heimspiel wurde ein Flop. Es war sein letzter Auftritt in Europa, denn Anfang 1984 wurde Marvin Gaye von seinem Vater im Streit erschossen. Die alten Dämonen, Depressionen und zu viele Drogen, hatten ihn längst wieder im Griff. Man sagt, er hätte über eine Rückkehr nach Ostende nachgedacht.

Erschienen in Die Zeit, 22. März 2012

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