Pfeffernüsse und Volkszorn

Die Vereinten Nationen untersuchen, ob die niederländische Brauchtumsfigur “Zwarte Piet” rassistisch ist. Die immense Protestwelle lässt tief blicken.

500 Menschen kamen am Samstag in DenHaag zu einer Demontration zusammen. Ihr Anliegen: Zwarte Piet, den Diener der beliebten Brauchtumsfigur Sinterklaas “schwarz zu halten”. “Supergezellig”, so hatte Initiatorin Mandy Roos ihre Kundgebung “gegen die UN, für Zwarte Piet” angekündigt. Was man darunter verstehen muss: Sinterklaas- Schlager, Dutzende schwarz geschminkte Gesichter mit dicken roten Lippen und Afro- Perücken, die sich gegenseitig versicherten, ihr geliebtes Fest sei die Harmlosigkeit schlechthin.

Quinsy Gario, ein Künstler von den niederländischen Antillen, war zu diesem Zeitpunkt schon abgetaucht. Er enthält dieser Tage am laufenden Band Drohungen, in Internetforen schimpft man ihn “Landesverräter” und fordert, ihn “in sein Herkunftsland ab zu schieben”, weil er bei der Amsterdamer Stadtverwaltung beantragte, den volksfest- ähnlichen Einzug von Sinterklaas Mitte November ohne seinen schwarzen Knecht ab zu halten. Gario hält den Brauch für ein “koloniales Aufstossen” 150 Jahre, nachdem die Niederlande die Sklaverei abschafften.

Die Diskussion um die kolonialen Elemente des Sinterklaas- Fest hat längst Tradition. Letzte Woche aber eskalierte sie, als bekannt wurde, dass eine UN- Arbeitsgruppe die Frage untersuchen würde. Organisationen wie die “Stiftung Sklaverei- Vergangenheit” hatten bei den Vereinten Nationen geklagt. Verene Shepherd, die Vorsitzende der Arbeitsgruppe, regte schon vor Beginn der Untersuchungen in einem TV- Interview an, das Fest zu verbieten. Eine wütende Protestwelle war die Antwort.

Internationale Medien stürzten sich vor allem auf eine Facebook- Kampagne, die für zwei Millionen likes zwei Tage brauchte. Zumal in Deutschland erscheint es kreativ und fröhlich, wie “die Niederländer für ihren Nikolaus kämpfen” (Stern). Derweil erleben alle Migranten zwischen Maastricht und Groningen ein Phänomen: fast all ihre niederländischen Freunde versichern, Zwarte Piet sei sicher nicht rassistisch “gemeint”, sondern Teil eines Kinderfests und damit vollkommen harmlos.

Tatsächlich haben die wenigsten von ihnen rassistische Ambitionen. Und, es muss gesagt werden, sie lieben ihren Piet, als Diener zwar, aber keineswegs als Untermenschen. Er gehört zum Brauchtum wie die Pfeffernüsse, die ab November allenthalben vertilgt werden. Manche wollen sich des politischen Kontexts gar mit dem Argument entledigen, Piet sei schwarz, weil er der Legende nach mit seinen Geschenken durch den Schornstein kriecht.

Unübersehbar aber ist der Rahmen dieser Debatte explizit politisch. Etwa, wenn ein Sprecher auf der Website des Boulevardblatts Telegraaf in Piet- Aufmachung die Nachrichten liest. Die gleiche Zeitung erklärt ihrem Publikum, eine kleine “linke Elite” in Amsterdam wolle der fröhlichen Mehrheit ihr geliebtes Fest verderben. Ganz zufällig fand sich am selben Tag eine Seite weiter eine grosse Überschrift: “Wir sind noch zu tolerant.”

Ein aussagekräftiges Detail am Rande: Geert Wilders, der sich gern als Anwalt der hart arbeitenden weissen Niederländer inszeniert, war nie unumstrittener als in dieser Debatte. “UN wollen Ende vom Sinterklaasfest. Ich will das Ende der UN. Sie auch?” twitterte er, und hat damit den Finger dicht am Puls der Bevölkerung, die in diesen Tagen zusammenrückt. Man beruft sich auf “unsere Kultur”, “unser Land”, “unsere Tradition”, und bezieht so Stellung gegen die UN als abstrakten äusseren Feind.

“New York” erscheint dabei fast als Verlängerung von EU und “Brüssel”. Zunehmend werden supra- nationale Organisationen so zum Synonym für Diktat, Einmischung und: Spassverderber. “Es ist ein Rund entstanden auf Zwarte Piet- Kostüme” schreibt der Telegraaf zuletzt genüsslich und freut sich auf “extra viele Pieten dieses Jahr”. Die UN- Vertreter haben also reichlich Anschauungsmaterial, wenn sie demnächst zur Untersuchung anreisen.

Erschienen in Jungle World, 31. Oktober 2013

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