Nordfrankreich wird zum Nadelöhr (Kanaltrilogie Teil III)

Die Hafenstadt Calais ist eine Schlüsselstelle auf den Routen von Transitmigranten quer durch Europa. Vor einem Jahr räumte die französische Polizei dort ein riesiges Flüchtlingscamp. Es sollte der Anfang vom Ende sein für die klandestine Kanalüberquerung auf der Suche nach Asyl oder zumindest einem besseren Leben in Grossbritannien. Doch noch immer suchen in Sichtweite der englischen Küste Hunderte ihr Glück. Ein Besuch an einer ungastlichen Küste in drei Teilen. Ein Deodorant und ein Blatt Papier, verborgen in einer Hüfttasche – mehr ist es nicht, das Mustafa mit in sein neues Leben nimmt. Transpirationsfördernd ist sein Alltag durchaus: mal schwitzt er vor Anstrengung, wenn er auf der Flucht rennen und über Zäune klettern muss. Mal vor Nervosität, wenn der 28jährige aus Bagdad wieder einmal in einem LKW sitzt und hofft, dass er es schafft, vorbei an den drei Kontrollpunkten vor der Fähre, an Herzschlagdetektoren und CO2- Messgeräten, und dass dann noch die Hunde nicht anschlagen. Das Spray kann er also gut gebrauchen. Das Papier ist eher eine Formsache: es besagt, dass er sich illegal in Frankreich aufhält und zwei Tage und zwei Nächte hat, das Land zu verlassen. Als die Sonne Kurs Richtung Untergang nimmt, macht er sich auf. “Ich gehe. Nach London”, sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken. Es ist ihm ernst. Zuversicht blickt aus seinen Augen. Er dreht sich um und verschwindet im Gebüsch.

Zehn Minuten entfernt liegt der Rastplatz Téteghem. Viel los ist nicht an diesem windigen Abend. Zwei LKW mit zugezogenen Vorhängen. Ein paar Touristenautos, eine Familie mit Hund, die sich am nahen See die Beine vertritt. Noch gut 30 Kilometer bis zum Hafen in Calais. Ihre überraschten Blicke streifen die Hinterlassenschaften am Rand des Trampelpfads, Konservendosen, Plastikverpackungen, ab und an eine Jacke oder Socken. Was sich hier bei Dunkelheit abspielt, ahnen sie nicht: ein paar Dutzend kurdische Flüchtlinge, die meisten aus Irak, einige aus dem Iran, versuchen Nacht für Nacht, unbemerkt auf die Ladefläche eines LKW zu gelangen, oder wenigstens auf die Achse, um als blinde Passagiere mit der Fähre den Kanal zu überqueren. England ist das Ziel, die Aussicht: bessere Chancen auf Asyl und weniger Identitätskontrollen als auf dem Festland, Schwarzarbeit in Hülle und Fülle. Auch wenn er sich immer weniger mit der Realität deckt, der Mythos dauert an.

Um die 50 von ihnen haben sich unweit des Rastplatzes niedergelassen – im Jungle. So heißen an der Kanalküste die inoffiziellen Flüchtlingslager, errichtet aus dem, was gerade verfügbar ist: Abfall, Holzlatten, Plastikplanen. Ursprünglich konzentrierte sich das Geschehen auf die Hafenstadt Calais, wo die englische Küste am nächsten liegt und die Fähren eine Frequenz haben wie anderswo Vorortzüge. Doch seit einem Jahr geht die französische Regierung in Calais massiv gegen die Flüchtlinge vor. Im September zerstörte sie den größten der Jungles, in dem mehr als 800 Afghanen wohnten. Seither sind Razzien und Festnahmen in den verbliebenen Camps an der Tagesordnung. Eine “migrantenfreie Zone”, so Immigrationsminister Besson, solle die Stadt werden.

Seither gerieten andere Orte ins Blickfeld: zum Beispiel der Rastplatz von Téteghem, einem unscheinbaren Vorort von Dunkerque. Je härter die Bedingungen in Calais sind, desto mehr Flüchtlinge weichen in die Umgebung aus. Allein um Dunkerque herum gibt es drei Jungles, allesamt an LKW- Raststätten gelegen. Weitere bestehen im Hinterland, an den Autobahnen Richtung Küste. Selbst in den Hafenstädten der Normandie, in Cherbourg und Le Havre, kennt man das Phänomen. Dass Dunkerque sich neben Calais zu einem zweiten Zentrum entwickelte, sieht man in Téteghem: wochenlang war der Rastplatz im Sommer geschlossen. Helfer der katholischen Association Salam, die die Jungles einmal in der Woche mit Essen versorgen, erzählen, die Präfektur erwäge, alle Rastplätze zwischen der belgischen Grenze und Calais zu sperren.

Hossein kennt sie beinahe alle. Immer, wenn ein Versuch gescheitert ist, läuft er zu Fuß von Calais zurück. 40, 50 Kilometer entlang der Autobahn, ein paarmal in der Woche. Am Nachmittag trudeln die, die es letzte Nacht nicht geschafft haben, im Jungle ein. Hossein kommt gerade rechtzeitig. Eine kleine Delegation Freiwilliger von Médecins du Monde stattet dem Jungle ihre wöchentliche Visite ab, untersucht und verteilt Medikamente. Hossein, der fließend Englisch spricht, erscheint mit zwei Freunden beim Arzt: “Dieser hier hat ein Problem mit seinem Bein.” Der Mann zu seiner Linken dreht den Knöchel und deutet eine Verstauchung an. Hossein weist nach rechts: “Er hat Zahnschmerzen.” Der Andere öffnet den Mund. “Und ich, ich habe Blasen.” Er zieht sich die glänzenden schwarzen Turnschuhe aus, streift die Socken ab und zeigt seine entzündeten Fußsohlen.

Laufen gehörte einst zu Hosseins Job. Fußballprofi war er, bei einem der Teheraner Clubs in der ersten iranischen Liga. Dass mit Anfang 20 seine Karriere schon vorbei war, lag an der Bibel: “Ich las sie intensiv und kam zu dem Schluss, dass sie besser sei als der Koran”. Also konvertierte Hossein vor anderthalb Jahren zum Christentum. Doch jemand denunzierte ihn, der Club setzte ihn vor die Tür, und bei einem Gottesdienst in einer illegalen Kirche gab es eine Razzia. Hossein konnte entkommen. Von seinem Gehalt als Profi bezahlte er die 18.000 Euro teure Passage durch die Berge in die Türkei, mit nächtlichen Trucks weiter ans Mitelmeer, eine Fähre nach Griechenland, eine weitere nach Italien. Hier jedoch, am Kanal, sind die Dinge ins Stocken geraten. Der Sprung nach England will nicht gelingen, seit Wochen schon. Letzte Nacht scheiterte er knapp vor dem Ziel. An den ersten beiden Kontrollen kam er vorbei. Dann, bei der dritten, flog er auf. 50 Meter vor der Fähre.

Gut zehn Kilometer weiter die gleiche Szene: in Grande- Synthe, einem anderen Vorort von Dunkerque, liegt der Jungle auf einer Waldlichtung nahe der Autobahn. Er ist kleiner, mit nur einer Handvoll Zelten und etwa 30 Bewohnern. Auch sie sind Kurden. Im Hintergrund steht ein Wassertank, den Helfer in langen Verhandlungen der Kommune abgetrotzt haben. Während sich die Anderen dort den Schlaf aus den Augen waschen, zieht Bilal (Name geändert) ein bitteres Fazit: “Es gibt keine Chance. England ist unerreichbar geworden.” Dabei hatte er es eigentlich schon geschafft. Fünf Jahre lebte er in London. Dann wurde seine Mutter schwer krank. Um bei ihr zu sein, ging er zurück in den Irak – und brach wieder an den Kanal auf, sobald es ihr besser ging. Seit einem Monat ist er wieder hier, doch bisher schlugen alle Versuche fehl. Was Bilal besonders frustriert, ist, dass er vor fünf Jahren keine Woche brauchte – von einem Jungle in Calais aus.

Denen, die es heute direkt in der Stadt probieren, raubt das tägliche Katz- und Maus- Spiel mit der Polizei die Energie. Abgeschoben wird selten jemand, denn Frankreich will für Transitmigranten ungern Geld ausgeben. Doch die tägliche Routine schlaucht: Festnahme, eine Nacht auf der Wache, und wieder zurückkehren und sehen, dass die Polizei Schlafsack, Matte und alle anderen persönlichen Besitz konfisziert oder zerstört hat. Adams, ein 37jähriger Kuhhändler, kann ein Lied davon singen. Er ist einer von etwa 20 Sudanesen aus Darfur, die sich am Rand des Zentrums im Hof einer verfallenen Schreinerei nieder ließen. Jeden Morgen bekommen sie Besuch von der Spezialeinheit CRS. Manchmal auch am Abend noch einmal. Gestern nahmen sie Adams mit. Einen Tag danach wartet er wieder auf die Dunkelheit. Wie alle hier.

In einer hellblauen Baracke ganz hinten im Hof schauen alle nach vorne. An die Tafel. Und überhaupt. Freiwillige aus der Stadt geben hier Sprachunterricht, Französisch, denn ein paar Brocken können nicht schaden, wenn sie schon hier fest sitzen. Vor allem die Englischstunden aber sind beliebt. Einige Phrasen wissen zwar fast alle, schreiben aber können sie die wenigsten. Also malt der Lehrer einfache Fragen an die hellbraune Holzvertäfelung. What´s your name? How old are you? Where is Adams? Gelächter ringsum, als jemand antwortet: “At the police station.” Als guter Händler muss Adams dann das letzte Wort haben: “At the police station in England.”

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