Sankt Petersburg, zwei Uhr morgens

Mads Nissens Fotografie dokumentiert das homofobe Russland – und jene, die darunter leiden und lieben.

“Bist du ne Schwuchtel?” Mit dieser Frage beginnt die Geschichte des Gewinner- Bilds des World Press Photo Award 2014. Es ist Sommer 2013, und Mads Nissen ist in Sankt Petersburg, um einen Workshop zu geben. Eine gute Gelegenheit, in Russland zu fotografieren, denkt er sich. Also begibt er sich mit seiner Kamera zur Gay Parade, die zufällig zur gleichen Zeit stattfindet. Er macht die Bekanntschaft des jungen Pavel. “Bist du ne Schwuchtel?” Plötzlich steht da ein Hooligan und rotzt Pavel diese vier Wörter entgegen. “Ja”, antwortet Pavel zaghaft, “ich bin homosexuell”. Die Faust trifft ihn mitten ins Gesicht. Kurz darauf werden Schläger und Opfer von der Polizei verhaftet.

“Wenn mich etwas berührt, fange ich an zu photographieren”, sagt Mads Nissen, der für die dänische Zeitung Politiken arbeitet. In diesem Fall wird daraus die Basis seines Projekts “Homophobia in Russia”. Viermal bricht er auf, meist nach Sankt Petersburg, er lernt ein lesbisches Paar kennen, das dank künstlicher Befruchtung Kinder hat und in Angst lebt, der Staat könne sie ihnen “wegnehmen”. Er trifft Mitglieder einer gewalttätigen homofoben Bande, den Politiker Witali Milonow, einen der Architekten des berüchtigten homosexuellenfeindlichen Gesetzes.  Einen jungen Schwulen, noch picklig im Gesicht und mit flaumhaftem Bart und Augenklappe. Darunter ist nur noch ein Loch. Das Auge schossen ihm seine Peiniger mit einer Pistole aus.

Das Bild, mit dem Mads Nissen nun den World Press Photo Award gewonnen hat, ist anders. Es zeigt ein schwules Paar in einem äusserst intimen Moment, spärlich ausgeleuchtet vor einem Vorhang. Der eine liegt auf dem Rücken, der andere hockt über ihm und umarmt ihn zärtlich. “Ich wollte nicht nur den Hass in meiner Reportage zeigen, sondern auch die Liebe”, sagt Nissen nach der Bekanntgabe des Ergebnisses in Amsterdam. “Einen Romeo- und- Julia- Moment: zwei Menschen, eine Liebe, und eine Instanz, die ihnen diese nicht erlaubt.”

Wie es dazu kam? “Jemand stellte mich Jon und Alex vor. Beide sind Anfang 20 und Aktivisten für Homosexuellen- Rechte. Wir redeten lange, über ihr Leben, über mein Leben, und wir tranken viel Bier. Dann, um zwei Uhr morgens, fragte ich sie, ob ich dieses Bild von ihnen machen könnte. Ich hatte Glück, und sie luden mich ein in ihr Schlafzimmer zu kommen. Ich bat sie sich so zu verhalten, als sei ich nicht anwesend.”

Mads Nissen betritt die Szenerie des homofoben Russland just in der Zeit, da die Duma 2013  das “Gesetz gegen Propaganda nicht- traditioneller sexueller Beziehungen” annimmt. Unter dem Deckmantel des Minderjährigen- Schutzes stellt es jeglichen öffentlichen Bezug auf Homo- und Bisexuaität sowie Transgender- Themen unter Strafe. Sein Fokus liegt meist auf Sankt Petersburg. In der Metropole gibt es gewisse Freiräume für eine kleine LGBT- Szene, doch auch hier wird der Däne Zeuge von Gerichtsprozessen wegen Verstoßes gegen das besagte Gesetz und einer Atmosphäre der Angst, die um sich greift.

“Je mehr ich erfahren habe, desto schockierter war ich.” Mads Nissen sieht Angriffe homofober Schlägertrupps, er fotografiert Patronen, die sie auf ihre Opfer abfeuern wollen und trifft Mitglieder eine Gruppe, “die darauf spezialisiert sind, Schwule zu fangen und sie stundenlang zu foltern. Sie zwingen sie Urin zu trinken, filmen alles und veröffentlichen es auf Social Media.” Diese Tendenzen sieht er als als Kontrast, aber auch als Kennzeichen dessen, was er das “moderne Russland” nennt.” Ein Land mit gutem Bildungsstandard, im Bewusstsein seiner bedeutenden Tradition von Literatur, Kunst und Philosophie – “und trotzdem passiert so etwas”.

Basierend auf seinen Beobachtungen und Erlebnissen macht Nissen innerhalb der grassierenden russischen Homofobie mehrere Ebenen aus: “Es gibt den legislativen Bereich mit dem Propaganda- Gesetz und staatlicher Repression. Dann sind da die gewalttätigen Gangs. Manche nennen sich fachistisch, manche kommunistisch, nationalistisch, ultra- konservativ oder orthodox. Alle haben gemeinsam, dass sie Gewalt gebrauchen. Manche gehen so weit, dass sie Homosexuelle töten wollen.” Dazu, so Nissen, kommen die Ressentiments einer deutlichen Bevölkerungsmehrheit. “Sicher 80% sind gegen Homosexualität”, schätzt er. Auf seinen russischen Streifzügen äusserte sich dies in alltäglichen Phänomen vom Mobbing in der Schule bis zum Verlust des Jobs wegen sexueller Orientierung.

Unabhängig von der Auszeichnung seiner Arbeit ist das Projekt “Homophobia in Russia” für Mads Nissen noch lange nicht abgeschlossen. Im Mai dieses Jahres steht ihm allerdings eine besondere Begegnung mit zweien seiner Protagonisten bevor: ein schwules Petersburger Paar wird in seine Heimatstad Kopenhagen kommen, um dort zu heiraten. Ehrensache, dass er bei der Feier dabei ist. “Wir haben ausgemacht, dass ich der Hochzeits- Fotograf bin.”

Erschienen auf Zeit Online, 12. Februar 2015

 

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